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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-11-12 · Heft 36 (12.11.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 36 (12.11.1920)
Date
1920-11-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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64 jabtgang. - Nt. 36 Berlin, 12. November 1936 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese,Zeitung erscheint vierzehntäglich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vor-, orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 LN. — Postscheckkonto 52<*. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag Her „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlm SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf rnosfe, Berlin. Tinholt* Akadcmie . der jüdischen Ethik. Don Rechtsanwalt y UlJUli« M 2 e in i n s,k i (Berlin). — W 0 ch e n s ch a u. — Zur Erinnerung an Iustizrat Siegmund Meyer (mit Bild). — Josef Emanuel Bloch (mit Bild). Zu seinem 70. Geburtstage. Von C h a j i in B l 0 ch (Wien). — Ludwig Börne. Von S. Meis e l s (Wien). — Feuillet 0 n: Tie Geschichte der armen Esther. sSchlusz.j Von Walter Wolfs. - Literarische M i t t e i l u n ge n. —- B ü ch er e i n l a u f. Der Gemeirrdcbote (Beilage zur „Allgemeinen- Zeitung des Judentums-).^ Berlin, Königsberg \i. Pr.^ Beuthen (Oberschlesien), Breslau, Görlitz. Köln. Frankfurt a. M., Karlsruhe. Ten Haag. — V 0 n N a h u n d Fe r n. Ukademie der Milchen Lthitr. Von R«htsanwolt M. L-cwinfki (Berlin). westeuropäische Judenheit krankt an einer zwiefachen / Not. Sie ist unbefriedigt im Innern und nichtanerkannt von außen. Fragt man nach den Gründen, so erscheint es mir zweifellos, daß diese im Mangel ausreichender selbständiger geistiger Betätigung und Leistung der Juden zu finden sind. Allerdings nehmen wir an aller Geistesarbeit unserer Volksgenossen anderer Herkunft teil. Aber dies genügt weder uns noch den anderen. Die bloße Teilnahme am Geistesleben der anderen trägt uns von den anderen den Vorwurf ein, daß unsere Arbeit überflüssig oder gar störend sei, weil nur durch völliges Aufgehen in den herrschenden Sitten und der herrschenden Religionsanschauung, die zugleich europäische Weltanschauung sei, die volle Leistungsfähigkeit zu erreichen sei. Wie sehr der Zusammenhang der deutschen Kultur mit dem Christentum, mit der christlichen Lebensart der Demut und Unterordnung immer wieder betont worden ist, brauche ich kaum zu erwähnen. Daraus zieht man den Schluß, daß die Judenheit sich geistig auflösen müsse, wenn sie als fähig zur Mitarbeit an Werken höherer Art anerkannt werden solle. Wir selb st anderseits müssen diesem Vorurteil so viel einräumen: Die Religion, durch welche sich das Judentum vor allem historisch unterscheidet, bildet ein zentrales Moment des Seelenlebens. Wäre dies nicht der Fall, so wäre die Absonderung der Juden überhaupt nicht hoch zu schätzen, sondern als störende Peinlichkeit einer Minderheit auszusassen, wie sie auch wirklich vielfach aufgefaßt wird. Da aber die religiöse Weltaufsassung alles Seelenleben stark beeinflußt, so ist allerdings durch eine wesentliche Abweichung der Religion auch eine gewisse Sonderstellung hinsichtlich höherer geistiger Arbeit bedingt, weshalb die bloße Mitarbeit gleicher Art am Geistesleben der anderen nicht unsere volle kulturelle Leistung, sondern nur einen Teil derselben bedeuten kann. Hierin steckt -die psychologische Begründung sowohl des Vorurteils, das man gegen uns hegt, wie auch unserer eigenen inneren Schwäche. Bei dieser Sachlage gibt es für die Judenheit, wenn sie sich erhalten und ihre Lebenskraft stärken will, nur Den einen Weg, sich so sehr geistig selbständig zu betätigen, daß ihre eigenartige Leistung der Menschheit Förderung bringt und sich dadurch allmählich Anerkennung verschafft. Dieser Weg braucht nach der Auffassung, von der hier ausgegangen wird, nicht notwendig zur politischen Selbständigkeit zu führen. Eine geistige Selbständigkeit aber brauchen wir, weil die bloße Mitarbeit an den Arbeiten der anderen es keineswegs gerechtfertigt -erscheinen läßt, daß wir in einem so zentralen Gebiet, wie die Religion es ist, ganz wesentlich von den anderen abweichen. Wir gehen hievvon der Auffassung aus, daß die Eigenart der Juden nicht mehr ihre anfängliche politische Natur hat; das heißt, wir nehmen an. daß sie so sehr das allgemeinmenschliche, vor allem das ethische Gebiet betrifft, daß sie eine Anschmiegung an andere hohe Kulturen gestattet, wenn nicht gar erfordert. Die Jndenheit wird demnach als rein geistiger Verband aufgefaßt, und es wird damit angenommen, daß ihre Arbeit nichts dem deutschen Staats- und Volksleben Feindliches zu enthalten braucht. Anderseits muß aber auch bei dieser Auffassung daran festgehalten -werden, daß Arbeit im eigenen Kreis und von eigener Art erforderlich ist, wenn die Absonderung der Jndenheit überhaupt noch Anerkennung, Achtung und- Befriedigung erwecken soll. Diesem Erfordernis entspricht aber das heutige Leben der Juden nicht. Im Gegenteil, die westeuropäische Judenheit hat eher politische Verbände und Veranstaltungen als solche zu rein geistigen Zwecken. Womit beschäftigt sich heute die westeuropäische Judenheit? ■ Die retrospektive Betrachtung der eigenen Geschichte kommt eigentlich wenig in Betracht, da sie nur Bedeutung hätte, wenn sie einer aktuellen geistigen Betätigung zur Grundlage dienen würde, was nicht der Fall ist. Im übrigen beschränkt sich, wenn ich jetzt von der bloßen Teilnahme am Geistesleben der anderen absehe, die Betätigung der heutigen Juden auf eine Religion, die im wesentlichen zur kultischen Uebung zusammengeschmolzen ist, auf ein dürftiges, selbständiges Geistesleben, das sich als Nebensache den politischen Bestrebungen der Zionisten anschließt und neuerdings auf vorbereitende leichtpopuläre Volkshochschularbeit. Die meisten Verbände dienen ausschließlich der Wohltätigkeit und sind durch die Nöte aller Art erforderlich geworden. Hört -die Not im Osten und Westen einmal auf, was wir doch alle herbeisehnen müsien. dann fällt auch der Anlaß zu dieser Sammlung und Betätigung der Geister fort. Es fehlt jedes innere Band der Juden, da der Kultus ein ernsthaftes Band für die Dauer nicht bildet. Wir sind eine lose verbundene Gruppe, falls nicht in Zukunft wieder politische Bande einen größeren Teil von uns zusammenhalten. Wird die Judenheit durch die ethische Idee zusammengehalten und erhalten, so ist es ein selbstverständliches Erfordernis, daß sie reges Interesse an den ethischen Problemen, welche die Menschheit in allen Teilen ihres Zusammen-

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