Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 37 (26.11.1920)
- Date
- 1920-11-26
- Page
- Seite 422 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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der Juden ist, ist Palästina heilig, sondern weil es heilig ist, weil es zur Stätte der Gerechtigkeit und der göttlichen Kultur auserkoren ist, ist es das Land der Juden. Jeder Jude muß Palästina lieben, weil es die Wiege seiner Kultur, die Geburtsstätte seiner großen Menschheitsideale ist. Aber gerade weil er es liebt, muß er es von allem Unwürdigen rein zu erhalten suchen. Palästina muß in erster Reihe das Heim des Indent u m s werden und der Welt zeigen, was ein srei entwickeltes Judentum an ethischen Werten der Menschheit zu geben vermag. Aber eben darum soll unsere neue Kultur eine Menschheitskultur werden, frei von jedem Dünkel, frei von jeder Lüge und Uebertreibung, frei von jedem Unrecht sein. Der Jude soll seine Eigenart, die er liebt, erhalten und zur höchsten Feinheit ausbilden. Aber gerade darum soll er die Eigenart des anderen achten und nicht unterdrücken. Ein neues Palästina darf kein Dorado nationaler Phrasen und chauvinistischer Kämpfe werden, — es wäre dann ein unjüdisches Palästina, selbst wenn es nur von Juden bewohnt wäre, und nicht nur wertlos, sondern auch schädlich. Fort mit dem Machtprinzip! Wir Juden sind die geborenen Vertreter des Rechtes und unser Beruf ist cs, nach Gerechtigkeit zu streben. Wir haben viel Unrecht erlitten. Das darf uns nicht hart und stumpf machen, sondern uns Verständnis für das Menschenleid geben. Ueberall, wo die Juden zur Macht griffen, hat es verhängnisvolle Folgen gehabt. Hat es viel genützt, daß die Juden bei Pogromen zur Verteidigung mit der Waffe griffen? Der Blutstrom ist nur noch breiter geflossen. Es ist keine Feigheit, wenn man seine eigene Natur erkennt und aus ihr die Norm seiner Handlung, die Richtung seines Lebens schöpft! Es ist der höchste Heroismus, mitten unter den Anbetern der Macht das Recht zur Grundanschauung des Lebens zu machen. Gerade heute, in einer Zeit der Zersetzung, kann man diese selbstverständlichen Gedanken nicht laut und eindringlich genug verkünden. Viel schlimmer noch als die politische und wirtschaftliche Not ist die sittliche Verrohung. Die Brutalität hat iu Deutschland einen geradezu schrecklichen Umfang angenom- >uen. Da sollten wir Juden, ohne zu protzen und zu prunken, schlicht als unseren inneren Beruf, Verkünder der reinen Menschlichkeit werden. Jedes Volk hat neben seinen allgemeinen menschlichen Aufgaben noch einen besonderen Beruf von der Vorsehung erhalten, und wenn die Griechen der Menschheit die Kunst, die Römer die Staatsweisheit gegeben haben, darf sich Juda rühmen, die sittlich-religiöse Genialität erzeugt zu haben. Bleiben wir in unserem Elemente, wo wir Künstler sind; auf fremden Felde sind wir nur Dilettanten! Nicht nur die Judenheit, sondern auch die Menschheit und — was noch mehr ist — die Menschlichkeit bedarf unser. Denn die wahre Erlösung fängt mit dem inneren und nicht mit dem äußeren Menschen an und alles Große stellt sich als Erziehungs Problem dar. Erziehen wir uns für unsere Zukunft, für die Zukunft der Menschlichkeit! Es werden zu viele Kräfte für verlorene Dinge, für antijüdifche Ideale vergeudet. Es schmerzt einen -tief, einen wenn auch nur verschwindend geringen Teil der jüdischen Jugend in den bolschewistischen Reihen zu sehen. Der Fehler des Bolschewismus ist nicht die Idee an sich, sondern der unselige Wahn, daß man durch Kanonen und Maschinengewehre das Recht befestigen und schützen könne. Aber ebenso falsch ist der Glaube, daß man den innerlich zerfressenen Kapitalismus durch äußere Gewalt vor dem Zerfall schützen könnte. Recht kann nur mit Recht, auf gerechtem Wege und mit gerechten Mitteln zur Herrschaft erhoben werden. Alles, was mit Blut begründet worden ist, ist unrein und trägt den Fluch der Gewalt mit sich. Die Volkskraft beruht nicht in der Beherrschung eines Teiles durch den andern. Eine Diktatur von unten ist beinahe so schlimm wie von oben. Der Jude soll die höchste Gerechtigkeit und die wahre Erkenntnis predigen und allem Rohen und Verrohenden aus dem Wege gehen. Wieviel Kraft vergeudet man nicht in Deutschland auf die Abwehr des Antisemitismus! Und fast ohne jeden Nutzen, weil man Experimente auf Experimente häuft und das eigentliche Nebel gar nicht erfaßt. Eine unjüdische Verteidigung des Judentums ist ein Widerspruch in sich. . Ist der Judenhaß Unrecht, dann kann er nur durch die Stärkung des Rechtes überwunden werden. Ist er Unvernunft, dann kann er nur durch den Fortschritt der wahren menschlichen Kultur beseitigt werden. Durch Formen und Schablonen erreicht man nur das eine, daß der Geist der Unmenschlichkeit immer neue Formen sucht und findet. Eine wirkliche Abwehr ist ohne innere Einkehr nicht möglich. Man muß das kennen und schätzen, was man verteidigen will. Man kann den Juden nicht verteidigen, ohne das Judentum z u l i e b e n. Der Sumpf des Menschenhasses kann nur durch die Sonne der Menschenliebe ausgetrocknet werden. Werden wir wieder schlichte, aufrechte Juden, die jüdisch denken und jüdisch leben, und wir haben wieder einen Beruf und ein Ideal, dem wir dienen, und unser Leben hat, wie das unserer Väter, wieder einen Sinn. Wir sind nicht schwach, weil wir gering an Zahl sind, sondern weil wir mit aller Gewalt auf fremden Gebieten stark sein wollen. Ein großes Prinzip kann man nur fördern, wenn man dafür lebt, und Jude sein heißt: die höchste Sittlichkeit durch Wort und Tat verkünden. Es gibt genug Arbeit, schwere, aber dankbare Arbeit auf diesem Gebiete. Es gibt leider viele materialistische Juden in unserer Mitte, Leute, die kein höheres Ziel kennen als den schnellen Erwerb großen Reichtums. So manche haben den jüdischen Boden unter ihren Füßen verloren, und Schein und Prunk müssen ihre innere Leere ausfüllen. Und solange es Elemente gibt, die ihnen schmeicheln, wird es nicht besser werden. Es fehlt an Männern, die den Mut haben, die ganze Wahrheit rücksichtslos zu sagen. Ueberall kleinliche Rücksichten auf die Partei, auf die Sippe, auf den äußeren Schein, nur nicht auf die Wahrheit. Zehn Juden, die den Mut und die Kraft fänden, , Propheten der Wahrheit zu sein und ganz ihrem Ideale zu leben, würden dem Judentum mehr nützen als alle Parteien und Richtungen zusammen. Jüdische Arbeiter sind in jeder Beziehung wertvoller als jüdische Millionäre. Jüdische Arbeiter auch in dem Sinne, daß sie im jüdischen Geiste arbeiten, daß sie nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Zukunft leben. Jüdische schlichte Männer sind inehr wert als Gelehrte und Künstler. Sie nur sind unsere Stütze und unsere Hoffnung, weil sie die Träger des lebendigen Judentums sind. Klaget nicht über unsere Not! Sie ist groß, aber es gab in der Geschichte eine noch größere. Die wahre Not fängt erst mit der Verkennung unseres Lebensziels, mit der Zaghaftigkeit, mit dem sittlichen Fatalismus an. Wir können uns nur durch einen starken Glaubenanuns undunserJdealwieder aufrichten. Es ist genug zerstört worden, — auf allen Gebieten. Es ist Zeit, daß wir anfangen, wieder zu bauen. Bauen wir bescheiden, ohne Prunk und Zier, aber bauen wir! Sittliche Werte sind vernichtet worden, menschliche Ideale sind zertrümmert worden. Bauen wir dem Menschheitsgedanken und der jüdischen Idee eine Hütte! Wir Juden sind nie heimatlos gewesen, solange wir unser inneres Heim mit uns trugen. Werden wir wieder wurzelfeste Juden, die wisien, wofür sie leben, und alle Not lind aller Haß kann unsere Kraft nicht zerstören!