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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-11-26 · Heft 37 (26.11.1920) · p. Seite 424

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 37 (26.11.1920)
Date
1920-11-26
Page
Seite 424 (sequence 4)
Language
German
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friieb Pen tha-Tüll. Darin feiert ein giebildeter Ju>de in vornehlner Art und mit eleganter Feder den angeblichen Triumph -des jüdischm Geistes als Dorkänipser des Materialismus über den germanischen Geist, der den- Idealismus vertritt. Dieser jüdische materialistische Geist habe dadurch die Weltherrschaft des Judentums heran geführt. — Ten Widerhall dieser Ausführungen in der antisemitischen und deutschnationalen Presse kann inan sich vorstellen. Die „Deutsche Zeitung" schreibt, daß jedem, der die Schrift lese, das Blut in -den Adern erstarren müsse. Die „Süddeutsche Zeitung", die „Grrifswalder Zeitung", die „Deutsche Tageszeitung" schlachteten dieses angebliche jüdische Schriftwerk nach ihren Kräften für ihre Zwecke aus und bewiesen, daß der Antisemitismus 'danach nicht unchristlich, sondern als eine Pflicht der Se.Hsterhaltung durchaus mit dem Christentum verträglich fei. Ter Verfasser dieser Broschüre ist aber nun kein Jude, sondern der in deutschvölkischen Kreisen gut bekannte christliche Mitarbeiter der „Deutschen Zeitung." Baurat Hans Schliepmann in Berlin SW, Wilhelrnstratze 9. Während dieser Herr in dem Feuilleton der „Deutschen Zeitung" einen Roman „Was das Leben erfüllt" veröffentlicht, sieht er ruhig zu, daß über dem Strich seine, des Antisemiten und Christen Hans Schliepmann alias Dr. Siegfried Pentha-Tull, geschriebene Broschüre, als von einem Juden verfaßt, gegen das Judentum cvu.sgebeutet wird: eine Kamipfesweise, die nicht niedrig genug gehängt werden kann. * Eine Fälschung ähnlicher Art wird aus Flensburg gemeldet. Tort veröffentlicht? die Ortsgruppe des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbuntes einen Aufruf, in dem sie Zeugen suchte zur Feststellung eines „Mannes mit jüdischem Aussehen", der <inen Sekundaner, Sohn eines Oberlehrers, überfallen häten sollte, um ihm das Hakenkreuzzu entreißen, und ihn dabei mit Messer und Pistole verletzt habe. Tie polizeiliche Untersuchung hat dann aber ergeben, daß der Schüler die ganze Sache erfunden und sich die Wunden selbst beigebracht hatte. Solche Ausartungen sind die ganz unausbleibliche Folge der verlogenen antisemitischen Hetze, die in skrupellosester Weise arbeitet. Sie bedient sich jetzt zu ihrer Hetze mit Vorliebe keiner Zettel, die an alle möglichen öffentlichen Stellen, geklebt werden. Neuerdings ist sie sogar dazu übergegangen, solche Klelbzettel auf beschädigtes Papiergeld und Postsendungen aufzuheften. Diesem Unfug wird jetzt dadurch ein Ende gemacht, daß das Neichsbankdirektorium durch eine Verfügung an die Neichsbankstellen die Annahme des mit solchen hetzerischen Zetteln beklebten Papiergeldes verboten hat, und daß laut Verfügung des Reichspostministeriums Postsendungen mit antisemitischen Aufschriften nicht befördert werden dürfen. * Sinowjew-Apfelbaum. Der deutsche Herausgeber der „Geheimnisse der Weisen von Zion", Hauptmann Müller v. Hausen, behauptet in dem Anhang zu diesen Schwindelberichten auf Seite 178, daß nach Angabe eines russischen Staatsmannes 457 Bolschewisten die Schreckensherrschaft in Rußland ausüben und daß in dieser Gesellschaft 422 Juden sitzen, von denen 264 seit dem Umsturz aus Amerika eingewandert seien. Der russische Staatsmann wird natürlich nicht genannt, seitdem ist es aber bei den Antisemiten Dogma, daß die Führung des russischen Bolschewismus ausschließlich in jüdischen Händen ruhe. Die Feststellungen Maxim Gorkis und anderer einwandfreier Gewährsmänner, daß gerade unter den russischen Bolschewisten die Juden am allerwenigsten vertreten sind und daß sie infolgedessen auch nicht — abgesehen von dem dem Judentum nicht mehr angehörenden Trotzki — unter den bolschewistischen Führern eine nennenswerte Rolle spielen, werden selbstverständlich nicht beachtet. Immer und immer wieder bringt die antisemitische.Hetzpresse eine Liste von Führern des russischen Bolschewismus vor, in der neben den russischen Namen in Klammern immer die angeblich jüdischen Namen angegeben werden, die sämtlich frei erfunden sind, wie Sinowjew (2lpfelbaum), Kamenew (Rosenfeld) usw. Seit dem Auftreten des bolschewistischen Stadtoberhauptes von Petersburg, Sinowjew, auf dem Parteitag der Unabhängigen in Halle reden die Antisemitenblätter vom Schlage der „Kreuzzeitung", „Deutschen Tageszeitung" und „Deutschen Zeitung" immer nur von „Herrn Apfelbaum". Den Vogel schoß bei dieser Kinderei der deutschnational-antisemitische Reichstagsabgeordnete Mulle ab, der bei der Besprechung der Ausweisung Sinowjews aus dem Deutschen Reiche im Reichstage am 20. Oktober in einer kurzen — nebenbei bemerkt überaus trivialen albernen — Rede nicht weniger als 29 mal den Namen Apfelbaum für Sinowjew vorgebracht hat. Dabei ist Herr Walle keineswegs in der Lage nachzuweisen, düß Sinowjew ursprünglich Jude gewesen sei und Apfelbaum geheißen habe. In derselben Sitzung führte der unabhängige Abgeordnete Koenen nach dem amtlichen stenographischen Bericht folgendes aus: „Es ist auch Unwahrhaftigkeit dabei, wenn man den Vertreter der russischen Regierung, den. Vertreter der Sowjetregierung, Sinowjew, in einer ganz bösen Absicht verächtlich mit Namen belegt, die er gar nicht hat. Sinowjew ist ein echter Russe, er hat niemals einen anderen Namen getragen. Wenn in irgendeinem Spottgedicht irgendeines Reaktionärs! des Reimes wegen der Name „Apfelbaum" einmal auftaucht, so wird der Schwindel dadurch nicht wahr. Er heißt Sinowjew und ist ein echter Russe. (Zuruf rechts: Auch kein Jude?) — Nein, auch kein Jude, was übrigens, wenn er es wäre, für mich gar keinen Makel bedeuten würde." Trotzdem fährt Herr Wulle in seiner „Deutschen Zeitung" damit fort, Herrn Sinowjew als den russischen Juden Apfelbaum zu bezeichnen. Er beweise doch erst einmal, daß Herr Koenen mit seiner bestimmt ausgesprochenen Behauptung die Unwahrheit gesagt hat. Wenn er das nicht vermag, so kennzeichnet er damit seine Handlungsweise als unanständig und, was genau dasselbe besagt, als echt antisemitisch. Die „Kreuzzeitung" leistet sich den Sport, dem 'Begleiter Sinowjews, Losowski, den Namen „Zederblum" anzuhängen. Sie schreibt in einem Artikel „Apfelbaum und Zederblum" (29. Oktober): „Der Genosse des Herrn Sinowjew-Apfelbaum hörte, bevor er sich Losowski nannte, ans den ebenfalls recht hübschen Namen Zederbl-mn." Daß diese Behauptung der „Kreuzzeitung" auf Schwindel beruht, wird durch die Tatsache erwiesen, daß der Name „Zederblum" früher stets dem Hauptführer der russischen Bolschwisten, Lenin, angehängt wurde. Man erinnert sich, daß man sehr häufig in der antisemitischen Presse der Namenzusammenstellung Lenin-Zederblum und Trotzki- Bronstein begegnete. Diese Kinderei hörte endlich, wenigstens bezüglich Lenins, auf, als man an der Feststellung nicht vorübergehen konnte, daß dieser einer adligen russischen Familie entstammt und der Sohn eines Ghmnasialdirektors namens Uljanow ist. Konnte sich die „Kreuzzeitung" jemals ein größeres geistiges Armutszeugnis ausstellen, als sie es in dem vorliegenden Falle getan hat? Wie viele für ihre Zwecke weit besser geeignete Namen standen ihr zur Verfügung, sie verfiel aber bei ihrem staunenswerten Mangel an Phantasie lediglich auf den nach der Aufdeckung des Lenin-Schwindels sreigewordenen Namen Zederblum. Es soll übrigens noch Leute geben, die die „Kreuzzeitung" für ein vornehmes Blatt halten. * Die sichere JrrDenprobe. Zwischen zwei Antisemiten, den Heroen v. Lichtenberg und Staufs, ist tödliche Fehde ausgebrochen. Es handelt sich, wie die „Welt am Montag" berichtet, natürlich um den gegenseitigen Verdacht jüdischer Blutbeimi'schnng. In dieser erschrecklichen Sache hat Herr Staufs dem antisemitischen „Hammer" nachstehenden drolligen Brief geschrieben: „Herr Philipp Staufs (Berlin-Lichterfelde) „verbreitet" nichts über Freiherru v. Lichtenberg, sondern gab auf Befragen fachlich Auskunft. Die Einschlagfamilien Barnard und Unger sind jüdischen Stammes. Außerdem sind die stärksten Gegenbeweise gegen arische Abkunft im Antlitz. Ich habe ihm angeboten, sich dem in unseren Kreisen stark geschätzten Burgerschen Kopfmeßversahren aus meine Kosten zu unterziehen zwecks sicherer Feststellung. Er scheint das nicht zu wollen." Wenn das „Burgersche Kopsmehverfahren", das anscheinend mit unfehlbarer Sicherheit den Arierschädel vom Semitenschädel zu scheiden weiß, bei allen Antisemitenhäuptlingen angewandt würde, da könnte Schreckliches zutage treten! So ganz „koscher" ist doch nur selten einer. * Internierung lästiger Ausländer. Die deutsche Regierung scheint sich zu gewissen Maßnahmen gegen das fremdländische Schiebertum, das sich in Deutschland mehr und mehr breitgemacht hat, entschlossen zu haben. Wie verlautet, hat das Reichsministerium des Innern den Beschluß gefaßt, alle lästigen frcmdstämmigen Ausländer in Internierungslagern unterzubringen, inn sie später bei passender Gelegenheit aus dem Reiche abzuschieben. ' *

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