Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 36 (12.11.1920)
- Date
- 1920-11-12
- Page
- Seite 416 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229478--76018-3288565- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
M-ann, der ernstlich entschlossen gewesen wäre, mit Den Ver- - leumdern Den Kampf auszunehmen. Die Juden beschränkten sich bloß auf die Verteidigung. Bloch aber sagte: „Wer sich verteidigt, der klagt sich an!" Er ging zum Angriff über. Mit heldenhafter Entschlossenheit, die in der ganzen Welt Staunen und Bewunderung her- - vorrief, wies Bloch die alberne Lüge zurück und übte vernichtende Kritik gegen die Ankläger und Verleumder. Bloch wies nach, daß auch die Jesuiten des Mordes an Knaben zu rituellen Zwecken geziehen worden seien. Als Professor Rohling nüt Hilfe des Apostaten Justus Brimann öffentlich die Juden des Ritualmordes anklagte und einen Eid ablegte, daß sich im jüdischen Schrifttum eine diesbezügliche Stelle findet, beschuldigte ihn Bloch öffentlich im Parlament und . in seiner „Wochenschrift" des Meineides. Rohling strengte die Klage gegen ihn an; aber Bloch blieb auch hier Sieger. Seine Affäre mit dem katholischen Geistlichen Deckert, der seine Gelehrsamkeit von dem jüdischen Ritualmärchen ebenso aus den trübsten Quellen gemeiner Lüge schöpfte, die ihm ein anderer Apostat, Paulus Mayer, zufließen ließ, brachte ihm gleichfalls vollen Sieg. In beiden Fällen verhalf er siegreich der Wahrheit zu ihrem Recht, und das von Feinden un!d Abtrünnigen so arg geschmähte Judentum jubelte ihm wogen Dieses mach- » tigen Erfolges zu. Bei Der folgenden Reichsratswahl, als der Polenklub den Kahaljuden Dr. Emil Byk als Gegenkandidaten aufstellte, war der Kampf der Blochschen Anhängerschast um das Mandat für ihren glorreichen Führer ein um so erbitterter. Das Mandat blieb ihm gewahrt. Zum Nutzen und Frommen seiner Glaubensgenossen! Nur wenige Worte will ich hier über Dr. Bloch als Schriftsteller und über feine Verdienste um die jüdische Publizistik anführen. Mit der Gründung seiner „Oesterreichischen Wochenschrift", die im Jahre 1882 erfolgte, hat Dr. Bloch dem Judentum große publizistische Dienste geleistet und sich einen Ehrenplatz in der Geschichte der jüdischen Presse gesichert. Mit jüdischem Geiste, mit jüdischem Herzen, mit scharfer Dialektik und fundamentalem Wissen vertrat er die Interessen des Judentums und zog immer größere Kreise seiner Verehrer und Freunde um sich, so daß die „Oesterreichische Wochenschrift" bald zu den angesehensten und Verbreitesten jüdischen Blättern zählte. Aber nicht nur in der Redaktionsstube und auf der parlamentarischen Tribüne stellte er seinen Mann; sondern auch in der stillen Behausung erwies er sich als väterlicher Berater und Helfer in der Not. Er predigte nicht allein Barmherzigkeit und Nächstenliebe, sondern übte sie auch. Viele sind es, die Zeugen dieser Mannestugend sind und in dankbarer Erinnerung sich mit dem Schreiber dieser Zeilen als Gratulanten mit den innigsten Wünschen für sein ferneres Wohl sich zu seinem 70. Geburtsfeste vereinen. Männer, wie Dr. Bloch, ehren sich selbst durch ihre Taten! C h a j i m Bloch (Wien). Ludwig Lörnr. Bon 2. Meiseis (Wien). ie Wandlung des inneren Menschen macht nicht immer eine Aenderung der äußeren Erscheinung erforderlich, ebensowenig ist bei einer Umformung Des äußeren Habitus stets eine Metamorphose des inneren Seelenlebens die Folge. Das Andersscheinen setzt nicht das Anderssein voraus. Elischa ben Abuja zieht äußerlich den alten Menschen nicht aus; er wechselt nicht sein Aussehen, sondern seine Gesinnung; er ändert .nicht seinen Namen, sondern seine Anschauung: er nennt sich fürderhin stolz Elischa Sohn Abujas, nur die anderen nennen ihn Acher, weil sie ihn als andersgeartet und wesensfremd einpfinden. Ludwig Börne ist sein Gegenteil. Er wechselt sein Aussehen und bleibt treu seiner alten Gesinnung; er ändert seinen Namen, nicht seine Anschauung: er nennt sich stolz Ludwig Börne und wird sich nicht bewußt, daß dahinter doch nur der alte Löb Baruch steckt. Er geht von uns, aber der Gang ist nur eine scheinbare Bewegung, c!:n Gehen, ohne sich zu entfernen. Ludwig Börne hat, dem Druck der Verhältnisse nachgebend, das Judentum verlassen, aber Das Judentum hat, einem höheren Zwange der Natur gehorchend, ihn nicht verlassen. Gleichviel, ob er sich zu uns zählte oder nicht, er war unser. Er ivar Blut von unserem Blute und Geist von unserem Geiste. Er stellte sich außerhalb unserer Reihen, nichtsdestoweniger vertrat er unsere Sache, als wäre es seine eigene; und es war seine eigene. Die indische Weisheit kennt den tiefsinnigen Spruch: Nut twam asi! („Das bist du!"). Die wunderwirkende Natur webt ihre Schleier, nicht für jedermann sichtbar, um die Kinder einer Gattung und läßt sie eine unzertrennliche Einheit werden. Teile an Teile gliedert sie zu einem höheren Ganzen. Wie in einem Netz hält sie sie gefangen und gewährt daraus kein Entrinnen. Wen die Natur zum nützlichen Glied einer Gemeinschaft auserkoren, der bleibt in ihr, und mag er sie auf hunderte Meilen fliehen wollen; wer hingegen mit erschreckender Leichtigkeit den Banden einer Gemeinschaft entrinnen kann, Der war nie darin gewesen, und hätte er selbst in der Mitte dieser . Gemeinschaft gestanden. Blut ist kein Wasser. Nur Fischnaturen können sich restlos wandeln. In Ludwig Börnes Adern aber rollte warmes jüdisches Blut. Mit warmem jüdischen Herzblut hat er seine Kampfartikel geschrieben. Wollte er sich seinen Brüdern nicht völlig entfremden? Ich weiß es nicht. Sicher ist nur, daß er es nicht konnte. In diesem Nichtkönnen ruhte seine große moralische Kraft, in diesenr Unvermögen lag seine Größe, in Diesem natürlichen Mangel, der ethisch einen Vorzug bedeutet, war sein ganzer edler geistiger Reichtum enthalten. Der Arme kann alles verschenken, Preisgeben, wegwerfen, »t>eit er im Grunde nichts zu verschenken. Preiszugeben und wegzuwerfen hat. Dem wahren Reichen im Reiche des Geistes sind seine Schätze nicht wohlfeil. Der Große reißt nicht das Kostbarste aus, was eine gütige Natur in sein Inneres gelegt, und wirft es in die Pfütze. Und das Kostbarste in Börnes Wesen war sein feuersprühender jüdischer Geist, das ethische jüdische Pathos, die von den Propheten her bekannte jüdische Begeisterung für die Freiheit und der traditionelle jüdische Eifer für die Sache der Unterdrückten. Börne hätte sich selbst aufgeben müssen, wenn er den Juden in sich hätte aufgeben wollen. Auch Ludwig Börne war das Schwert, auch er — die Flamme. Aber das Schwert war aus dem Arsenale der Makkabäer und die Flamme aus dem ewig lodernden Dornbuschfeuer. Der scharfen Dialektik zuckende Blitze, die allerhand Dunkelheiten! erhellten, der kühne Schwung der edlen Rede, die wie heilsamer Balsam in unverstockte Herzen flutete, der gottvolle Eifer eines Freiheitshelden, der der Gerechtigkeit die Wege ebnete -- wem konnte dies besser eignen als einein Ludwig'Börne, der als Lob Baruch zur Welt kam und jüdisches Leid am eigenen Körper spürte! Ja, Börne: ist innerlich Jude geblieben, weil er als Jude gelitten hatte. Freilich kommt es ganz darauf an, wie einer als Jude leidet. Wer d u r ch das Judentum leidet, der ist schon für das Judentum halb verloren. Nur wer mit dem Judentum, jd. h. mit den Juden leidet, bleibt (in jeder Gestalt) ein! Teil dieses Ganzen für alle Ewigkeit. So. litt Ludwig Börne.! Ja, so litt er. In seiner jüdischen Erzählung „Der Roman" heißt es an einer Stelle: „Ihr habt mir die Spiele meiner