Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 36 (12.11.1920)
- Date
- 1920-11-12
- Page
- Seite 418 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229478--76020-3288567- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
mit seinem letzten sich deckt. Er hat nie seine Gesinnung ge-' wechselt, nie eine seiner politischen Ueberzeugungen Preisgegeben, nie eines seiner Ideale verleugnet; wofür er in der Jugend gekämpft, dafür hat er noch im Alter, wenngleich schon kampfesmüde und am Erfolg verzweifelnd, tapfer eine Lanze gebrochen. Diesenr Geistesritter ohne Furcht und Tadel konnten auch seine Gegner ihre Achtung, ja ihre Bewunderung nicht versagen. Es ist bezeichnend für diesen deutschen Schriftsteller jüdischer Abkunft, daß keiner, weder Freund noch Feind, an der Echtheit seiner deutschen Gesinnung, der Aufrichtigkeit seines deutschen Patriotismus, an seiner Deutschheit zu zweifeln wagte. Bei vielen anderen mit dem jüdischen „Geburtsfehler" Behafteten, namentlich bei Heine, haben sich die meisten am Judenpunkt gestoßen. Ludwig Börne aber empfanden alle als deutsch. Selbst diejenigen, die „den Notanker B a r u ch auszuwerfen pflegten, sooft fle irgendwo am Börne scheiterten", mußten ihn als deutschen Mann gellten lassen. So schrieb einmal Wolfgang Menzel, der Adolf Bartels des neunzehnten Jahrhunderts: Börnes Krankheit sei Deutschheit, seine Deutschheit Krankheit. Und er hatte so unrecht nicht. Börne ist an seinem deutschen Wesen krank geworden; er hat sich mit einer bis zum Haß gesteigerten Liebe in seine Deutschheit hineingebohrt, hineingebisfen, und ist daran verblutet. Bei alledem war Börne ein ganzer Mann, ohne jene Zerrissenheit im Wesen, die für gewöhnlich durch die zwangweise Paarung zweier verschieden gearteten Seelenkräfte entsteht. Ihm war es gelungen, die zwei Grundelemente seines Wesens, das jüdische Empfinden und den deutschen Willen, gleichsam chemisch zu einer neuen Einheit zu verbinden, und autz dieser Mischung entsprang die Eigenart seines Stils, der furchtbare Ernst seiner blutigen Satire, die ätzende Schärfe seines beißenden Witzes. Gerade Börnes Witz beweist, bis zu welcher Einheitlichkeit die zwei Grundelemente seines Wesens in eins verschmolzen waren. Der Börnesche Witz ist kerndeutsch und echtjüdisch — zugleich, und dieses Zugleichsein ist das Charakteristische an ihm. Börnes Witz ist mitunter auch Wortwitz, der mehr aufs Begriffliche als aufs Anschauliche eingestellt ist; er sucht die Sache durch das Wort zu überwinden. Börnes Witz besitzt eine eigene Art von Rhythmus, es ist etwas Vibrierendes, Schwingendes, An- und Aufregendes in ihm. Er ist ein Wurf, der fast immer gelingt, eine rasche Wendung im Vorbeigehen, ein scheinbar unbeabsichtigt abgedrückter Pfeilschuß, der selten sein Ziel verfehlt. Mitunter ist dieser Witz ein blitzartiges Aufleuchten, ein rasches, zeitlich kaum zu begrenzendes Zusammentreffen von Wort und Wort: es ist, als weckte ein Wort die Erinnerung an alle seine eigenen Betonungsmöglichkeiten oder an ein anderes Wort gleichen Klanges. Einen Brief aus B r u ch s a l datiert Börne einmal: „Trübsal, den 18. November 1820", und fügt gleich hinzu: „Bruchsal heißt der Ort, aber mir ist er ein Trübsal und Scheusal. Wenn die Verzweiflung Witz gibt oder nimmt, so werde ich hier ein- Voltaire oder ein Kretin. Ich möchte aus der Haut fahren, hätte sie nur eine Oeffnung, die groß genug wäre, mich durchzulassen." Ein andermal schreibt er an seine Freundin Jeanette Wohl aus München und bittet sie, den Ortsnamen so auszusprechen, daß sie an den Nachmittagsgottesdienst der Juden erinnert werde (Börne meint das Wort Minchah). In Dankbarkeit für die geistige Förderung, die ihm durch Jeanette Wohl wurde, unterzeichnet er seine an die Freundin gerichteten Briefe „Dr. Börne geb. Wohl." Aus dem geborenen Wohl wird aber bald ein Wohlgcbvren, und mancher Brief ist unterschrieben: „Dr. Börne, Wohlgeboren." In seinem Witz spiegelt sich sein Geist. Die Notenschnüsfler, deren Metier es ist, jeden Geistesstrom, so er irgendwo jüdischem Quell entspringt, nach der „spezifisch jüdischen Note" abzusuchen, können diese bei Börne an seinem Witz leicht entdecken und somit den Beweis erbringen, daß die jüdische Seele auch im getauften Inden unsterblich ist. * / Mit einigen zwanzig Jahren hat Börne sich taufen lassen und seinen Namen Löb Baruch in Ludwig Börne geändert. Genutzt hat es ihm nichts. Daß er als Jude geboren wurde und früher Löb Baruch geheißen hatte, das wollten die anderen, das konnte er selbst nicht vergessen. In diesem peinigenden Gefühl des Sicherinnerns und des Erinnertwerdens überkam es ihn manchmal wie Reue, daß er diesen Schritt getan hatte. Dieser Reue hat er einmal folgenden echt Börneschen Ausdruck gegeben: „Ich wollte, es gäbe mir einer die drei Louisdor zurück, die ich für mein Christentum dem Herrn Pfarrer verehrt. Seit achtzehn Jahren bin ich getauft, und es hilft mich nichts :.. Es war eine törichte Verschwendung." Ja, es half ihm nichts. Mit spitzen Waffen haben sie den Juden und den Löb Baruch in sein blutendes Herz geritzt und er mußte seinen Judenschmerz ewig mit sich herumtragen. Und dieser Judenschmerz war die Quelle seiner maßlosen Erbitterung und seines strafenden Zornes. Als Börne noch Student war, hat ihm der Schreiber auf dem Römer einmal in den Paß geschrieben: -luik de Francfort. Damals schwur er in seinem Herzen: Wartet nur, ich schreibe euch auch einmal einen Paß, euch und allen... Und er hat Wort gehalten. Er hat manchen einen Paß geschrieben, den sich nrir Stumpfsinn hinter den Spiegel stecken konnte. — „Ha, wie ärgerte der kleine Jude die großen Philister!" Heinrich Grätz wirft die Frage auf, ob Börne in die jüdische Geschichte gehöre. Er bejaht diese Frage und vergleicht Börne mit einem Kämpfer, der „des Feindes Rüstung und Fahne ergriff, um ihn desto sicherer zu treffen". Für Börnes Taufe, fügt Grätz sinnig hinzu, müßte man „die Lauheit oder Einfalt des halben Dorfpfarrers verantwortlich machen, der ihn mit Taufwasser besprengte, ohne ihn um ein aufrichtiges Glaubensbekenntnis zu befragen". Denn in der Tat hing Börne „im Herzen dem Judentum aufrichtiger an als die Friedländers, die sich als dessen Vertreter gebärdeten". — Wer Börne kennt, wird sich diesem Urteil nur anschließen. Der Uebertritt Börnes ist gewiß auifs tiefste zu bedauern. Aber das eine scheint festzustehen: Er wäre uns als Löb Baruch nicht mehr geworden, als was er uns als Ludwig Börne gewesen ist. Me Geschichte der armen Mher. (Schluß., Von Walter Wolfs. (Nachdruck verböte»., ar sie die ersten Tage zuDutzenden von Malen über die Schwelle getreten, um über die Gasse zu spähen — jetzt saß sie still und in sich verkrochen hinter der Theke. Sie wußte nicht zu sagen, was ihr fehlte, auch dem Vater nicht, der ihr in seltener Liebkosung ein Paarmal über den Kopf strich. Sollte er den Arzt holen? Nein, sie war nicht krank. Und verfiel doch von Tag zu Tag. Moische Finkelkraut sah nur das Aeußerliche, Körperliche. Wie hätte er auch ahnen können, daß das Wogbleiben eines Soldaten — eines, der wohl freundlicher war als seine Kameraden, aber der doch immer ein Soldat, ein Fremder, ein Andersgläubiger blieb —, daß dessen Wegbleiben, über das er mit ein Paar Worten gelegentlicher Erwähnung hinwegging, irgendwie damit zusammenhing!