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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-11-12 · Heft 36 (12.11.1920) · p. Seite 419

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 36 (12.11.1920)
Date
1920-11-12
Page
Seite 419 (sequence 11)
Language
German
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Nein,, ihm konnte man wirklich keinen Vorwurf daraus machen. Er hatte das langsame Hinsterben, seiner Frau — Gott lasse sie selig ruhen! — nur zu gut im Gedächtnis behalten. Nun erlebte er -gleiches zum zweiten Male. Ihn grauste. Aber er fühlte sich machtlos. Und er verdoppelte seine Gebete, däß ihm der Herrgott nicht auch noch die Tochter nähme. . . Esther selbst aber klagte, niemals. * Eines Morgens — Esther wußte nicht, wie oft Wohl aus dem Abend ein neuer Morgen und aus dem Morgen wiederum Abend geworden war, seit e r nicht mehr gekommen war —, eines Morgens ging die Ladentür. Dann warf sie sich mit einer ungestümen Bewegung dem Eintretenden entgegen: . „Herr Paul! Nun ist alles wieder gut!" Mitten in der Bewegung hielt sie inne; ganz plötzlich kam es ihr zum Bewußtsein, daß sich das nicht gehörte. Schon aber hatte er sie an beiden Händen gefaßt. „Siehst du, kleine Esther, nun bin ich wieder da . . ." Und mit einem Male, als er die Tränen in ihren Augen sah, zog er sie an sich und sagte leise: „Hast du mich so gern, kleine Esther?" Sie sah seine Augen dicht über sich, ihre Lippen öffneten sich zu einem leisen: „Ach . . .", öffneten sich wie eine Rose, die sich langsam entblättert. . . dann fühlte sie seinen Mund auf dem ihren brennen, wieder und immer wieder. Fühlte, wie seine Hand ihr weich und zärtlich über die schmal gewordenen Wangen fuhr. Sie hätte später nie sagen können, ob es Sekunden waren, Minuten oder Stunden, die sie so eng umschlungen standen. Seine Zärtlichkeiten flössen über sie hin wie ein rauschender Strom der Liebe . . . Dann hörte sie ihn sprechen: „Nun muß ich gehen, kleine Esther. Aber morgen komme ich wieder, morgen und alle Tage." Sie nickte nur. Wortlos. Sie war allein. * Alles, was sie an dem Tage noch tat, geschah wie im Traum. Sie sprach, gab Antwort, aß, trank — und wußte doch nichts von dem, was um sie vorging. Erst am Abend, als sie in ihrem Stübchen im Bette lag, kamen ihr die erlösenden Tränen. Was hatte sie getan! Sie hatte sich küssen lassen! Entweiht waren ihre Lippen, die doch unberührt hätten bleiben sollen für den, dem ihres Vaters Willen sie einmal bestimmt hätte! Ein Kuß ist eine Todsünde hier im Lande, nicht anders als ein Preisgeben der Jungfräulichkeit. Sie hatte sich küffen lassen, küssen! Und noch dazu — sie biß in die Kissen, um nicht aufzuschreien in körperlicher Qual — küssen von — einem Goj! Von einem Goj! Ein Goj hatte sie in den Armen gehalten, ein Goj ihren Mund berührt, ein Goj seine Lippen auf die ihren gedrückt! Eine Verworfene war sie, eine Abtrünnige, nicht wert mehr, zu Gottes auserwähltem Volke zu gehören. Sie sah sich ausgestoßen aus der Gemeinde; hörte, wie ihr Vater den Fluch über sie sprach . , . Ich liebe ihn, jammerte sie dazwischen. Er ist gut! Er ist ein Goj!, antwortete die Stimme ihres Gewissens. Ich liebe ihn, wimmerte sie wieder . . . Er ist ein Goj! Ein Goj! Ein Goj! Mit beiden Händen griff sie nach ihrem Herzen . . . Es war eine böse Nacht im Holzhause an der Langen Straße. Moische Finkelkraut hörte das Wimmern und Stöhnen. Mit wankenden Knien eilte er über den Gang in seiner Tochter Kammer. In Herzkrämpfen fand er eine Fiebernde. Moische Finkelkraut rannte durch die Straßen. Ein Arzt, ein Arzt! Das war sein einziger Gedanke. Endlich fand er einen. Zu Stunden wurden ihm die Minuten des Wartens, zu Meilen der Rückweg zu seinem Hause. Und in den Mienen des Arztes las er sein Schicksal. Esthers Mutter rief ihr Kind. *• Sooft Esther in den nächsten Tagen die Augen auffchlug. saß er an ihrem Bette. Sie wunderte sich nicht darüber. Sie war so müde! Ihr war so leicht und gleichzeitig so schwer. Und denken konnte sie schon gar nicht mehr. Zeitweilig schlief sie. Dazwischen dämmerte sie dahin. Er saß neben ihr. hielt ihre Hand in der seinen. So war es gut... Was gewesen war — was sein würde — sie wußte es nicht. Moische Finkelkraut lehnte neben der Tür, den Rücken gebeugter noch als früher, den Kopf gesenkter noch als sonst, und sandte unter den buschigen Augenbrauen haßerfüllte Blicke auf die unbewegliche Gruppe der Zwei. Seine Tochter — und ein Goj! Die Tochter seiner Frau — Gott Hab sie selig! —, die eine fromme Jüdin gewesen war — und ein Goj! War sie nicht geboren und erzogen worden als ehrbarer Leute Kind? Hatte er sie nicht in die Kinderlehre geschickt und sie angehalten, ein sittsames jüdisches Mädchen zu werden? Wie hatte seine selige Frau — danken mußte er Gott, daß sie ihm genommen war und nicht zu sehen brauchte die Schaub! — sich gefreut, als die kleine Esther zum ersten Male ihr „Gcbitte" herzuplappern wußte! War sie nicht auch nach dem Tode seiner Frau ausgewachsen in Zucht und Sitte? Hatte er es je fehlen lassen an Ermahnungen und gutem Beispiel? Nun lag sie da und hielt die Hand eines Goj in der ihren und hatte keinen Blick für ihn, ihren leiblichen Vater. Gab es eine Gerechtigkeit in der Welt? Seine Gedanken liefen immer wieder denselben Kreislauf: Seine Tochter — des ehrbaren Moische Finkelkraut Tochter, dem niemand Schlechtes nachsagen konnte, der, obzwar er ein armer Mann war, doch allezeit das Haupt hatte erheben dürfen als ein frommer Mann, der die Gebote hielt, sie auf den Lippen trug und im Herzen - seine Tochter — und ein Goj! Verflucht soll . . . Aber flucht man einer Sterbenden? Und Angst hatte er vor den blaugrauen, stahlharten, hellen Augen des fremden Mannes, der seines Kindes Hand — war es denn noch sein Kind? — in der seinen hielt; eine stille, heimliche Angst, die er sich selbst nicht eingestand. Mit einer Selbstverständlichkeit hatte der Fremde sich an das Bett gesetzt — jeden Einwand mit einer Herrengebärde zum Schweigen gebracht — einer Herrengebärde, vor der Moische Finkelkraut, in dessen Blut jahrhunderte- und jahrtausendealte Knechtschaft nachwirkte, sich duckte und verkroch wie ein geprügelter Hund. — Die Stunden schlichen, als hätten sie Blei an den Füßen, und wurden zu Tagen. Am Abend des fünften Tages schlug Esther die Augen voll und groß auf. Nie war sie, trotz der Abgezehrtheit ihrer Wangen, schöner gewesen als in diesem Augenblicke. „Tate..." Moische Finkelkraut zitterte. Durch und durch ging ihni der kaum geflüsterte Hauch, der erste seit fünf Nächten und fünf Tagen.

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