Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 36 (12.11.1920)
- Date
- 1920-11-12
- Page
- Seite 414 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Oberkounuissars Sir Herbert Samuel beschloß die Versammlung, ein Nation-alkonütee zu ernennen, das als legitime Vertretung der palästinensischen Inden gelten soll. * Eine Palästina-Anleihe. In den Vereinigten Staaten und in England wird in der nächsten Zeit eine Anleihe von 10 Millionen Dollar für Palästina aufgelegt werden. Die Anleihe >soll mit 7 Prozent verzinst und für den Bau von Eisenbahnen, Landstraßen, Telephon- und Telegraphenlinien verwendet werden. * Die Lage in Palästina. Wir erhalten aus Palästina folgende zusammenfassende Darstellung der Lage: Zurzeit werden von den Juden der ganzen Welt besondere Anstrengungen zur Durchführung der durch den türkischen Friedensvertrag politisch gesicherten Besiedelung Palästinas durch Juden unternommen. Die nunmehr erreichte Möglichkeit einer Wiederherstellung des jüdischen Volkstums im alten Stammlande und die völlig unerträglich gewordene Lage der Juden in den Ländern Lstenropas geben der Bewegung zurzeit einen besonderen Impuls. Es läßt sich nicht leugnen, daß der Praktischen Durchführung einer großen Siedelung noch mancherlei wirtschaftliche Schwierigkeiten entgegenstehen. Wie die Erschließung aller Kolonialländer oder hernntergewirtschafteten alten Kulturländer erfordert auch die Reuerschli-eßung Palästinas erhebliche Mittel. Zur Beschaffung dieser Mittel kommen zurzeit vor allem folgende drei Wege in Betracht: erstens, eine Anleihe, die das durch den Völkerbund errichtete, von England als B^andatarmacht durch seinen Lberkvmmissar Sir Herbert Samuel verwaltete palästinensische Gemeinwesen anfznnehlnen im Begriffe ist; zweitens der von den Juden der ganzen Welt auszubringende Grundfonds und endlich Jnteressennahme privaten Kapitals, namentlich für industrielle Unternehmungen, wofür im Lande vielerlei Vorbedingungen vorhanden sind. Die Einwanderung nach Palästina hat, seitdem sie am 1. Anglist freigegeben worden ist, bereits stark eingesetzt, so stark, daß sie sogar die im ersten Augenblick vorhandenen Arbeitsmöglichkeiten überschritten hat: eine bekannte Erscheinung, in der Kolonialgeschichte, die bei den nunmehr einsetzenden großen Vorbereitungen bald überwunden fein dürste. Dies! um so mehr, als die von allen Seiten gerühmte Berwaltungstätigkeit Herbert Samuels bs verstanden hat, alsbald eine Sphäre der Beruhigung und Versöhnung zwischen allen im Lande befindlichen Elementen zu schaffen, namentlich auch mit der jetzigen arabischen Bevölk>rungsmehrheit. Besonders bemerkenswert in dieser Beziehung ist der Besuch einer Deputation arabischer Scheiche bei der Zionistischen Kommission in Jerusalem, mit der Einladung zu einem Gegenbesuch im Ostjordanlande. Auch die Zurückhaltung der katholischen Bevölkerung hat ihr End? gefunden, seitdem der Patriarch von Jerusalem nach einer Rücksprache mit Samuel und einer Reise nach Rom einen Hirtenbrief erlassen hat, der sich überaus versöhnlich gegenüber der jüdischen Einwanderung ausspricht. Als sehr erfreulich muß es ferner bezeichnet werden, daß die im Lande angesiedelten Palästinadeutschen, die während des Krieges in Aegypten interniert waren, die Erlaubnis erhalten haben, nach Palästina zurückzukehren. Sie sind nunmehr sämtlich zurückgekehrt. , Auch der deutsche Handel dürfte aus der künftigen Entwicklung Palästinas großen Nutzen ziehen können. Es ist bereits gelungen, der Levantelinie in Hamburg die Erlaubnis zu verschaffen, regelmäßig in palästinensischen Häfen anzulegen. Die Levantelinie nimmt in j diesen Tagen ihre Palästinatour auf, wodurch ein direkter Güter-! verkehr zwischen Deutschland und Palästina ermöglicht ist i * i Aus New Jork wiir'd gemeldet: Der Emigrantenstrom aus j den verschiedenen europäischen Ländern nach Amerika wird > immer größer. Täglich kommen Schisse mit Einwanderern, i Manche von ihnen müssen einige Tage in Ellis Island oder! auf den angvkommenen Schiffen warten; das ist daraus zu erklären, daß es für die Einwanderungsbeamten fast unmöglich ist, alle Ankommenden sofort zu kontrollieren und die ärztliche Untersuchung und andere Formalitäten vornehmen zu lassen, denen sich jeder Einwanderer unterziehen muß, bevor er ins Land eingelassen wird. Als Illustration, wie stark der Zustrom der Einwanderer ist, dient der Bericht des New Porker Einwanderungsamts, welcher soeben veröffentlicht wurde^ Danach sind im Monat Juni 1920 etwa 70 000 Einwanderer in den Vereinigten Staaten angekommen, das ist um 100 Prozent mehr als im Juni 1919. Diese Zahl ist größer als die Zahl in jedem einzelnen Monat seit Juni 1914. Der größte Teil der Einwanderer sind Juden. Aus dem Bericht ist auch zu ersehen, daß vom 1. Juli 1919 bis 30. Juni 1920 600 000 Einwanderer in die Vereinigten Staaten gekommen sind; ihre Zahl dürfte, wie man annnimmt, bis Ende 1920 auf 1 Million steigen. Charakteristisch ist übrigens dabei, daß in dem Berichtsjahr 1919/20 400 000 Personen nach Europa ausgewandert sind. Lur Erinnerung sn Iutti?rat Siegmunb Meyer. er Name Siegmund Meyers ist mit einer bedeutungsvollen Epoche der Geschichte der Berliner Jüdischen Gemeinde eng verbunden. Das Austrittsgesetz von 1876 und die antisemitische Hochflut der achtziger Jahre schufen eine schwierige Situation für die größte Gemeinde des aufblühenden Deutschen Reiches. Die Verhältnisse der Berliner Gemeinde erforderten eine leitende Persönlichkeit, die mit Takt und Vorsicht. aber auch mit fester Entschiedenheit und ruhiger Klarheit den einmal erkannten Weg verfolgte. Justizrat Siegmund; Meyer, der von 1870 bis 1901 dem Vorstand der Jüdischen; Gemeinde angehörte, in dem er von 1883 ab den Vorsitz führte, ' war der geeignete Mann in schwerer Zeit. : Siegmund Meyer wurde am 22. November 1830 in Berlin! geboren. Seine Familie gehört zu den ältesten der Gemeinde, Iustizrat Siegmund Meyer geb. am 22. November 1830 in Berlin, ge st. 1903.