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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-11-26 · Heft 37 (26.11.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 37 (26.11.1920)
Date
1920-11-26
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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sollte -glauben, daß derlei Gewalttaten nur im Verlaufe der militärischen Operationen, nur durch A'U.ekvürflinge der Gesellschaft und nur in kleinen Städtchen verübt werden können. Leider aber erwägen in letzter Zeit die Beamten des Wohnungsamtes in Warschau, Synagogen und Bethäuser zu unbekannten Zwecken zu requirieren. Es ist selbstverständlich, daß ein so unerhörtes Vorgehen die größte Erbitterung unter der gesamten jüdischen Bevölkerung hervorruft/' Die Interpellanten fragen: Sind den Ministerien die Tatsachen der Requisition von Bethäusern in Warschau bekannt, und was gedenken sie zu tun, damit diese niedrige und strafbare Tätigkeit des Wohn ungsamtes' ein Ende nehme? * Wissenschaftliche Arbeit in Palästina. Das Päpstliche BibeLinstitut gibt neuerdings eine Zeitschrift „Biblica" heraus. Im jüngsten Heft dieser Zeitschrift findet sich ein Bericht des JesuitenpaLers Al. Mallon in Jerusalem über wissenschaftliche Arbeit der Juden in Palästina. „Eine Akademie der hebräischen Sprache arbeitet für eine eigene nationale Sprache des Landes Israel. Sie besteht aus öreiunÄzwanzig Mitgliedern, von denen zehn in Jerusalem selbst wohnen, hält zweimäl wöchentlich Sitzungen -und gibt vierteljährlicheinen Rechenschaftsbericht in der neuhebräischen Sprache heraus, deren Durchsetzung ihr hauptsächlichstes Ziel ist. Das a-lte Hebräisch ist eine sogenannte tote Sprache und schon seines geringen Wortschatzes wegen nicht brauchbar als Urngangssprache. Diese Umgangssprache will die Akademie schassen, indem sie die Neubildungen aus semitischen Worten bestreitet und bei europäischen Sprachen nur dann Anleihen macht, wenn es sich gar nicht vermeiden läßt. Zur Einbürgerung dieser Sprache sind allein in Jerusalem mehr als -ein Dutzend Schulen begründet worden. Die Erwachsenen sucht man durch Plakate an Läden und Kaufhäusern: „Jude, sprich Hebräisch!" zum Erlernen des Neuhebräischen anzuspornen. Auch erscheinen bereits zwei Zeitungen in neuhebräischer Sprache: „Die palästinische Tagespost" und „Das Land". Die Schrift ist eine kursive, ähnlich der, die die polnisch-deutschen Juden gebrauchen. In ihr sind auch die amtlichen Bekanntmachungen auf den Bahnhöfen, in der Post usw. gedruckt. Ein Komitee in London hat eine Sammlung eröffnet, die 25 000 Pfund Sterling zusammenbringen soll für die nenhebräischen Schulen sowie für die jüdische Universität, deren Grundstein während des Krieges auf öc-nt Skov-us. unweit des Oelbergs, gelegt wurde. Vorsitzender der Akademie ist Professor Eliezer Ben Jehudah, der Herausgeber des Thesaurus totius hebraitatis et veteris et recentioris (Gesamtwörterbuch der alt- und neuhebräischen Sprache), von dem bis jetzt vier Bände erschienen sind. (Berlin-Schüneberg, Lange n s che id t s che V e r l a gsh a ndku n g.) Neben der Akademie der hebräischen Sprache hat sich auch eine Gesellschaft für palästinische Altertümer gebildet, an deren Spitze David Sellin steht eine der betontesten jüdischen Persönlichkeiten in Jerusalem. Tie Gesellschaft hat die Veröffentlichung eines Corpus der semitischen Inschriften nnternommen. Es umfaßt: 1. alle hebräischen Inschriften, woher auch immer sie stammen; 2. alle in Palästina gefundenen Inschriften gleichgültig, in welcher Sprache sie abgefaßt sind. Die Leitung des Unternehmens hat Dr. Nahum Slosch, Professor des Hebräischen an der Universität i-n Paris und Mitarbeiter am Corpus luseriptiouum Semiticarum, übernommen. Zu diesen beiden wissenschaftlichen Veranstaltungen soll noch als dritte, eine Orientalische Bibliothek hinzukommen. Sie soll möglichst vollständig werden und für die orientalischen Studien alle Bequemlichkeiten bieten, die man in europäisch, n Großstädten findet." * Deutsche Forschung am Sinai. Für lange Zeit wird es wohl das lichte Mal gewesen sein, daß das deutsch-türkische Tenkmalschutzkommando deutsche Forschungsarbeit in Vorderasien ermöglichte. Tie wissenschaftlichen Beobachtungen und Aufnahmen, die die deutschen Forscher aus ihren Inspektionsreisen machen konnten, will Tr. Theodor Wiegand, der Direktor des Berliner Antikenmuseums, in Einzelheiten veröffentlichen, von denen das erste, dem Sinai-Gebiet gewidmet, jetzt bei der Bereinigung wissenschaftlicher Verleger erscheint. Ter Führer des ersten Expeditionskorps am Sn.zkana!, General Freiherr Kreß v. Kressenstein, schildert die so hoffnungsvoll begonnene Kriegführung am Kanal- und man sieht die Aufnahmen, die die treffliche deutsche Fliegerabkeilung-300 dort gemacht hat, z. B den Blick auf die Pyramiden. Wiegand, der Papyrusforscher Prof. W. Schubart, der Prähistoriker Prost Dr. E. Werth teilen eine große Anzahl wertvoller archäologischer und topographischer Beobachtungen mit, und Wiegand behandelt Bautechnik, Baustil und Schmuckformen jener Wüstenruinen, der Reste der Orte des einst gesegneten Landes, die hier in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeit lagen. Der hohe Berg, der hier feit uralter Zeit von Wallfahrern bestiegen wird, trägt nach der Bibel, die ihn den Berg Hör nennt, Arons Grab. Eine prachtvolle byzantinische Kirche hat dann hier gestanden, an dem Platze erhebt sich jetzt ein kleiner islamischer Bau. Aber auch das Sinaiproblem selbst haben die deutschen Gelehrten in Angriff .genommen und glauben den wahren „Berg des Herrn" gefunden zu haben, einen wildzerrissenen, mit seinen goldgelben Ielsmassen weithin sichtbaren, monumental ausgebauten Berg, der heute Dschebel Jelck heißt. Die christlich-byzantinische Tradition suchte, wie man jetzt erkennt, den Sinaiberg. zu weit im Süden, was sich mit den Angaben der Bibel über die Stätte des Gesetzes nicht vereinbaren läßt. Das zweite Heft der Veröffentlichungen wird die Inschriften des Sinaigebietes behandeln, die Prof. D. A. Alt, jetzt in Basel, gesammelt hatpuslvsnderungseiknd und Mrnlchrniirdr. «Line historische Reminiszenz zur Danziger Zcttgeschichke. Von Rabbiner Dr. R. § a e 11 e r (Danzig). Dn einem anschaulichen, stimmungsvollen Artikel der „Danziger Neuesten Nachrichten" wurde jüngst ein Bild des vielgestaltigen Elends entrollt, das sich jetzt, da der Auswandererstrom aus Polen auf einmal mit voller Vehemenz sich nach unserer Stadt ergoß, der Danziger Bevölkerung unverhüllt darbietet. Wer die traurige wirtschaftliche, soziale und politische Lage der Ostjuden, die das Hauptkontingent der gegenwärtigen Auswanderung bilden, kennt und als ailfmerksamer Beobachter die Entwicklung der östlichen Verhältnisse überblickte, dem war es schon seit zwei Jahren klar, daß diese Wanderung kommen mußte und daß der Weg nach ihrem Zielland, Amerika, wo fast jeder der Gedrückten einen nahen Verwandten hat, von dem er Erlösung aus dem Druck und liebevolle Aufnahme erwarten darf, über den Danziger Hafen führen würde. Umfassend und sorgfältig mußten deshalb die Maßnahmen sein, die von den sich verantwortlich fühlenden Instanzen getroffen wurden, um diesen Auswandererstrom in geordneten Bahnen ohne Schädigung feines Ufergeländes durch Danzig durchzuleiten. Die polnischen und die Danziger Behörden widmeten dieser Frage monatelang ihre größte Aufmerksamkeit — neben diesen offiziellen Stellen waren aber auch hier in Danzig und ganz besonders in dem Aufnahmeland Amerika charitative Kräfte am Werke, um rechtzeitig helfend eingreifen zu können. Die Heimat verlassen müssen, ist immer ein bitteres Los — um es erträglich zu machen, reicht offizielle Fürsorge, wie gut und klug sie auch organisiert sei, niemals aus, dazu bedarf es persönlicher, frei? williger Hingabe des Menschen an den Menschen, bedarf es reicher Menschenliebe. Zwei große amerikanische Wohlsahrtsgefellschaften, die Hebrew Sheltering and Immigration Aid Society (Hias) und das Joint Distribution Commitee, welche dank ihrer musterhaften Tätigkeit sich des Vertrauens der amerikanischen Regierung erfreuen, stellten ihre Männer und ihre Mittel großzügig in den Dienst dieser Menschenliebe und entfalten jetzt, nachdem sie zunächst in der Heimat der Auswanderer ihre vorbereitende Tätigkeit ausgeübt, auch hier in Danzig ihren Segen. Menschenliebe kennt keine Schranken, und so ist es selbstverständlich, daß alle diese Fürsorgearbeit

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