Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 37 (26.11.1920)
- Date
- 1920-11-26
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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auch den nichtjüdischen Auswanderern zugute kommt. Wenn die aufrichtende, heilende, pflegende Liebe, die mit hundert Armen jetzt über das Weltmeer herüberlangt und aller Völker des blutenden alten Kontinents sich annimmt, mit Recht überall in hohen Lobestönen gepriesen wird, dann darf die an den in Danzig weilenden Auswanderern geleistete amerikanische Liebcsarbeit auf die dankbare Anerkennung der Danziger Bevölkerung gewißlich rechnen. Es gibt eben einen Grad des Elends, vor dem die starre Eiskruste, die der Krieg mit allen seinen traurigen Begleit- und Folgeerscheinungen um die Menschenherzen gelegt hat, nicht standhält — einen Grad des Elends, der uns allen zum Bewußtsein bringt, daß der Mensch auf den Menschen angewiesen ist, daß der Mensch zum Menschen gehört. Als einen herzersreuenden Beweis dafür, daß das die Stimmung ist, die der Anblick des gegenwärtigen Auswandererelends in der Danziger Bevölkerung auslöst, führt der erwähnte Artikel der „Danziger Neuesten Nachrichten" einige rührende kleine Züge an — Züge, die nicht etwa der Phantasie des Verfassers jener Zeilen, sondern der Wirklichkeit entstammen und die von jedem im Auswandererbetrieb selbst Tätigen durch ähnliche Beobachtungen ergänzt werden können. Diese Beobachtungen aber gerade sind es, die mir heute die Feder in die Hand drücken, denn sie wecken eine historische Reminiszenz, die der Hervorhebung wert erscheint und vielleicht auf allgemeineres Interesse rechnen darf. Da kam mir neulich, dank der Freundlichkeit eines bekannten heimischen Büchersammlers, ein vergilbtes, kleines Büchlein in die Hand, das 1832 in Gumbinnen gedruckt ist und den Titel trägt „Geschichte der Auswanderung der evangelischen Salzburger". In schlichter, aber lebendiger Darstellung berichtet dies Buch über die Vorgeschichte und den Verlauf der Auswanderung, welche 1732 Tausende von Salzburger Protestanten infolge religiöser Unduldsamkeit und politischen Druckes aus ihrer schönen Heimat fortführte. Auch wenn man die Auswanderung, deren Bild die Gegenwart uns Danzigern bietet, weder hinsichtlich der äußeren noch der inneren Beweggründe mit der Salzburger Emigration vergleichen will, ist doch die Schilderung der Aufnahme, die die Emigranten damals fanden, interessant genug. Als zu Anfang 1732 — so erzählt das Büchlein — die ersten Ausgewanderten in Donauwörth anlangten, wurden sie zunächst mit Schimpswvrten empfangen, der Stadtkommandant aber verwies den Einwohnern ihr unchristliches Betragen ernstlich, und das tat so gute Wirkung, daß am 16. Junius ein Zug von 90V Personen den Bürgern in die Häuser gelegt werden, konnte, welche sie gut und willig aufnahmen. In Halle, Burg und Berlin erzeigten Katholiken den Salzburgern viel Gutes. Am letzten Ort stand ein Soldat auf der Langen Brücke und sah den Einzug an. Durch den kläglichen Anblick wurde er so zum Mitleid bewegt, daß er drei Silbergroschen aus der Tasche zog und sie einem Auswanderer reichte. Ein dabeistehender Kamerad sagte zu ihm: „Du bist ja selbst ein Katholik und gibst denen etwas, die deinen Glauben verlassen haben?" „Freilich bin ich ein Katholik," antwortete er, „und auf meinem Glauben will ich leben und sterben. Aber eine solche Verfolgung und Vertreibung anderer Religionsverwandten kommt nicht von Gott, sondern vom Teufel, und die billige ich nicht!" In Bütow bat ein katholischer Schuhmacher, dem man keine Salzburger zur Verpflegung gegeben hatte, ausdrücklich, man möchte ihm doch welche zuweisen. „Er fühle sich aus Dankbarkeit verpflichtet, ihnen Gutes zu erzeigen, denn in ihrem Lande sei es ihm selbst einst sehr wohl ergangen." Von den Juden wurden diese Fremdlinge besonders freundlich ausgenommen und beschenkt. lieber die Ursache.dieser Freigebigkeit befragt, sagte ein Jude folgendes: „Wenn sie auch nicht meines Glaubens und von meinem Volke sind, so erkenne ich doch in ihnen Menschen, nach Gottes Bild geschaffen, dessen Befehl es ist, dem Fremdlinge Gutes zu erzeigen. Ich stelle mir bei ihrem Anblick meine aus Aegypten ziehenden Urväter vor. Denen würde es ohne Zweifel wohl gefallen haben, wenn andere sie auf der Reise erquickt hätten." — Ganz besonders vorteilhaft zeichnete sich das Betragen der Juden in Klein- Nördlingen vor dem der dort wohnenden Christen aus. Hier traf am 18. August eine Schar Auswanderer bei großer Hitze ein. Menschen und Vieh sanken vor Durst ermattet nieder, aber keiner der christlichen Bewohner wollte ihnen, selbst für Geld nicht, einen Tropfen Wasser reichen. Als die Juden das sahen, führten sie, ohne die etwaigen Folgen für sich zu fürchten, die Ermatteten zu ihren Brunnen, brachten ihnen Brot und Bier und beschenkten sie auch noch mit Geld. Aus Hildesheim, Weimar, Harburg, Halberstadt, Gunzenhausen, Regensburg, Nauen, Frankfurt sind die Summen genannt, die von den Juden gespendet wurden. In Berlin teilten die Juden unter die Auswanderer nicht nur Liebesgaben aus, sondern veranstalteten in der Synagoge eine Sammlung, die 33 Reichstaler, 8 Groschen und 204 Ellen Leinwand ergab. Besonders charakteristisch ist ein Bericht aus Hessen-Kassel. Als ein Zug Salzburger die Landesgrenze überschritt, trat ihnen eine Abordnung der Judenschast entgegen und überbrachte ihnen 4000 Taler mit den Worten: „Wir sind voll Verwunderung wegen der Ursachen, die euch angetrieben haben, euer Vaterland zu perlassen. Wir bitten euch, dieses Geld anzunehmen als ein Kennzeichen, daß wir Anteil an euerem Zustande nehmen!" Hierdurch wurden einige der Reisenden so bewegr, daß sie ausriefen: ,Zst es möglich, daß diese Leute, die man uns als Feinde anzusehen lehrte, die Brüder beschämen, welche wie wir an Jesum glauben wollen und lins doch auf das heftigste verfolgen, ja gar verjagen!" — Zu Königsberg in Preußen schenkte der Kaufmann Moses Levin den Auswanderern zwei Oxhoft Wein. So erzählt die Geschichte: alle kleinen Züge, in denen eine große Menschenliebe an den Aermsten der Armen, den Heimatlosen, sich bewiesen, hat sie getreulich ausgezeichnet als eine Mahnung zu dankbarer Anerkennung, als ein Ansporn zu gleichem, lobenswertem Tun. Was einst die Freie Stadt Danzig aus den Tagen ihrer so schnell und gewaltsam gewordenen, so schwer behaupteten Selbständigkeit auf den Blättern der Geschichte der Nachwelt zu lesen geben wird, wir wissen es nicht — daß sie und ihre Bürger aber trotz aller unsagbar schwierigen Verhältnisse Pflichten der Menschenliebe zu üben wußten an denjenigen, die zu kurzer Rast schutzsüchend ihr nahten, das wird auch auf dunklen Blättern leuchtende Zeilen bilden. Denn, wie sagt doch das Motto meines Salzburger Büchleins: „Die Geschichte darf nicht schweigen, als der Zeiten, der Menschen und ihrer Taten Richterin!" Der unbekannte Gott". as Christentum, das als die Vollendung , des Judentums bezeichnet wird, wird auch die beste aller Religionen, die es aus der Erde gibt, genannt. Mehrere göttliche Religionen, so ist die Begründung, gibt es nicht und kann es nicht geben, denn die Vielheit der Religionen beruht aus dem Unterschied der Lehre und dieser auf Irrtum, und Irrtum kann nicht von Gott kommen. Das ist die Ausfassung des ') Paul Gvhr:s Buch mit gleichem Titel. Leipzig 1919. , 3 J; ' \ 4; l' \ H |: •? 4