Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 36 (12.11.1920)
- Date
- 1920-11-12
- Page
- Seite 415 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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■waTT,.,^ ,J , .M-'Wt— „ -- .—- ja des Landes. Sie ist in den Berliner Annalen von 1749 in ehrenvoller Weise erwähnt. 1763 erhielt sein Vorfahr als dritter Jude in der Mark die Generalprivilegien der christlichen ' Kaufleute. Die Familie hat sich stets im Dienste unserer Gemeinschaft bewährt. Der Vater Siegmund Meyers, Joel Wolfs Meyer, bekleidete bereits bas Amt des Gemeindeältesten. Siegmund Meyer wandte sich dem Anwaltsberufe zu. Schon in jungen Jahren führte ihn sein Interesse für jüdische Angelegenheiten in die Gemeindeverwaltung, 1861 trat er in dm Vorstand der Krankenverpfleg ungs an st alt ein. 1870 wurde er zum Geineindeältesten gewählt, 1876 wurde cr erster Stellvertreter des Vorsitzenden Stadtrat Magnus, 1883 dessen Nachfolger. 1401 legte , er aus Gesundheitsrücksichten sein Amt nieder. In feine Amtszeit fällt eine große Entwicklung der Gemeinde. Die Zahl der Anstalten wuchs erheblich an. Die Synagogen Kaiserstraße, Lindenstraße und L ü tz o w st r a ß e wurden neu errichtet, das W a i s en h a u s in P a n k o w, das Siechen Haus und das R e i ch e n h e i m s ch e W a i - s e n h a u s begründet, die ersten Gottesdienste an den hohen Feiertagen außerhalb der Synagogen eingerichtet. Sein Hauprschaffen galt der Schule und den Synagogen. Abraham Geigers Berufung nach Berlin war znm guten Teil Meyers Arbeit zu danken. 'Das Schulwesen der Gemeinde nahm einen bedeutenden Aufschwung. Wie so viele Söhne unserer Gemeinde, arbeitete Siegmund Meyer auch im Dienste seiner Vaterstadt. Mehr als zwanzig Jahre wirkte er als tätiges Mitglied der Stadtverordnetenversammlung in der Fraktion der Linken. Aus dieser Personalunion zur Stadtverwaltung und jüdischen Gemeinde erwuchsen zahlreiche Anregungen, die Meyers Arbeit für seine Glaubensgemeinde befruchteten. Als Siegmund Meyer 1903 im 73. Lebensjahre nach langem Leiden verschied, trauerten an seiner Bahre alle Kreise unserer Gemeinde um einen vorbildlichen Führer, einen guten Juden und aufrichtigen Menschen. Uofrf Manuel Much. du stimm 70. Gkblirtstsgk.) m 20. November 1920 begeht Dr. I. S. Bloch, der Begründer und langjährige Schriftleiter der „Oesterreichischen Wochenschrift" seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar, als Mann der Wissenschaft wie als hervorragender Publizist allgemein geschätzt und gebührend geachtet, ist ein Kind des wahren Galuthlandes. In Dukla, einem kleinen Städtchen in Galizien, im Jahre 1850 geboren, hat er schon in seiner Kindheit das Judenelend in seiner grausigsten Gestalt, Pein und Verfolgung mannigfacher Art kennengelernt. Allein gerade "4151 — V: : ' .------. .. dieser Pein und Verfolgung, der er als Mensch und Jude ausgesetzt war, verdankt er seinen jetzigen Ruhm innerhalb des gesamten Judentums. Ich übergehe hier die gewiß wertvollen und charakteristischen Einzelheiten seines Lebens; diese in vollendeter Form zu zeichnen, muß ich einem anderen, hierzu mehr Berufenen überlassen. Hier sollen nur die markantesten Züge seines Wirkens als kühner Vorkämpfer des Judentums und als tapferer Streiter mit Wort und Feder erwähnt werden. Treu dem Spruche der Weisen: „Wandere nach einem Orte der Lehre", verließ Bloch als ISjähriger Knabe feine Vaterstadt und ging nach Lemberg, wo er zu Füßen des bekannten Gaons Rabbi Josef Samuel Nathanson saß. Hier schöpfte er an dem sprudelnden Quell rabbinischer Lehre und zählte zu den vorzüglichsten Schülern des berühmten Meisters. Er ging dann nach Eisenstadt in die Studienstube des Dr. Israel Hildesheimer. Die Chassidim in Dukla konnten dem begnadeten Jungen, dem „Jllui", es nicht verzeihen, daß er zu dem deutschen Rabbiner in die Lehre ging. Hier aber eignete er sich moderne jüdische Wissenschaft an, die er später mit Erfolg im Dienste des Judentums verwertete. Nachdem Bloch — ein Meister der Halacha, besonders aber der Agada — an verschiedenen Orten Deutschlands als Rabbiner gewirkt hatte. wurde er Ende der siebziger Jahre als Rabbiner nach Floridsdorf, 1 das damals noch nicht znm Sprengel der Wiener Gemeinde gehörte, berußen. Durch seine flammenden und gedankentiefen Reden, die der Verherrlichung des Judentums gewidmet waren, lenkte er die Aufmerksamkeit weiter Kreise der Judenschast auf sich. Als Anfang der achtziger Jahre durch das Ableben des verewigten Krakauer Oberrabbiners Schreiber im Wahlbezirk Kolomea- Sniatyn - Buczacz ein Mandat in das Abgeordnetenhaus frei geworden war, wurde Bloch dieses Mandat angeboten. Welche! Schwierigkeiten die Juden dieses Wahlbezirkes zu überwinden - hatten, um das Mandat für Bloch zu erobern, dessen Gegner der polnische Hausjude Meisels war, ist einfach unbeschreiblich!. Beim Antritt seines Mandats mußte Bloch' gleich den Kampf aufnehmen. Die heutige Generation wird es kaum ermessen können, vor welch schwierige Aufgaben Bloch sich gestellt sah. Die Blutlüge feierte damals ihren Triumph. Von allen Seiten > flog ihm das Wort „Tisza-Gszlar" entgegen. Der Prozeß Tisza-Eszlar (1882) gab den Stoff zur Anklage, daß die Juden Blut für ihr Passahfest brauchten. Um diese Zeit gelangte der moderne Antisemitismus, der durch Stöcker in Deutschland, Jszoczi in Ungarn, Rohling und Deckert in Oesterreich gepflegt wurde, zur Blüte. Im österreichischen Parlament wurden Hetzreden gegen das Judentum gehalten, Märchen über Schlachtungen von christlichen Knaben zu rituellen Zwecken und ähnliche unsinnige Dinge erzählt. Es fand sich kein r. Josef S. Block