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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-11-26 · Heft 37 (26.11.1920) · p. Seite 423

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 37 (26.11.1920)
Date
1920-11-26
Page
Seite 423 (sequence 3)
Language
German
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Wochenschau. B e r l i n, 22. Novernber. eit dem 15. d. M. tagt in Genf der Völkerbund, dessen Sache es ist, wie der englische Arbeiterführer Barnes in einer längeren Rede ausführte, die Welt aus dem Hatz, in den sie der Krieg gestürzt hat, zu retten. Der Völkerbund, heißt es, toll kein Ueberstaat, 'sondern nur ein Vermittler und Berater der Nationen sein; seine Aufgabe sei vor allem, den Weltfrieden herzustellen und ihm eine gesicherte Basis für die Zukunft zu geben. Ob uni> inwieweit ihm dies gelingen wird, wird die Zukunft lehren. Vorläufig sieht es in der Welt traurig aus; vorläufig wütet die Bestie im Menschen wie in den finsteren Zeiten des Barbarismus, feiert der Haß täglich und stündlich neue Triumphe, und der so unsäglich leidenden Menschheit, die seit bereits sechs Jahren mit trügerischen Hoffnungen und Aussichten auf baldige Erlösung aus Qual und Not gespeist wird, ergeht es wie jenem verzweifelten Flüchtling, von dem Israels Prophet das erschütternde Bild entwirft: Er flieht den Löwen, und es begegnet ihm der Bär; nun stützt er sich, Hilfe suchend, an die Wand, da wird er von einer Schlange gebissen. Indessen sind die Bestrebungen des Völkerbundes nicht zu unterschätzen. Schon seine Existenz wirkt ermutigend und gewährt einen lichten Ausblick in die Zukunft. Mögen nun die Wünsche und Hoffnungen, die die nach Ruhe und Frieden schmachtende Welt an die Tagung des Völkerbundes in Genf knüpft, in Erfüllung gehen. Die Tagung selbst begann unter belgischem Vorsitz mit einer B e - g ruß un gsrede Mottas, des schweizerischen Bundespräsideuten, der nach Worten des Ruhmes für Belgiens Verteidigungskampf und einem Dank an den Völkerbund für die Anerkennung der immerwährenden Neutralität der Schweiz eine Danke sbotsch af t an Wilson für die Einberufung der ersten Völkerbundstagung nach Genf richtete und dem heißen Wunsche Ausdruck gab, es möchten die Bereinigten Staaten im Völkerbünde' ihren Platz einnehmen. Motta schilderte sodann die Folgen des Krieges, welcher lehre, daß von allen das menschliche Geschlecht verfolgenden Uebeln für Besiegte, aber auch für Sieger der fürchterliche Krieg das größte sei. Aus dieser Erkenntnis sei die Idee des Völkerbundes erwachsen, dessen Wirkung dauernd die Entwicklung der Staaten beeinflussen werde. Diesem Urteil könne trotz der Lücken und unvermeidlichen Mängel des ersten Völkerbundsvertrages kein Abbruch getan werden. Selbst wenn das gegenwärtige von so vielen Staaten errichtete Gebäude dem Z u s a m m e n b r u ch geweiht wäre, würden dessen Fundamente noch sortbestehen. Ohne Völkerbund wären Verträge, die dem Frieden dienten, schon jetzt nicht mehr durchführbar. Die erste Völkerbundsversammlung dürfe nicht auseinandergehen, ohne den ständigen internationalen Gerichtshof geschaffen zu haben, welcher der friedlichen Lösung von Streitigkeiten zwischen den Staaten dienen solle. Ter Völkerbund werde gestärkt sein, wenn die Sieger nicht mehr auf die Mitwirkung der Besiegten verzichten. Motta fuhr fort: Die Völker müssen verzeihen können und sie sind nur dann groß, wenn sie dies tun. Der Tag wird kommen, an dem ein vom Taumel geheiltes, vom Elend befreites Rußland im Völkerbund Ordnung, Sicherheit und wechselseitige Hilfe suchen wird. Der Bundespräsident sprach sodann von den Aufgaben des Völkerbundes. „Es ist undenkbar, daß die Staaten auch fernerhin sich unter die erdrückenden Lasten militärischer Ausgaben beugen. Die Lehren .des Krieges werden nicht vergeblich gewesen sein. Auch dürfen die Staaten sich nicht durch wirtschaftliche Schutzzollschranken gegenseitig absperren. Diejenigen Länder, die Kohle, Eisen und anderes fördern, dürfen keine Monopole dafür errichten, sondern müssen den anderen Ländern abgeben." Bundespräsident Motta feierte zum Schluß die Demokratie, die die stärkste Wehr gegen die Diktatur von Minderheiten sei, und erklärte, daß die Demokratie ihre Hauptaufgabe in der Erziehung der Völker sehen müsse. Sie müsse auch allen sozialen Strömungen freie Dahn verschaffen. Redner schloß unter lebhaftem Beifall mit den Morten Dantes: „Die Liebe treibt die Sonne und die anderen Sterne." Vorsitzender H y m ans erklärte, daß, wenn es den Genfer Ver- 4 Handlungen gelänge, für die Annäherung der Staaten die Wege zu ebnen, ent guter Schritt vorwärts getan worden sei für eine bessere Zukunft der Völker. Der Völkerbund habe den Ehrgeiz, nach und j nach ein gemeinsames Band arm die Nationen zu schlingen, geknüpft { von dein 'Grundsatz der gegenseitigen Loyalität. Ein Geist der I Solidarität müsse geschossen werden, um die Leiden der Völker zu ■ ] erleichtern. j * Der Generaldirektor des Sekretariats des Völkerbundes, Sir Eric Drummond, hat nach seiner Ankunft in Genf den Großrabbiner von Genf, Dr. G i n s b u r g e r, ausgesucht, der ihn namens der Genfer Gemeinde begrüßte und das Interesse des Völkerbundes für die unterdrückten Juden des Ostens erbat. Sir Drummond sprach seinen Dank aus und gab der Versicherung seines Wohlwollens für die Juden Ausdruck. Er erinnerte an die Taten Englands an Palästina und das Wirken Samuels. Er und seine Mitarbeiter werden sich zur Verteidigung der Juden vereinigen. Er hege die feste Zuversicht,;; daß der Völkerbund seine Pflicht gegen die Juden erfüllen ' werde. * Etwas spät nimmt die bayerische Regierung in einem Erlaß j Stellung gegen die Ausschreitungen des antisemitischen Mobs. Der Erlaß, der hoffentlich nicht ohne Wirkung bleiben wird, •; hat folgenden Wortlaut: „Staatsministerium des Innern. Nr. 2304 d 28. München, den 5. 10. 1920. An die Herren Regierungspräsidenten als Staatskommissare. Betreff: Antii semitische Bewegung. Die Einladungen zu den Versammlungen ] der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei sind in letzter Zeit j wiederholt in einer Form ergangen, die aufreizend auf die j Öffentlichkeit wirken mußte. Auch die in den Versammlungen ] gegen das Judentum getriebene Agitation überschreitet erheblich die Grenzen. Es ergeht daher die Weisung, dafür Sorge zu ] tragen, daß die Plakate für solche Versammlungen stets einer 1 gründlichen Prüfung unterzogen werden und daß darin alles i ausgemerzt wird, was aufreizend wirken kann. Ferner ist dahin j zu wirken, daß in den antisemitischen Versammlungen die auf- | reizende Agitation gegen das Judentum unterbleibt. Etwa 1 trotzdem vorkommeuden Ausschreitungen ist energisch entgegenj zutreten. I. A.: gez. Unterschrift." | * . | Verurteilte Antisemiten. j Der „Völkische Beobachter" und die „Nürnberger Stadtzeitung" j veröffentlichten einen Artikel aus der Feder des nun hinreichend be- I kannten Braßler, in dem dieser die Behauptung ausstellte, daß die f 1 Rabbiner während des Kri>eges die Drückebergerei im hohen Maße | begünstigt haben und sich dafür bezahlen ließen. Die Rabbiner J Bayerns hatten wegen dieser Behauptung Klage gegen Braßler sowie | den Verleger Eder und den verantwortlichen Schriftleiter der „Nürn- 1 berger Stadtzeitung", Dr. Schulz, gestellt. Das Schöffengericht f München verurteilte die beiden ersten zu je 500 Mark und Dr. Schulz 1 zu 300 Mark Geldstrafe. In der Verhandlung wurde festgestellt, daß j an die Prozeßgegner Braßlers anonyme Briese geschrieben wurden, in | denen gegen ein entsprechendes Honorar Beweismaterial gegen jj Braßler angeboten wurde. Der Verteidiger der Kläger, Rechtsanwalt | Dr. Levinger, teilte mit, daß er einen Brief erhalten habe, in dem j Levinger gedroht wird, daß er das nächste Frühjahr nicht mehr erleben werde, und daß er der erste sein werde, der an einem Laternenpsahl hängen werde. — Soll das „deutschvölkisch" oder gar christlich sein?? * Eine literarische Fälschung. Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens schreibt uns: Vor einigen- Monaten erschien im Verlag von Ferdinand Schreiber in Leipzig und Hartenstein i. Erzgeb. eine Broschüre „Die siegreiche Weltanschauung (Neo-Macchinvelli'Zmus) und wir Juden" von Dr. Sieg-

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