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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-11-12 · Heft 36 (12.11.1920) · p. Seite 411

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 36 (12.11.1920)
Date
1920-11-12
Page
Seite 411 (sequence 3)
Language
German
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411 zwar aus Mitteln, welche die Gesamtheit des deutschen Judentums aufzubringen hat. Nur so erlangen wir eine wirkliche Akademie zur Pflege des jüdischen Geistes. Wir beschränken uns nicht mehr auf Kultusformen und Wohltätigkeit, auf endlosen Abwehr kämpf und populäre Bildungsversuche, sondern wir erkennen, was wir sind und was wir wollen, nicht nur, was wir vor Jahrtausenden einmal gewollt haben, sondern auch was wir in Zukunft wollen sollen. Wir werden dann aus Gettopetrefakten der Vergangenheit wieder ein geistiges Zukunstsvolk, zu dem wir selbst uns liebevoll bekennen können, ohne dadurch den Anschein unberechtigten Hochmuts zu erwecken, und vor dem auch die anderen Achtung zu haben allmählich lernen werden. An Aufgaben aber wird es dem künftigen Judentum und der künftigen jüdischen Akademie nicht fehlen; diese liefert uns die Problem- und sorgenschwere Lage der heutigen menschlichen Gesellschaft. Wochenschau. Berlin, 8. November. er Berliner Rechtslehrer Professor Otto v. Gierte, der im Frühling, nach der aus antisemitischen Gründen bewirkten Vereitelung der Wiederwahl seiner Tochter in die Deutsche Volkspartei, zugleich mit seiner Tochter Anna v. .Gierke aus der Deutschnationalen Volkspartei ausgeschieden und zur Deutschen Volkspartei übergetreten ist, führt im „Tag" den Deutschnationalen zu Gemüte, welche Gefahren ihnen durch ihre Verbindung mit den Antisemiten drohen. Otto v. Gierke weist darauf hin, daß er aus der Deutschnationalen Volkspartei ausgeschieden ist, weil sie einem „ungebührlichen Verhalten ihrer antisemitischen Gruppe nicht mit der gebotenen Festigkeit entgegengetreten ist". Dabei erkennt er der antisemitischen Gruppe innerhalb.der Deutschnationalen Volkspartei das Recht der selbständigen Geltendmachung ihrer Sonderüberzeuc]unh zu, aber, fügt er hinzu, die Deutschnationale Volkspartei „konnte und durfte nicht zu einer antisemitischen Partei werden". Denn damit hätte sie den Gedanken einer Vereinigung aller treu am Deutschtum sesthaltenden Volksgenossen preisgegeben. Schon der Verdacht antisemitischer Tendenzen hat viele gute Deutsche abgehalten, sich der Partei anzuschließen. Otto v. Gierke erklärt weiter: ^,Wenn. der deutsche Bolksgeist an seineur germanischen Erbe durch Einflüsse des jüdischen Volksgeistes manche Einbuße erlitten hat und mühsam mit ihm um die Behauptung seines Besitzstandes ringen muß, so kann niemand in Abrede stellen, daß unter den Trägern der das Deutschtum mit Zersetzung bedrohenden jüdischen Geistesmacht getaufte Juden und deren Nachkommen eine hervorragende Rolle spielen. Hieraus hinzuweisen, kann dem Antisemitismus nicht zum Vorwurf gemacht werden. Dagegen verletzt der Antisemitismirs die Anforderungen oer Billigkeit und der Gesunderhaltung des Volkslebens, wenn er die jüdische Abstammung als solche wie einen Makel behandelt, der volle Deutschheit ausschließt oder gar nur Deutsche, die keinen Tropfen jüdischen Blutes in den Adern haben, als volle Deutsche gelten läßt." Hieran knüpft Professor v. Gierke den Vorwurf gegen die Deutschnationale Volkspartei: „Sie hat bei den letzten Reichstagswahlen dem Druck der rührigen awtisemikischen Gruppe nicht den gebotenen Widerstand geleistet. Denn sie hat den Standpunkt, daß bei Aufstellung von Kandidaten ein Mangel rein „deutschvölkischer" Abstammung als Qualifikationsmangel ins Gewicht falle, nicht grundsätzlich abgelehnt, sondern ihm bedenkliche Zugeständnisse gemach,t. Und sie hat gleichzeitig die durch Flugschriften und Versammlungsreden betriebene antisemitische Agitation, die an Oberflächlichkeit, Uebertreibungen und Gehässigkeit sich stets überbot, aber in der Hitze des Wahlkampfes Popularitätserfolge erzielte, nicht energisch genug von ihren Rockschößen geschüttelt. Man muß aber diese Entartungsprodukte, die zum Teil der Anstand wiederzugeben verbietet, zur Kenntnis genommen haben, um den Wunsch berechtigt zu finden, daß die Partei sich ausdrücklich von jedem Zusamm-enhangie mit ihnen losgesagt hatte." Gierke ist der Ansicht, daß die „Deutschnationale Volkspartei nur die Wahl hat, ob sie unter dem Einfluß ihrer deutschvölkischen Gruppe in Antisemitismus oder doch Krypto-Antisemitismus verkümmern oder ob sie mit entschlossener Energie die deutschvölkische Gruppe in die durch die Gesamtanschauungen und das Wohl der ganzen Partei gebotenen Schranken zurückweisen will." Der Parteitag der Deutschnationalen hat freilich gezeigt, wie weit, besonders in den „zwei Jahren Republik", der Antisemitismus in der Deutschnationalen Volkspartei vorgedrungen ist. * Uufc dennoch Monarchisten. . .? Die Deutschvl'lkischen, die bekanntlich im Lager der deutschnationalen Monarchisten heute die erste Geige spielen, geben jetzt als „Abreißkalender für die Deutschbewegung" einen „H a k e n k r e u z - I a h r w e i 's e r 19 2 0" heraus. Der Werbeprospekt hierfür bringt einen Auszug aus einem Artikel/ der gleich mit folgenden Sätzen beginnt: „Wir sind ja von oben bis unten verdorben, verseucht. Unser Kaiser ist ein Deutscher und doch kein Deutscher, er ist ein Engländer. Er ist ein Engländer und doch kein Engländer, er ist ein Deutscher. Infolge seiner Blutzusammensetzung! Was ihm fehlte, das war die Ursprünglichkeit des Rassenbewußtseins in seinen Entschlüssen. Darunter leidet er, darunter leiben wir. Die oft jedem Deutschblütigen unbegreiflichen Handlungen — hier habt ihr den Schlüssel. Glaubt nur, es gibt ein großes, gerechtes Walten, das jede Sünde rächt, am schlimmsten die Sünde wider das Blut. Leute wie Friedländer, Bleichröder, Ballin, Katzenstein, Rathenau usw. hat er zu seinen Busenfreunden gemacht oder sie gar in den Adelsstand erhoben. Fremdrafsige zu Edelingen des deutschen Volkes!" Selbsterkenntnis, bemerkt dazu die „Berliner Volks-Zeitung", ist ja sehr schön und kann der erste Schritt zur Besserung sein, aber bei dieser Kritik des Kaisers dann noch Monarchismus? Das ist wirklich starker Tobak! * Ungarische Politik in Deutschland. Die „Neue Zürcher Zeitung" bringt Enthüllungen über die Auslands- und Gcheimpolitik Ungarns, Angaben, denen man auch in Deutschland nicht ohne lebhaftestes Interesse wird gegenüberstehen müssen. Das genannte Blatt erklärt, daß sich Ungarns Politik hauptsächlich in folgenden Richtlinien verkörpere: 1. Unbedingte Unterstützung aller monarchischen Bestrebungen in den ehemals verbündeken Zentralmächten unter besonderer Berücksichtigung des Legitimitätsprinzips. Schon im vergangenen Winter liefen viele Fäden aus Wien., München und Berlin in Budapest zusammen, vorzügliche Orientierung herrschte zur Zeit des Kapp-Putsches, und es bestand enger Zusanlmenh.ang aller monarchistischen Restaurationsbestrebungen. Mit dem gleichen Rechte wie Moskau heute als spiritus rector der kommunistischen Bestrebungen des Erdballs in jedem einzelnen Staate über seine Organisationen verfügt und eine eifrige Propaganda betreibt, verfolgt heute Budapest als Sitz und geistiger Leiter des anderen Extrems die Wiederherstellung der Monarchie m den ehemals befreundeten Staaten. 2. Hand in Hand mit der monarchistischen Auslandspolitik geht die Idee der Verdrängung des jüdischen Einflusses im politischen und wirtschaftlichen Leben des Staates, und zwar nicht nur in der Innen-, sondern fast noch in vermehrtem Maße in der Anslandspolitik. Budapest setzt sich zum Ziel, in Wien wie in München und Berlin den Einfluß jüdischer Staatsmänner zu brechen. Die ungarische Regierung stellt also auch hier das Gegengewicht Moskaus dar. * Die Flüchtlinge in Oberschlesten. Auf Grund der Intervention S o^k o l o w s beim Chef der Ententekommission in Oberschlesien hat das Komitee der Jüdischen Delegationen die Nachricht erhalten, daß die Ausweisungen der jüdischen Flüchtlinge aus Oberschlesien, deren Zähl gegen 2000 beträgt, eingejMt worden seien. Den Flüchtlingen droht jedoch jetzt eine zweite Gefahr' — eine ökonomische —, da laut Befehl des deutschen DeMobit^-

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