Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 37 (26.11.1920)
- Date
- 1920-11-26
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Aus Amsterdam geht uns mit der Bitte um Veröffentlichüng nachstehende Zuschrift zu: An die verschiedenen Komitees in Amsterdam, die sich mit der Hilfeleistung für die notleidenden Juden Europas beschäftigen, treten immer wieder Bitten und Anfragen heran, welche von dem wachsenden Notstand in Mittel- und Osteuropa nur allzu beredtes Zeugnis ablegen. Die holländische Judenschaft sieht sich deshalb vor immer mehr wachsende Aufgaben gestellt, deren Erfüllung die Kräfte der einzelnen Komitees übersteigt. Die folgenden Hilfsorganisationen: das „Komitee für die Pogromopfer in Osteuropa", der vereinigte Verband der „Amsterdamer Hilfsaktion für hungernde jüdische Kinder im Auslande" und die „Kommission für jüdische TranZmigranten und Flüchtlinge in Holland" haben sich deshalb unter dem Namen „Amsterdamsch Hulpwerk voor Buitenlandsche Joden" unter dem Ehrenvorsitz des Oberrabbiners von Amsterdam, Dr. O n d e r w y z e r, vereinigt. Der gemeinsame Ausschuß aller Hilfskomitees besteht aus den Herren: van Dien, Dr. A. Friede mann, Frau B. Konhn-Prins, Mr. Jzak Pr ins, Rabbiner Sarlouis und Frau Slyper- A Z s ch e r. Das Bureau des Verbandes befindet sich zu Amsterdam, Beurs voor den Diamanthandel, Weesperplein 4,. Kamer 22, und wird von Dr. I si d or e Heu geleitet. Alle Zuschriften aus dem Auslande sind dorthin zu richten. * Antisemitische Ausschreitungen in Prag. Prag, 18. November. Gestern versuchte der Pöbel in das Rathaus einzudringen. Im Festsaal des Rathauses sind nämlich jüdische Flüchtlinge untergebracht, die in den nächsten Tagen ausgewiesen werden sollten. Der Prager amerikanische Konsul schritt ein und ließ auf dem Rathaus die amerikanische Flagge hissen. Das neue Deutsche Theater sollte heute abend die Vorstellungen wieder aufnehmen. Der italienische Tenor Fleta sollte in „Tosca" gastieren. Um 5 Uhr erschienen aber Legionäre im Theater, die verlangten, daß die Vorstellungen nicht stattfinden dürsten. Die an den Anschlagstafeln befindlichen Theaterzettel — das Ankleben der deutschen Theaterzettel an den öffentlichen Ankündigungstafeln wird nicht zugelassen — wurden heruntergerissen. Die Legionäre forderten, daß sofort Anschläge angebracht werden, in denen der Ausfall der Vorstellungen angezeigt wird. Inzwischen hatte sich vor dem Theater eine vielhundertköpfige Menge angesammelt. Mehrrere Redner hielten antisemitische Hetzreden. Polizei war ausgeboten worden, schritt, aber nicht ein; die Vorstellung mußte schließlich abgesagt werden. In den Abendstunden wurde das Theater von Polizei und Gendarmerie besetzt. Die deutschen sozialdemokratischen Senatoren haben eine Interpellation eingebracht, in der sie fragen, ob der Ministerpräsident nicht glaube, daß es im Interesse der Ruhe und Ordnung notwendig wäre, daß er und sein Kabinett, die ihre Unfähigkeit und ihren Mangel an gutem Willen der ganzen Welt dokumentiert haben, sofort ihre Demission überreichen. Nach einem Bericht der „Narody Listy" wurden in der alten jüdischen Synagoge auch einige alte denkwürdige Schriften vernichtet. Die Synagoge gehört nicht nur zu den berühmtesten jüdischen Kultstätten, sondern ist auch infolge ihres Alters eines der Weitestbekannten Bauwerke Prags. Gestern haben bereits zahlreiche ausländische Juden, die in den letzten Monaten sich in Prag angesiedelt hatten, die Stadt verlassen. Die „Tribuna" meldet, daß es im fünften Bezirk zu wüsten antisemitischen Ausschreitungen gekommen sei, an denen sich auch Angehörige der Intelligenz beteiligt hätten. „Prawo Lidu" schreibt, daß in Prag ein Zentrum bestehe, das die nationalistischen Massen nach einem verabredeten Zeichen zu einem ganz bestimmten Zweck aufgereizt habe. Die kapitalistische Reaktion habe die Wirren hervorgerufen, um so den Absolutismus heraufzubeschwören. # Aus der ungarischen Hölle. Budapest, 8. November. Am letzten Sonntag ist in den Straßen Budapests wieder jüdisches Blut geflossen. Die Sache fing mit eincr Protestversammlung des „Vereins der erwachenden Ungarn" gegen die Ratifikation des Friedensvertrages an. Schon im Saale kam es zu kleinen Schlägereien, aber bei.dem Umzug löste sich eine Gruppe von Demonstranten los und etwa 8000 Personen zogen vor das Lv'kal des Leopoldstädter Kasinos im fünften Bezirk, welches als das jüdische Kasino bekannt ist. Ein Teil der Demonstranten besetzte die Kasinolokalitäten und brachte darin Waggönbewoh-ner unter. Nachmittags kam es aber an mehreren Stellen d:r Hauptstadt zu schweren Ausschreibungen. In der Rombachgasse, wo sich der orthodoxe Tempel befindet, zog eine aus dreißig Mitgliedern bestehende Gruppe „Erwachender Ungarn" auf und attackierte die jüdischen Passanten. Die Rettungsgesellschaft mußte in zwölf Fällen eingreifen. Um H8 Uhr abends kam es in der Podmaniczkygasse zu Schlägereien. Später wiederholten sich die Ausschreitungen aus dem Karlsring und in der Brunnengasie. Die Passanten wurden von unreifen jungen Leuten blutig geschlagen. Mehrere von ihnen sind ihren Verletzungen erlegen. Die Polizei' nahm mehrere Verhaftungen vor, doch .gelang es erst nach 10 Uhr, die Ruhe m den Straßen herzustellen. Bei den Unruhen wurde sogar ein Arzt der Freiwilligen Rettungsgesellschaft mißhandelt. * Aus Wien wird unter dem 12. November gemeldet: Im ungarischen Parlament sprach gestern der Ministerpräsident über die Vorgänge vom Mittwoch und teilte dabei, mit, daß zugleich mit dem Hotel Bri,tannia noch von drei weiteren Hotels, in denen sich die Terroristen eingen'ilstet hatten, die Jnsaffen ausgehoben worden seien. Insgesamt seien 33 Personen verhaftet worden. Tie nächsten Maßregeln der Regierung seien eine weitgehende Einschränkung des Vereins- und Versammlungs rechts und die Suspendierung des „Vereins der erwachenden Ungarn" bis zur Beendigung der gegen ihn eingeleiteten Untersuchung. Don irgendwelchen allgemein-politischen Gedanken, die sich aus -der Lage ergeben würden, und namentlich von einer Abkehr von den reaktionären und antisemitischen Regierungsmethoden, die den eigentlichen Nährboden sür den Terrorismus abgegeben haben, ist in Telekis Rede nichts zu bemerken. Der ehemalige Ministerpräsident Huszar erklärte sich in seiner Erwiderung von den Mitteilungen Telekis befriedigt, doch betonte er die Notwendigkeit, auch die geistigen Urheber der terroristischen Umtriebe zur Rechenschaft zu ziehen. Die Erfüllung dieser Forderung, die nur im Rahmen eines Systemwechsels denkbar wäre, wird man für schwierig halten, wenn man bedenkt, daß dem Ministerium Teleki unter anderem der Unterrichtsminister Haller angehört, der zugleich ein führendes Mitglied des „Vereins der erwachenden Ungarn" ist, von dessen Machenschaften er ohne Zweifel die genaueste Kenntnis hat. * Polnischer Geheimbefehl. War schau, 13. November. In einem „Geheimbefehl" des polnischen Kriegsministeriums findet sich folgender Erlaß: „Dawir den polnischen Soldaten so erziehen müssen, daß er ein festes Fundament für den Ausbau -und Wohlstand Polens! bilde, gebietet es die eigene Ehre, von ihm Juden und Deutsche fernzuhalten, da diese stets unseren Gefühlen und Bestrebungen feindlich und sogar schädlich gegenüberstehen werden . . . Daher wird eindringlichst darauf aufmerksam gemacht, daß keine Juden und- Deutschen, welche bekanntlich intelligenter sind als der Durchschnitt unserer Soldaten, in Kanzleien und Bureaus einzustellen sind, wo sie stetseine Gelegenheit suchen werden, um Dinge zu erfahren und zu hören, die Geheimnis sein sollen. Gerade die Intelligenz der Juden wird da dem Dienst und dem Staate nicht Nutzen bringen, sondern sie bedeutet im Gegenteil seinen Untergang ... Es wird daher verordnet, in Zukunft keinen Juden oder Deutschen in Bureaus und Kanzleien zu nominieren." (!) * Requisition von Synagogen in Polen. Im Sejm brachten kürzlich die Abgeordneten Farbstein, Dr. Thon, Grünbaum u. a. folgende Interpellation ein: „Der Krieg hat den religiösen Juden besondere Erniedrigung gebracht, da ihre heiligsten Gefühle beleidigt wurden. In Nowy-Dwor hat das. Militär.. ein Bethaus requiriert und dort Pferde eingestellt, in Parczem wurde vom Militär ein Beth-Hamidvasch okkupiert, an vielen Orten wurde die den Juden heilige Thora geschändet und vernichtet. Die Rabbiner wurden in brutaler Weise gepeinigt und dergleichen mehr. Man