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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-11-12 · Heft 36 (12.11.1920) · p. Seite 410

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 36 (12.11.1920)
Date
1920-11-12
Page
Seite 410 (sequence 2)
Language
German
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lebens bietet, haben und in Literatur und Geistesleben betätigen muß. Die bloße Tatsache der Existenz ist ein schwacher Garant der Erhaltung. Nur das Bewußtsein, daß die ethischen Aufgaben eine eigenartige Lebensrichtung erfordern, kann heute noch die Notwendigkeit eines ethischen Judentums beweisen. Sind die Juden dagegen der Ueberzeugung, daß die Verwirklichung der ethischen Aufgaben nicht geistig-seelische Eigenart voraussetze, sondern nebenher von jeder Lebensrichtung und seelischen Verfassung ins Werk gesetzt werden könne, so bedarf es der Judenheit nicht. Ethische Ziele gedeihen aber nur in der Betätigung von Menschen, deren Geistesanlage und Lebensziel eigens daraus gerichtet sind; das ist der Fundamentalsatz, auf dem das Selbstbewußtsein der Juden und ihre Erhaltung beruht. Nur von diesem Satze aus kann' die Judenheit selbst ihre Existenz für wichtig halten. Dem ethischen Juden wird die Richtigkeit dieses Satzes überall bestätigt, wenn er die große und die kleine Welt, das menschliche Zusammenleben im. Innern des 'Staates und dasjenige zwischen den Staaten, in Recht, Wirtschaft und Politik betrachtet. Ueberall ersehnt und vermißt er die Wirksamkeit einer zielbewußten, selbständigen Betätigung der ethischen Idee. Weil die Verwirklichung der sittlichen Idee Eigenart des Geistes erfordert, so findet er die Wirksamkeit einer eigenartigen sittlichen Gemeinde und damit die Ausgabe des Judentums berechtigtst. Auf dieser Grundlage wird hiermit zu einem alten Problem Stellung genommen. Wir brauchen Akademien der jüdischen Ethik, besonders eine solche in Deutschland. Was hilft uns alles Gerede über eine Mission des Judentums, wenn man — in Krieg und Frieden - nichts von ihrer Ausübung merkt, weder in jüdischen Kreisen noch außerhalb! Die Akademie der jüdischen Ethik wird uns allmählich zu ihrer Ausübung fähig machen, und zu der Mission, von der man bisher nur leicht und vermessen geredet hat, wirklich arbeiten. Sie soll alle Gebiete der jüdischen Ethik forschend und lehrend umfassen. Was gehört dazu? Nun, außer den selbstverständlichen Bestandteilen alles, was sich als dazugehörig e r w e i st. Eine Akademie der jüdischen Ethik wird selbstverständlich in der einen großen Abteilung die historischen jüdischen Disziplinen übernehmen und pflegen — die Quellenkunde des Judentums —, also die literarhistorischen Studien des Judentums und die seiner äußeren Geschichte. Als zweite große Fakultät müssen wir dann eine solche der philosophisch-praktischen Ethik haben, entsprechend der praktischen Eigenart des Judentums, das stets auf praktische Wirksamkeit der geistig ethischen Ideen, auf Verwirklichung derselben im Leben, gerichtet war. Was in diese große Fakultät hineingehört, läßt sich nickst abschließend sagen. Zweifellos die Theorie der jüdischen Ethik, also die jüdische d. h. auf die Begründung und Klärung der Sittlichkeit gerichtete — Philosophie. Es gehört aber auch jede Forschung in diese Fakultät, die sich m.t der Sittlichkeit in einen theoretischen und praktischen Zusammenhang bringt. Jeder ernsthafte und tüchtige Forscher, von dem erwiesen ist, daß seine Forschung der Erforschung oder Verwirklichung der Sittlichkeit dienen will, findet in ihr seinen Platz. Auf diese Weise gehören auch die nicht eigentlich die Ethik betreffenden Disziplinen der Philosophie zu den Studien einer wahrhaften jüdischen Akademie, also etwa die Logik und die Aesthetik, vorausgesetzt nur, daß der Forscher, der zugelafsen wird, diese Studien als im Zusammenhänge mit der Ethik stehend auffaßt st Vergleiche meine Arbeit „Wesen und Mission des Judentums" in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums", 60. Jahrgang, S. 401. und betreibt. Wie sollte man sonst zu echter Forschung gelangen, wenn man solche grundlegenden oder benachbarten Studien ausschließen wollte! Aber auch der Volkswirt und der Politiker jeder Richtung muß in ihr Gehör und Resonnanz erhalten, falls er nur wissenschaftlich gründlich ist und der Sittlichkeit zu dienen sein Ziel ist. Eine solche Akademie brauchen wir, das wird man mir hoffentlich zugeben. Sie allein kann den jüdischen Geist aufrichten und retten, die in der Behauptung einer jüdischen Mission bisher gelegene Lüge (!) aus ihr entfernen und dem Judentum Anerkennung verschaffen — was auf die Dauer keine Apologetik und keine Abwehr des Antisemitismus erreichen kann. Die Schwierigkeit liegt aber im Weg, in der Frage, w i e eine solche Akademie begründet werden kann. Ich könnte mich hier mit dem allbekannten Schlagwort begnügen: „Wo ein Ziel ist, da ist auch ein Weg." Im wesentlichen werde ich mich auch damit begnügen müssen, da bei. einer Idee, die noch so wenig Allgemeingut ist, daß sie nur in den Köpfen weniger einzelner lebt, der Weg der Verwirklichung noch nicht durchgedacht sein kann. Die ernsthaften Juden sollen sich diesen Weg überlegen, da die Notwendigkeit des Ziels wirklich nicht zweifelhaft sein kann! Wie kann es — frage ich — eigentlich eine brauchbare jüdische Volkshochschule geben, wenn es keine wirkliche Hochschule gibt? Man sieht, wie alle unsere Versuche der geistigen Ausrichtung ohne den Besitz einer ethischen Vollakademie aussichtslos sind. Nur wenige Worte über die Möglichkeit der Schöpfung! Man hat früher an die Angliederung einer jüdischen Fakultät an eine staatliche Universität gedacht. Dieser Weg scheint mir aussichtslos, da er nicht zu einer vollen Akademie führen kann/ Nur einzelne der notwendigen Disziplinen könnten in dieser Fakultät betrieben werden, da andere sehr wichtige Disziplinen bereits in anderen Fakultäten der Universität, natürlich in anderem Sinne und Geiste, vertreten sind. Selbständige staatliche Anstalten kämen ferner auch nicht in Betracht, da die Juden eine solche spezifisch jüdische Anstalt , unter ihrer eigenen Aufsicht und Leitung haben müssen, und nicht unter der Vormundschaft des Staates. Die bisherigen Rabbinerseminare, an die man weiter denken könnte, haben ihr Arbeitsgebiet allerdings in neuerer Zeit zu erweitern gesucht. Weil sie aber fast ausschließlich von Rabbinatskandidaten ausgesucht werden, können sie es dennoch nicht für notwendig und zweckmäßig halten, sich dem ganzen Umfang der ethischen Studien zu widmen. Kein Rabbinerseminar, wie es sich auch nennen möge, ist bisher eine Akademie für jüdische Ethik geworden. Die Bildung eines Vereins oder einer Gesellschaft zum Zwecke der Begründung und Leitung der Akademie käme dann noch in Betracht. Aber die Akademie ist offenbar eine öffentliche Angelegenheit des gesamten Judentums. Sie kann nicht einem privaten Verein überlassen und dadurch der Herrschaft einer einzelnen Richtung im Judentum, einer religiösen oder sonstigen Partei, ausgeliefert werden. Hier handelt es sich nicht um eine Privatsache, sondern um eine Sache, die von allgemeinem Vertrauen getragen sein muß! In dieser Hinsicht mutz die jüdische Akademie unseren staatlichen Akademien oder Universitäten entsprechen. Nach diesen Erwägungen dürfte nur übrig bleiben, daß sich die deutsche Judenheit zu einer Art von K u l t u r st a a t neu organisiert. Sie muß ein Kulturparlament wählen, welches seinerseits wieder das Kulturdirektor i u m bestellt. Letzteres hat die Aufgabe, unter ständiger Aufficht des Parlaments und dadurch der jüdischen Oeffentlichkeit die jüdische Akademie zu leiten, ihre Forscher zu berufen, ihren Wirkungs- und Arbeitskreis zu bestimmen, und

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