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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-11-12 · Heft 36 (12.11.1920) · p. Seite 412

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 36 (12.11.1920)
Date
1920-11-12
Page
Seite 412 (sequence 4)
Language
German
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machungskommistars bei Zuweisung von Arbei tsuröglichkeihen die demobilisierten Soldaten den Vorzug genießen. Es ist Zu befürchten, daß infolgedessen die jüdischen Flüchtlinge, die größtenteils in den Kohlengruben Arbeit .gestruden haben, ihre Posten verlieren werden. * Die Preußische Landesversammlung hat den Antrag auf Bewilligung von Staatsmitteln zur Besoldung 'der Kultusbeamten 'der Synagogengemeinden sowie zur Unterstützung der leistungsschwachen Gemeinden der Staatsregierung zur Berücksichtigung überwiesen. Das Finanzministerium und das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung sind unter Hinzuziehung der Herren Justizrat Leo L i l i e n t h a I (früheren Syndikus der Berliner Jüdischen Gemeinde) und Rabbiner Dr. E. Munk in Beratung über diesen Antrag eingetreten. Bevor eine Verabschiedung dieses Antrages erzielt werden kann, muß eingehendes statistisches Material beschafft werden, das durch die Versendung eines Fragebogens an alle jüdischen Gemeinden gewonnen werden soll. Zu den hierdurch entstehenden Kosten haben die Berliner jüdischen Gemeindebehörden einen Betrag von 1350 Mark zur Verfügung gestellt. * Die Palastina-eutschen. Berlin, 23. Oktober (W. T. B.) Die englische Regierung hat die Rückkehr sämtlicher Palästinadeutschen, die anläßlich des türkischen Waffenstillstandes nach Aegypten und von dort zum Teil nach Deutschland verschickt worden waren, gestattet. Der Oberkonnnissar von Palästina Sir Herbert S amuel soll beauftragt werden, für die Unterbringung der zurnckkehrenden Deutschen Sorge zu tragen. * Deutsch-Oesterreich. Die „Staatskorrespondenz" bringt folgende Bekanntmachung: „Eine der .Hauptursachen der Wohnungsnot in Wien besteht darin, daß zahlreiche während des Krieges zugew änderte Flüchtlingsiamilien, unter denen sich viele unerwünschte Elemente und nach der niederösterreichischen Kundmachung vorn 9. September 1919 zur Abreise verpflichtete Personen befinden, ihre Wohnungen in Wien noch i mmer beibehalten. Um der Wohnungsnot der bodenständigen Bevölkerung einigermaßen abzuhelfen, hat die Landesregierung mit Kundmachung vom 10. Juni 1920 (LGBl. Nr. 355) die Wohnungen derjenigen Personen, welche sich unberechtigterweise in einer niederösterreichischen Gemeinde aushalten, für anforderbar erklärt. Für einzelne Orte, zu denen auch Wien gehört, gilt noch überdies die Verschärfung, daß solche Wohnungen, deren Inhaber 1914 loggen Preistreiberei oder einer aus Gewinnsucht begangenen strafbaren Handlung rechtskräftig verurteilt oder bestraft worden, als augefordert zu gelten haben. Das Staatsamt für soziale Verwaltung hat nunmehr, da diese Bestimmungen bereits über drei. Monate in Kraft stehen, vom Wohnungs- und Siedlungsamt der Stadt Wien einen Bericht darüber abverlangt, welche Ergebnisse mit dieser Verschärfung des Wohnungsanforderungsrechtes erzielt wurden." Professor Dr. Adolf O st e r m a y e r sagte in seiner Antrittsrede als Rektor der Wiener Universität'. „Besonders unerfreulich ist der Massenzuzug aus dem Osten. Diese Flut bedroht die volksbewußte Heimatjugend und drängt sie zur Abwehr. Die Ueberslutung unserer Hochschulen mit Fremden aus dem Osten vergiftet aber auch die Atmosphäre dieser Bildungsstätten mit jenem Umsturzgeist, der, ohne aufzubauen, nur vernichtet." Und das alles, trotzdem die galizifchen Juden nur durch den Ausgang des Krieges von dem österreichischen Staate getrennt worden sind. * Airs Ungarn. Die Ermordung des jüdischen Weinhändlers Landau durch einen Geschästskorckurrcnten, den Vater des Führers eines der berüchtigten Militärdetachements, unb die durch Offiziere verübten vorhergegangenen furchtbaren Folterungen sind nun doch im Abgeordnetenhaus durch den Abg. Ruppert zur Sprache gebracht worden und lösten einen Schauer 'der Entrüstung aus. Ministerpräsident Teleki stellte eine strenge Strafuntersuchung in Aussicht, was jedoch anscheinend nicht nach dem Geschmack der Nationalversammlung ist, da es heißt, daß Teleki im Zusammenhang mit dieser Affäre zurücktreten soll. — An der Spitze des Nationaltheaters in Miskolcz steht der waschechte christliche Direktor Kompathy. Zu diesem Direktor begab sich eine Abordnung der Ortsgruppe des Verbandes der „Erwachenden Ungarn" unter Führung des ehemaligen Juden Julius, rekte Pinkus Ausländer, und stellte ihm das Ultimatum, sämtliche Juden All entlassen, da sich sonst die Ereignisse der Budapester Königlichen Oper wiederholen würden, wo die besten jüdischen Künstler während einer Vorstellung von der Bühne weggeprügelt wurden. Das Theater in Miskolcz spielt seit dieser Affäre vor fast leeren Häusern; kein Jude geht mehr hinein, — und die „Erwachenden Ungarn" hoben kein Kunstinteresse. — Der „Pester Lloyd" vom 27. Oktober veröffentlicht recht betrübende Berichte über die Behandlung der Siebenbürger Sachsen durch die Rumänen, die durch rüdes und rücksichtsloses Vorgehen das sächsische Volkstum mit Balkanisierung bedrohen, der sich die Sachsen, besonders die Bauernschaft, durch passiven Widerstand zu erwehren trachten. Noch elender sei die Lage der Juden, die verfolgt, verschleppt und wie Vagabunden durch Gendarmen Quälereien ansgesetzt unb abtransportiert werden. * Pogrome in Polen. Tie Truppen des Generals Balachowicz verüben in den meisten! von ihnen eingenommenen Orten Pogrome nach Art der in der j Ukraine vorgekommenen. Aus zahlreichen Ortschaften werden der- | artige schauderhafte Einzelheiten gemeldet, daß einem fast das Blut er-; starrt. Wir müssen natürlich ans die Wiedergabe der vielen Einzelheiten verzichten und greifen als Beispiel nur eine Stadt, Kamieu Kaszurski (Gouvernement Kowel), heraus, da es ähnlich auch in allen anderen Städtchen vorging. Nach den im Jüdischen Nationalrat in Warschau befindlichen Protokollen und Berichten gelangten die Truppen Balachowicz' am 14. September nach Kamien. Beim Ausbringen der verlangten Kontribution wurden die das Geld sammelnden Inden mehrfach beraubt und bestohlen. Nach Uebergabe der Kontribution erklärte der Oberst seinen Soldaten: Jetzt unterhaltet euch. Ein Offizier schlu-g der Tochter von Cliescr Eisen berg, die sich der Vergewaltigung widersetzte, beide Füße ab, schnitt ihr die Zunge ans und erschoß sie samt ihrem 55jährigen Vater und 14jährigen Bruder, worauf er das Haus ansteckte. Scheinbrod aus Warschau wurde verhaftet, von seinem Chef 'losgekauft, am nä'chsten Tage jedoch wieder verhaftet, und als sich herausstellte, daß er seinerzeit Kandidat für den Reichstag war, erschossen. Der 70jährige Simon Bahr wurde mit Petroleum begossen und angesteckt. In die Wohnungen von Benzion Kartsin und Abraham Endig trieb man vierzig jüdische Mädchen zusammen und vergewaltigte sie im Lause eines ganzen Tages. Dreißig Thorarollen wurden zerrissen vier verbrannt. Dies alles ist eine stark gekürzte Auszählung der dokumentarisch festgestellten Grausamkeiten in Kannen. Im Protokoll folgt noch eine Liste der bisher festgestellten Namen der 63 Ermordeten. — Laut Mitteilung der litauischen Legation in London sind in dem von den Truppen des Generals Zeligowski in Wilna verübten Pogrome dreißig Juden getötet und ebensoviel verwundet worden. Die Soldaten haben überdies die Bevölkerung der Stadt Wilna und deren Umgebung ausgeplündert. Die Bevölkerung wird gezwungen, die von General Zeligowski heransgegebenen Banknoten anzunehmen. J P Z. # Das Exekutivkomitee der Jüdischen Welthilfskonferenz richtete an die jüdischen Hilfsorganisationen folgenden Zirkularbrief: Tie Jüdische Welthilsskonserenz, die in Karlsbad vom 5. bis 13. August d. I. getagt hat, hat im Bewußtsein der großen Aufgaben, die dem jüdischen -Hilfswerke jetzt bevorstehen, dem von ihr gewählten Zentralrat die Verpflichtung auserlegt, nach jeder Richtung hin alle erforderlichen Schritte zu unternehmen, um die Arbeit der jüdischen Hilfsorganisationen zugunsten der Millionen von Juden, welche in Osteuropa leiden, zu vereinigen und zu

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