Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 37 (26.11.1920)
- Date
- 1920-11-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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84. Jahrgang. Nr. 37 ff . Iaa a Berlin, 26. November 1620 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. Abonnements'preis: durch den Buch. Handel oder die Post (in Berlin und vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 DT* — Postscheckkonto 32$. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße $6-49/ zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. tt ftfrf t - Macht und Recht. Von Fabius Schach. — Wochen- " H IJul l * scha ii. — Au swanveru rigselend und Menschenliebe. Von Rabbiner Dr. R. Kaelter (Danzig). — Der unbekannte Gott. Von Dr. Spanier (Magdeburg). — Feuilleton: Die Geschichte der drei Gerim. Von Maximilian Blum. — Worte des Mattathia an seine Söhne. Gedicht von S. A s ch n e r. — Literarische Mitteilungen. — Lesefrüchte. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin. Königsberg i. Pr.. Liegnitz. Glogau. Hamburg, Minden, Chemnitz, Nordhausen, Hanau, Frankfurt a. M.. Wien. — Von Nah und Fern. Macht und lllrcht. Von Fabius Schach. och immer begreifen viele Menschen nicht, daß der letzte Krieg keine blutige Episode in der Geschichte der Völker und sein für Deutschland katastrophaler Ausgang kein Zufall, kein von äußeren Umständen bedingter war, daß er kommen mußte als eine logische und natürliche Konsequenz einer falschen und verderblichen Weltanschauung. Zwei Prinzipien sind es, die stets in der Welt gegeneinander kämpften: Macht u n d 3t e ch t. Es liegt rat Wesen der Macht, daß sie nach Entfaltung strebt, daß sie das Recht zu unterdrücken sucht. Denn Macht und Recht sind innere Gegensätze. Nur auf der höchsten Stufe des Idealen, im Göttlichen, decken sich Macht und Recht und bilden eine harmonische Einheit. Vom Beginn der Geschichte aber bis heute ringen sie im blutigen oder unblutigen Kampfe miteinander, und alle menschliche Tragödie ist nur eine Widerspiegelung dieses ewigen Ringens. Das Machtgefühl frißt an der Seele wie eine böse, zersetzende Krankheit und tötet das Rechtbewußtsein, das Gefühl der Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Die ewige Unsicherheit, man könnte der Macht beraubt werden/ läßt zu immer stärkerer Ungerechtigkeit greisen. Das Recht aber läßt sich nicht töten, es bleibt bestehen, auch wenn es verkümmert und verdräng! wird. Alle Macht scheitert schließlich daran, daß sie von einer noch größeren Macht zertrümmert wird. Nur das Recht ist unbesiegbar, weil es alles umfaßt, was wir als Kultur und Sittlichkeit bezeichnen. Dieser Krieg nun war der größte Machtkampf, den die Geschichte je gesehen hat, und es ist eine Torheit, von Sieg und Niederlage zu sprechen. Sie s i n d a 11 e besiegt, weil sie alle nicht von Recht getragen waren. Die größte Niederlage hat hier das Machtprinzip erlitten. Denn alle Macht liegt zertrümmert vor uns und auch die Sieger wollen es nur nicht zugeben, daß ihre Macht zu Ende ist. Je mehr sie im Siegestaumel schwelgen, desto mehr verraten sie ihre innere Schwäche. Denn auch Rachsucht und Unterdrückungsdünkel sind nur Ausdrücke der Schwäche, Erzeugnisse der Angst. Deutschland war seit Jahrzehnten die Brutstätte des Machtkultus,- hier wurden vor dem Götzen Macht, den man auch Militarismus und Imperialismus nennen kann, Orgien gefeiert und jeder Idealist wurde als weltfremder Ideologe verhöhnt und als schlechter Patriot verdächtigt. Es gibt nur eins im Staate und in der Welt: Macht, — alles andere ist Traum. Haeckel und Ostwald verkündeten es in der Naturwissenschaft mit dem Dünkel der Unfehlbarkeit, Treitschke mit dem nationalen Pathos in der Geschichte, Marx mit seiner materialistischen Geschichtsauffassung im Sozialismus und Bismarck und seine Schule mit der imperialistischen Geste in der Politik. Diese Politik, die die Epoche der letzten fünfzig Jahre beherrschte, war die Vollzieherin der neuen Weltanschauung. Was man Realpolitik, Ausnutzung der Konjunktur der Zeit nannte, das war in Wirklichkeit die offene brutale oder die diplomatisch verschleierte Macht, die Fruktifizierung anderer Schwäche. Als Bismarck einmal im Reichstage vorgeworfen wurde, seine Politik sei unsittlich, antwortete er naiv: „Ich stehe hier als Geschäftsführer des Deutschen Reiches und nicht als Professor der Ethik." Sie alle proklamierten die Macht als das höchste Prinzip. Daher hat die Nemesis Deutschland am schwersten getroffen, das Recht hat sich gerächt. Aber auch die anderen Staaten werden folgen, sie sind bereits unterwühlt. Sie werden nicht an ihrer Schwäche, sondern an ihrer Macht zugrunde gehen. Dieses Machtprinzip ist antijüdisch, denn alles ün Judentum ist auf Recht aufgebaut, und jüdisch empfinden heißt> nach Recht und Wahrheit streben. Nicht immer die Judenheit — denn es hat stets auch unter den Juden Priester der Macht gegeben —, aber das Judentum ist der stärkste Protest des unterdrückten Rechtes, und die Existenz der Juden zeugt von der ewigen Macht der Gerechtigkeit. Die Propheten, die Inkarnation des jüdischen Geistes, bilden die flammendste Anklage aller Macht und die Verberrlichung des unvergänglichen Rechtes. Daher der ewige Haß aller Völker gegen die Judenheit. Sie erblickten im Juden einen Hohn aus das Machtprinzip, einen Zeugen des Rechts. Aus dem Judentum kamen die größten Erlöser der Menschheit, die größten Märtyrer der Wahrheit und des Rechtes. Auf säst jeder Seite der Bibel finden wir die Sentenz: Nicht die mc'nschliche Macht, sondern das göttliche Recht regiert die Welt. Die Macht zerstört, die Gerechtigkeit baut aus. Alle wahre Religiosität ist darauf gegründet. Nur eine verkehrte Entwicklung, die nur von Nachahmung lebt und von inneren Wesen ablenkt, konnte es dahin bringen, den Juden zum Chauvinisten zu machen. Der beste Patriot ist der. der die wirtschaftliche, kulturelle und sittliche Wohlfahrt der Gemeinschaft freudigen Herzens fördert und den gefährlichen phrasenhaften Hurrapatriotismus bekämpft. Aber auch der jüdisch-nationale Chauvinismus ist eine traurige Erscheinung. Es gab im Altertum keinen jüdischen Nationalismus mit Ueberhebung und Verachtung anderer, er war fast immer nur etwas Religiöses, Ethisches. Nicht weil es das Land