Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 36 (12.11.1920)
- Date
- 1920-11-12
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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84. fchtgang. Nt. 36 Der OemklndkÜvtk. B""n,,iNo''emb<:r '** ®eilast zur „Allgemeinen Zeitung bej> Judentum-". Sorrrspondenzen und Machrichten. Sklltschlsnd. L. K. Berlin, 9. November. Die Sitzung der Repräsentanten- Versammlung am 31. Oktober eröffnete der Vorsitzende, Herr Geheimrat Dr. Minden, mit einem tiefempfundenen Nachruf auf Herrn Baumeister Samuel Welle, dessen Andenken die Derfam.lnl.llng durch Erheben von den Plätzen ehrte. — An Stelle des Herrn Dr. Ginsberg wurde Herr Magistratsrat Dc. N e u m a n n, für Herrn Weile wurde Herr Sanitätsrat Dr. Steinthal gewählt. — Der verstorbene Agent Herr Albert Beer hat in seinem Testament die Jüdische Gemeinde zu Berlin zur Erbin seines rund 500 000 Mark betragenden Vermögens eingesetzt. An dies Vermächtnis knüpfen sich einige Auflagen.— Von Herrn Dr. Friedländer, Kurfürstettftraße 83, sind zwecks Errichtung einer Wilhelm und David Friedlände eschen Jahrzeitstistung 1500 Mart überwiesen, mit der Verpflichtung, alljährlich an den Todestagen das Kaddischgebet sprechen zu lassen. — lieber das Kol-Nidre-Gebet tonnte auch in dieser Sitzung keine Entscheidung herbei geführt werden. Es ist in diesem Jahre ohne weiteres in orgellosen Synagogen, in denen es bisher nicht üblich war, gesagt worden. Dagegen ist eine Interpellation von Mitgliedern der Versammlung eingelausen. Die 'Interpellation begründete Herr Scminavdirektor Dt. Gutmann, indem er darauf hinwies, daß den Interpellanten nichts ferner liege, als eine neue Kulturdebatte über das Kol Nidre herbei zuführen. daß sie es aber nicht dulden könnten, daß über Beschlüsse der Repräsentantenversammlung hinweggegangen würde. Er bittet deshalb, nur in eine Besprechung der formalen Seite der Angelegenheit einzutreten. Herr Dr. L o e b hält eine solche Beschränkung nicht für angängig und sagt: „Ich möchte seststellen, daß die Gutachten der Rabbiner Dc. Kellermann und Galliner wissenschaftlich unrichtig sind. Im Gutachten des Dr. Kellermann! ist behauptet, im SeDer Amram stehe das Kol Nidre nicht. Ich stelle fest, daß das Kol - Nidre - Gebet in der maßgebenden Jerusalemer Ausgabe des Seder Amram enthalten ist. Ferner haben sich fci;c Gavnim, von denen Dr. Galliner und Kellermann behaupten, sie hätten sich gegen das Kol Nidre ausgesprochen, niemals gegen das Kol Nidre selbst, sondern nur gegen die Fassung mijom kippurim scheovar gewandt, die ja auch niemals der traditionellen Form des Kol Nidre zugrunde gelegt worden ist. Es ist also festzusirellen, daß die Gaonim sich über das Kol Nidre in der Fassung unseres Machsor einig waren. — Herr Magistratrat Dr. Neumann führte aus: Bedauerlicherweise ist heute wieder die Zeit mit für die gemeinsame Arbeit nutzlosen Wiederholungen derselben Darlegungen vergeudet worden. Schulddaran sind die Herren, die durch ihre Anfrage an den Vorstand von neuem die Auseinandersetzung über das Kol-Nidre-Gebet veranlaßten. Hätten sie sich nur gegen ein eigenmächtiges Borgehen der Synagogenvorstände gewandt, so hätte sich dies als Rüge einer Difziplinlosigkeit verstehen lassen. Sie tadeln aber durch ihre Frage, ob dem Genwindevorstand das Sagen des Kol-Nidre-Gebets in den Synagogen Kaiserstraße und Kottbuser Ufer bekannt war, das Sprechen des Gebetes selbst. Es ist daher begreiflich, daß sich daran eine sachliche Erörterung auch der Gutachten der Rabbiner anschloß. Man kann freilich darüber streiten,' ob diese Erörterung sich nicht auch anders hätte abspielen können. Jedenfalls ist für uns die ganze Frage vollständig geklärt. Der ethische Wert des Gebetes steht für uns außer Zlveifel, und wir sehen in dem Sprecher des Gebetes in der Alten Synagoge mit Zustimmung des Gemeindevorstandes eine Bestätigung unserer Auffassung. Was dort zulässig ist, kann in der Synagoge Kaiserstraße nicht verwerflich sein. Bei dieser Gelegenheit müssen wir als Vertreter des Zentralverems, die stets für die Einheit der Gemeinde eingetreten sind, noch zu den Vorschlägen der Jüdischen Volkspartei, die jeder Synagoge ihren eigenen Ritus überlassen will, bemerken: So sehr wir die Zentralisation im Derwaltungsinteresse und zur Förderung der Teilnahme der einzelnen Mitglieder an den Gemeindeaufgaben begrüßen würden, werden wir uns selbst gegen jede Maßnahme wehren, die eine vollständige Trennung der beiden Hauptrichtungen zur Folge haben würde. Die Erhaltung der Einheit muß auch hier die Grenze bilden. Wir wollen keine Teilung des Judentums in zwei völlig voneinander unabhängige Teile, sondern bekennen uns zu demselben einen Judentum. — Herr Professor Heinrich l? ö w •: referierte hierauf über die drückende Notlage eines nicht unbeträchtlichen Teiles der jüdischen Studentenschaft und bittet, der Vorstand möge auch seinerseits mit den wirtschaftlichen und moralischen Mitteln der Gemeinde eingreisen. Er machte, aufmerksam, wie viele unbegabte Menschen mit Unterstützung studieren und wie viele begabte darben. Man möge Sorge tragen;, daß die Jugend sich mehr dem Handwerk und der Landwirtschaft zuwende. Die Umschichtung der Gesellschaft werde das Mittel sein, die Not zn mildern. Herr Professor Löwe macht auch auf die alte jüdische Sitte aufmerksam. Studierende in das Haus und an den Tisch zu ziehen. Es wurde be'chlossen, eine gemischte Kommission einzusetzen, die sich mit Dieser Frage beschäftigen soll. In diese wurden gewählt: Dr. Loeb, M. A. L o e b, L c w i t, S t e r n, S t e i n t h a l, C a s p a r y, G o l d - \ ch m i d t. — Es folgte eine Anfrage von Mitgliedern der Versammlung betreffs Stellungnahme zu den Verhandlungen der Preußischen Landesversalnmt'ung über das Gesetz betreffs Austritt aus den Religionsgemeinschaften. Herr Dr. Freund, 'der die Interpellation im Namen des Gemeindevorstandes beantwortete, stimmte den Interpellanten darin bei, daß es sich um eine Sache von größter Wichtigkeit für die Gemeinde handle. Er gibt eine eingehende Darlegung der rechtlichen Bedeutung des geplanten Gesetzes sowie des gegenwärtigen parlamentarischen Standes der Angelegenheit. Der Gemeindevorstand selbst habe i>m früheren Stadium Der Angelegenheit keine Schritte unternommen, weil er bei der Verkeilung der Kompetenzen im öffentlichen Leben des Deutschen Judentums damit rechnen durste, daß der Verband der Deutschen Juden sich der Sache in eingehendem Maße annehmen würde. Jetzt sei es für ein Eingehen zu spät. Da die Beratung in dritter Lesung bereits geschlossen und lediglich Die Abstimmung infolge der Obstruktion der beiden sozialistischen Parteien noch nicht zu Ende geführt worden sei. Sollte diese Obstruktion bis zum Schlüsse der Session andanern und eine erneute Einbringung des Gesetzes in Der nächsten Session nötig norden, so würden von Dem Gemeindevvrstand allein oder gemeinsam mit anderen Stellen alle Schritte unternommen werden, um die Interessen der jüdischen Gemeinden; wirksam wahrzunehmen. — Die Ver sammlung beschlich, die Lehrkräfte der subventionierten Pr ofa n - schulen hinsichtlich der Honorierung den Reliigionslehrikrästen der Gemeinde gleichen stellen. — Herr James Gold s ch m i d t, der für den Ausschuß I über Die Erhöhung Der SchächtgM'chreu arm- 10 Pfennig pro Pfund referiert, führt aus: „Der Zentralverein für die Jnterrssen der Jüdischen Gemeinde, der mich zur Wahrnehmung seiner Mitgliederinteressen hierher gesandt hat, ist feit vielen Jahrenin Wort und Schrift dafür eingetreten, Daß alles vermieden werden muß, was dazu beiträgt, die Führung eines religiösen. Haushaltes zu verteuern. Unter 'anderen Verhältnissen würde ich unbedingt gegen jeden Preisaufschlag antämpfen, heute.aber, wo. das Pfund Fleisch 17 Mark und darüber kostet und man bei der Geldentwertung 10 Pfennig kaum noch als Münze ansteht, glaube ich es unter Berücksichtigung Der finanziellen Verhältnisse der Gemeinde verantworten zu können,, wegen der Belastung von 10 Pfennig pro Pfund die Vorlage nicht abgulehnen. Fordern muß ich -aber mit allem Nachdruck, daß. diejenigen. Sicherheiten, Die zum Schutze der Käufer vo>r Uebervorteilung in Aussicht genommen sind-, so geschaffen werden, daß das Publikum über die Begrenzung des Preisaufschlages auf höchstens 10 Pfennig pro. Pfund in deutlichster Weife unterrichtet wird. In der Erwartung, daß die Kaschruchkommifsion sorgfältig darüber wachen wird, daß die Fteischwarenhändler die Vorschriften bezüglich des Plakats und der Preisgrenze genau beachten, und daß sie jede etwaige Beschwerde seitens des Publikums auf das strengste nachprüfen wird, werde ich für die Vorlage stimmen." Die Versammlung beschließt gleichlautend. — Zürn Schluß folgten Bewilligungen! mannigfacher Subventionen lind Wahlen inverschiedenen KommPonen. . ,