Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 36 (12.11.1920)
- Date
- 1920-11-12
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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### Berlin, 9. November. In einer außerordentlichen (Generalversammlung des Vereins Jüdische Lesehalle und Bibliothek E. V., die am 29. September unter Leitung des Vorsitzenden, Herrn Dr. Max G i n s b e r g, stattgesunden hat, gelangten einstlmmrg folgende Beschlüsse zur Annahme: 1. Die Jüdische Lesehalle und Bibliothek E. B. wird aufgelöst. 2. Das Vermögen des Vereins wird der Jüdischen Gemeinde zu Berlin überwiesen. Dazu gehören auch die Stiftungen des Vereins, die erhalten bleiben und deren Zinsen insbesondere für Zwecke der von der Jüdischen Gemeinde einzurichtenden Lesehalle verwendet werden sollen. 3. In der von der Jüdischen Gemeinde mit den Bücherbeständen des Vereins einzurichtenden Bibliothek werden die Bilder der Stifter und Förderer des Vereins ausgehängt: Adolf G i n s b e r g, Frau Franziska G i n s b e r g, Dr. Max' G i n s b e r g, Bonus L e v y, K. R. Julius I s a a c, Dr. Gustav K a r p e l e s. Die Versammlung drückte einstimmig den Wunsch an den Vorstand der Jüdischen Gemeinde aus, daß der bisherige Vereinssekretür, Herr Josef Lin, als Bibliothekar der neu einzurichtenden Gemeindebibliothek und Lesehalle angestellt werde. Zum Schluß dankte Herr Dr. Z l o c i st i im Namen des Vereins den Herren Dr. Mar G i n s b e r g und Benas Levy für ihre jahrelange, unermüdliche und großzügige Tätigkeit für die Jüdische Lesehalle und Bibliothek Und ihre bedeutsamen kulturellen Leistungen. Die nunmehr in den Besitz der Jüdischen Gemeinde übergegangene Bibliothek des Vereins Jüdische Lesehalle wird als Zweigstelle der Jüdisck>en Gemeindebibliothek in den Nebenräumen der Synagoge Fasanenstraße errichtet und, wie wir hören, schon in nächster Zeit ihrer alten Bestimmung zugeführt. E. M. Berlin, 9. November. Der Iüdi s ch e Frauenbund hielt hier seinen sechsten Delegierten tag ab, der von mehr als sechzig Vertreterinnen der angeschlossenen Vereine beschickt war. Außer der Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten, wie Geschäftsbericht, Kassenbericht, Wahlen üsw., waren Referate in Aussicht genommen, die durch ihre Aktualität das größte Interesse erregten lind eine reiche Aussprache förderten. Sidonie Werner (Hamburg) gab ein wen über den Rahmen des Themas herausragendes Bild der Arbeit der j ü d if ch e n F r a u in d e x Ge m eind e, das neben dem scholl Erreichten auch die weiteren Bestrebungen der jüdischen Frauen nach gleichen Pflichten und Rechten in der jüdischen Ge- -amtheit schilderte. Bon klarer Sachlichkeit war das Referat von Elise Hopf (Nürnberg) über die jüdisch e F rau i n de r int e r - konfessionellen Arbeit. Sehr eindrucksvoll schilderte Helene Han nah G o h n (Berlin) die *F r a ,u enaufgaben i n P a - l ä st i n a und für P a l ä st i n a. Im Anschluß an dieses Referat faßte der Verbandstag eine Resolution, welche zuin Ausdruck bringt, daß ihm die Palästinasrage als jüdische Frauen- und Kultur frage von höchster Bedeutung und großem Interesse ist. In einem abendfüllenden Vortrag sprach Bertha Pappen hci m (Frankfurt a. M.) über den Antisemitismus al* Erzieher. Die Idee der Frühehe- K affe des I. F. B., über die Frau Rabbiner Tr. Esche l b acher lBerlin) berichtete, soll ihrer moralischen, ideellen und praktischen "Auswirkung wegen weiteste Verbreitung finden. Es wird beabsichtigt, eine Aussprache über die verschiedenen Richtungen im Judentum zu veranstalten, um Verständnis und Achtung vorder sittlichen Auffassung der verschiedenen Weltanschauungen im Judentum zu verbreiten. Die Berichte der einzelnen Kommissionen, das Heim in Neu-Isenburg, die Bahnhofshilfe, das, Kartell der Arbeitsnachweise und andere Arbeiten des Jüdischen Frauenbundes wurden entgegengenommen. Qm geselliges Zusammensein im Mädchenklub des I. F. B. schloß die von intensiver Arbeit-erfüllte zweitägige Sitzung Ter nächste Delegiertentag soll in Elberfeld 1921 stattfinden. — Berlin, 9. November. Stadtverordneter Louis Jonas, der im kommunalpolitischen Leben der Stadt Wilmersdorf eine führende Stellung einnahm, ist hier nach kurzer Krankheit verstorben. Auf Grund seiner hervorragenden Eignung wurde er vor kurzer Zeit in das Wiederaufbaunnnisterinm berufen. Leider hat er hier seine bedeutsamen Pläne nicht mehr verwirklichen können, da ein kurzes, aber schweres Siechtum ihn in der Blüte seiner Jahre hinwegraffte. Louis Jonas war infolge seines großen Wohltütigkei-tssinnes wie auch seines starken jüdischen Bewußtseins wegen eine in weiten Kreisen der Berliner Jüdischen Gemeinde wie vor allem auch in den Logen bekannte Persönlichkeit. — Die Totenfeier für den Verstarbenen fand am» 29. Oktober im städtischen Krematorium in der Gerichtstcaße unter außerordentlich großer Beteiligung statt. Zahlreiche Organisationen, denen 'der Heimgegangene im Leben nahestand, die Logen des U, O. B. B. und andere Körperschaften waren bei der Feier durch"Deputationen vertreten. E. M. Berlin, 9. November. Der Jüdisch-liberale Jugendverein zu Berlin beging kürzlich den Tag seines zehnjährigen Bestehens mit einer Festversammlung in der Aula des Dorotheenstädtischen Gymnasiums. Zahlreiche befreundete Organisationen hatten Vertreter entsandt. Nach kurzen Begrüßungsworten des ersten Vorsitzenden Bruno W o y d a und dom stimmungsvollen Gesang des „Hallelujah" sprach Lehrer Robert Hirschfeld über zehn Jahre Vereinsarbeit. Herr Rabbiner Dr. Baeck sprach über das „Judentum der Jugend". Die Ansprachen der Vertreter der befreundeten Organisationen beschlossen die gelungene Veranstaltung. Königsberg i. Pr., 5. November. In einer Verhandlung des hiesigen Oberkriegsgerichts gegen einen Unterzahlmeifter äußerte bei der Vorlesung der eidlichen Aussage eines jüdischen Soldaten der Vorsitzende, Oberkriegsgerichtsrat Oden, nach der Feststellung der mosaischen Konfession dieses Zeugen: „Natürlich." Dic.se Aeußerung geschah in höhnischem Ton, offenbar, um die Aussage des Zeugen herabzuwürdigen. Obwohl der Verteidiger den Vorsitzenden auf das Unpassende dieser zweifellos nur aus antisemitischen Gründen gemachten Bemerkung hinwies, hielt es der Herr nicht einmal für notwendig, sich zu entschuldigen. Der Verteidiger richtete darauf eine Beschwerde an den Reichswehrminister. Darauf ist am 24. September 1920 folgende Antwort des Reichswehrministeriums eingegangen: „Aus Ihre an das Wehrkreiskommando I gerichtete Beschwerde vom 13. September 1920 über den Oberkriegsgerichtsrat Oden wegen seines Verhaltens in der Verhandlung gegen den Unterzahlmeifter Geld ne r gereicht Ihnen zum Bescheide, daß das Reichsloehrministerium Ihrer Auffassung, der Borhandlungsführer habe sich in der öffentlichen Verhandlung jeder auf politische Parteinahme schließenden Meinungsäußerung zu enthalten, nur beipflichten kann. Dies ist dem Oberkriegsgerichtsrat Oden unter dem Ausdruck der Mißbilligung seiner Aeußerung eröffnet worden. I. A. gez. v. Feldmann." 6. Beuchest (Oberschlesien), 6. November. Von einem recht tragischen Geschick, das hier allseitige Teilnahme erregt, ist Herr Erich N o th m a n n, Mitinhaber der hiesigen, hcch-angeschenen Firma 'Simon Nothmann., betroffen worden. Im. August 1914 war er in Kriegsgef<au>gen.schaft geraten, nach «Sibirien geibracht, wo er die russische Sprache erlernte, durch deren Kenntnis, in Verbindung mit vielseitiger allgemeiner Bildung, er es zu einem angesehenen Posten bei der russischen Verwaltung brachte. Seine Sehnsucht nach der Heimat, in. der er sich sechs Jahre verzehrte, sollte endlich gestillr werden. Am Tage vor der angesetzten. Abreife wurde er aus einem Dienstwege von Räubern überfallen und ermordet. Kameraden brachten ihn nach einem Nachbarort, wo er auf dem Friedhofs der jüdischen Gemeinde mit militärifchen Ehren beigesetzt wurde. Der Vater des Heimgegangenen war hier viele Jahre Präses des Vorstandes der Synagogengemeinde. — Einen schmerzlichen Verlust hat die letztere auch durch das am 1. November ersolgte Ableben des Bankdirekwrs Herrn Louis M a n n h ei mer erlitten. Der Genannte war eine Reihe von Jahren in den Gemeindekörper schefften. erst als Repräsentant und dann als Mitglied des Vorstandes im Ehrendienste tätig und hat durch die Ehrenhaftigkeit seines Charakters und peinliche Gewissenhaftigkeit in der Durchführung, seiner Obliegenheiten vorbildlich gewirkt. Auch bei. der Gesamtbürgerschaft erfreute er sich hohen Ansehens. Mehrere Jahrzehnte gehörte er dem Stadtverordnetenkollegium an. r. Breslau, 5. November. Der Seniorprokurist des Bankhauses E. Heimann in Breslau, Herr Adolf G o l d s ch m i d t, ist am 31. v. M. im Alter von 79 Jahren nach längerem Leiden gestorben. Mit ihnr ist eine Persönlichkeit hin gegangen, die weit über die Grenzen Breslaus und Schlesiens eine geachtete und in. feinem Fache führende Stellung eingenemmen hat. Goldschmidt, der eine ausgeprägte Individualität war, hat zum Wachsen und Aufblühen des Bankhauses E. Heitmann, welchem er gegen 60 Jahre ununterbrochen angehört hat, wesentlich beigetragen. Erst seit Wochen., als ihn sein krankhafter Zustand zur Schonung der eigenen Person zwang, hat