Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 36 (12.11.1920)
- Date
- 1920-11-12
- Page
- Seite 417 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Kindheit gestohlen, ihr -schlechten Schelme! Ihr habt mir Salz geworfen in den süßen Becher der Jugend; ihr habt die tückische Verleumdung und den albernen Spott hingestellt auf den Weg des Mannes — abhalten konntet ihr mich nicht, aber müde, verdrossen und ohne Freudigkeit erreichte ich das Ziel. Empfindung nach Empfindung habt ihr mir getötet und einen Kirchhof geschaffen aus dieser lebensvollen Brust. Daß mir die Rache nicht einmal geblieben, daß ich nicht Kraft habe, zu vergeben, und nicht Ohnmacht genug, sie zu züchtigen! Ich kann sie nicht erreichen in ihrer Fuchshöhle, ich kann mich nicht bücken, ich kann nicht kriechen; und recht behalten, wie immer, wird das schlaue Vieh . . ." Dieses qualvolle Bekenntnis einer verwundeten Brust konnte nur ein Mann niederschreiben, der mit den Juden gelitten, der in jedem unterdrückten Juden sein Selbst wiodererkannte. 'lat twam asi! Deshalb ist auch Ludwig Börne mit der ganzen Wucht setiner Persönlichkeit stets für die Juden eingetreten. Seine Abhandlung „Für die Juden" beginnt er mit den Worten: „Für Recht und Freiheit sollte ich sagen; aber verstünden das die Menschen, dann wäre keine Not und es bedürfte der Rede nicht." Jeden Börneschen Kampf für Recht und Freiheit könnte man als einen solchen für die Juden ansehen. Denn die Juden wurden am meisten der' Freiheit beraubt, ihnen wurde am häufigsten das Recht geschmälert. Börne forderte das Recht, keine Liebe. Viele Juden haben das mit den Deutschen gemein, daß sie justement geliebt sein möchten. Wie viele von uns haben nicht darüber, geklagt, daß die Emanzipation der Juden nur deshalb auf halbem Wege stehenblieb, weil sie. lediglich der Ausdruck eines trockenen Prinzips, aber nicht der einer Liebe und Zuneigung zu den Juden gewesen sei. Nach Börne ist aber die Sache der Juden eine Sache des Rechts, und das Rocht kann und soll nie Gefühlssache werden. „Die Sache der Juden", schreibt er in seiner erwähnten Abhandlung, „muß aus einem Gegenstände der Empfindung zu einem Gegenstände der Ueberlegung gemacht werden, und dann ist das Gute gewonnen." Noch klarer hat denselben Gedanken Gabriel Riester ausgesprochen. Liebe, Zuneigung, Gefühlsmomente, sagt Riesser, haben mit der Rechtsidee nichts zu schaffen. Das Gefühl ist wandelbar. Was heute die Liebe m>it tausend Händen spendet, kann morgen der Haß mit ebenso vielen Fäusten zurückerobern. Die Idee des Rechts allein bleibt unwandelbar. i* Trotzdem Börne stets mit Wärme für die Rechte der Juden eingetreten ist und obwohl seine Kampsartikel für die Juden zur Genüge beweisen, daß es mehr war als das trockene Gerechtigkeitspriinzip, was ihn für sie einzutreten veranlaßte, so ist dennoch die Ansicht weit verbreitet, Ludwig Börne habe das Judentum gehaßt. Wer Börnes Schriften mit Aufmerksamkeit liest, in dem Worte den Sinn und hinter des Wortes Sinn den Menschen sucht und findet, wird zu bei Ueberzeu- ' gung kommen, daß Börnes übelbeleumdeter Judenhaß eine verschleiernde Uebertreibung ist, zu deren Entstehung nur Ueberempfindlichkeit und Oberflächlichkeit beigetragen haben können. Freilich sind unzählige Stellen in seinen Schriften, die dem oberflächlichen Leser wiie des Judenhasses giftige Pfeile erscheinen. Aber Ludwig Börne muß man ganz nehmen und nicht nach einzelnen Aeußerungen seiner leidenschaftlichen Natur beurteilen. Gewiß, Börne hat seine ehemaligen Glaubensgenossen mit manchem harten Wort bedacht und nicht selten das getan, was man gemeinhin antisemiteln nennt. Alles das erweist sich indes bei näherer Prüfung mehr als Aeußerung des Temperaments denn als Ausfluß eines bewußten Judenhasses. Es ist wahrscheinlich, daß Börne keine besondere Zuneigung für die Juden hegte; es ist möglich, daß die Inden seiner Umgebung nicht so beschaffen waren, ihm Liebe zu den Juden einzuflößen (manche Börne-Forscher neigen zu dieser Ansicht!), aber gehaßt hat er das Judentum und die Juden nie. Vielleicht glich am Ende sein Judenhaß seinem Deutschenhaß, von dem seine erbittertsten Gegner anerkannten, daß er einer großen Liebe entsprungen war. Ludwig Börne war ein grundehrlicher Charakter und zeigte immer und überall sein wahres Gesicht. Aber hinter jedem wahren Gesicht birgt sich noch ein zweites, das allerwahrste, das Bild des ureigenen Wesens, das nur irr bestimmten Momenten, durch äußere Anlässe oder innere Beweggründe getrieben, zrim Vorschein kommt. Auch Börne hatte im Leben solche Momente, wo er die verborgensten Schleusen seines Herzens öffnete rind die heimlichsten Scelenpforten anstat und sein innerstes Wesen offenbarte. Durch folgendes Selbstbekenntnis, das ans geläuterten Flammenbächen des Judenschmerzes hervorflutet, wird das Gerede von Börnes Judenhaß Lügen gestraft. In seinen Briefen aus Paris schreibt er: „Tausend Male habe ich e§: erfahren und doch bleibt es mir ewig neu. Die einen werfen mir vor, daß ich ein Jude sei; die anderen verzeihen mir es; der dritte lobt mich gar dafür; aber alle denken daran. Sie find wie gebannt in diesem magischen Judenkreise, es kann keiner hinaus... Nein, daß ich als ein Jude geboren, das hat mich nie erbittert gegen die Deutschen, das hat mich nie verblendet. Ich wäre ja nicht wert, das Licht der Sonne zu genießen, wenn ich die große Gnade, die mir Gott erzeigt, mich zugleich ein Deutscher und ein Jude werden zu lasten, mit schnödem Murren bezahlte — wegen eines Spottes, den ich immer verachtet, wegen Leiden, die ich längst verschmerzt. Nein, ich weiß das unverdiente Glück zu schätzen, zugleich ein Deutscher lind ein Jude zu sein, nach allen Tugenden der Deutschen streben zu können und doch keinen ihrer Fehler z» teilen. Ja, weil ich als Knecht geboren, darum liebe ich die Freiheit mehr als ihr. Ja, weil ich die Sklaverei gelernt, darum verstehe ich die Freiheit besser als ihr... Ich bitte euch, verachtet mir meine Juden nicht! Wäret ihr nur wie sie, dann wäret ihr bester; wären ihrer nur so viele, als ihr seid, dann wären sie besser als ihr. Ihr seid dreißig Millionen Deutsche und zählt nur für dreißig in der Welt; gebt uns dreißig Millionen Juden, und die Welt zählte nicht neben ihnen. Ihr habt den Juden die Luft genommen, aber daS hat sie vor Fäulnis bewahrt. Ihr habt das Salz des Hasses in ihr Herz gestreut, aber das hat ihr Herz frisch erhalten... Wenn der Frühling kommt, wollen wir sehen, wer früher grünt, der Jude oder der Christ." Kann einer, der die Juden haßt, mit solcher Liebe von den Juden sprechen? * Unter den Geistern des jungen Deutschland ist Ludwig Börne der einzige, den man im schärfsten Sinne einen Charakter nennen kann. Ein gesinnungsstarker Mensch, der in seinem Wesenskern innerlich gefestigt war, ist er Zeit seines Lebens in gerader' Linie fortgeschritten, ohne nach rechts oder links vom Wege abzuirren. Er hat allen Windstößen einer nuf und ab wogenden Strömungen ausgesetzten Epoche Widerstand geleistet und das Schiff seiner Ueberzengungen durch die schwankenden Strömungen seiner Zeit mannhaft gesteuert. Ludwig Börne war eine seltene, unter den führenden Geistern seiner Zeit vielleicht eine einmalige Erscheinung: ein stolzer, unwandelbarer, federgewandter Mann, der es verdient hätte, den Carlyleschen Helden unter dem Titel „Der Schriftsteller als Charakter" eingereiht zu werden. Die Beständigkeit einer Gesinnung und die Kontinuität des Geistes, die durchgängig auf der ganzen Entwicklungslinie keine Brechungspnnkte aistweist, tritt bei keinem zweiten Schriftsteller des jungen Deutschland so lückenlos zutage wie bei Ludwig Börne. Von ihm kann man, ohne zu übertreiben, sagen, daß sein erstes Wort