Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-29 · Heft 35 (29.10.1920) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 35 (29.10.1920)
Date
1920-10-29
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3229443-3229477--76008-3288554
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Polizei kräfte erschienenwaren und mit Zwang «gedroht wurde, de-; quemte sich die Menge zum Auseinandergehen. 82 Duisburg, im Oktober. Die Entwicklung der jetzt herr< schenden Wirtschaftskrise, schreibt die Jüdische Arbeitsfürsorgestelle- Duisburg in ihrem Tätigkeitsbericht für den Monat Juli, hat', deutlich den Beweis geliefert, daß die an die Einwanderung, ostjüdischer Arbeiter geknüpften Befürchtungen unbegründet gewesen sind. Aus der uns vorliegenden Statistik für den: Monat Juli heben sich nämlich deutlich zwei Tendenzen hervor: 1. hat der fluktuierende Charakter der jüdischen Arbeiterschaft es ihr leicht gemacht, sich an Stellen besserer Lage des Arbeitsmarktes, besonders ins französische Wiederaufbaugebiet, zu begeben: 2. Habens sich auch die gelernten jüdischen Arbeiter leicht entschlossen, Arbeit als ungelernte in denjenigen Industriezweigen anzunebmen, die trotz der Wirtschaftsnot selbst aus außerpolitischen Gründen nicht zu einer Einschränkung der Produktion und zu Arbeiterentlassungen schreiten können. Unsere Arbeiterfürsorgestelle hat es als ihre Ausaabe betrachtet, diesen beiden Tendenzen entgegenzukommen, weil sie nach unserer Ansicht sowohl im Interesse der deutschen Wirtschaft als auch im Interesse des jüdischen Proletariats liegen. In einer Zeit, in der wirtschaftliche Nöte und politische Schwieriakeiten uns die Tätigkeit I als Arbeitsnachweis fast unmöglich gemacht haben, haben wir es versucht. der iüdischen Arbeiterschaft den Weg der Selbsthilfe nt erleichtern. Die jüdischen Arbeiterkulturvereine, die überall entstanden und die in einem Landesverband für Meinland-Westkalen zusammengeschlosien sind, sind znnr großen Teil auf die Initiative unserer Stelle znrückmfübren. Wir staben ferner nach Kräften w»rsuck't, den jüdischen Arbeitern den Weg ins Ausland und.die Abwanderung in die Großindustrie zu erleichtern. Denn unsere ganze Tätigkeit, vor allem unsere Fürsoraetätigkeit. die leider nicht zu vermeiden ist. freut als istr großes Ziel vor sich: mitznstelfen an der Produktivierung der jüdischen Masten und der Schaffung und Fortlmiwicklnna einos groben, brauchbaren und selhsibewusrten iüdischen Proletariats. Wir festen in der von ökonomischen Notwendickeiten erzwungenen Umbildung der jüdischen Massen vom Händlernolk m einem Proletariat im westeuroväischen Sinne zugleich die Mt-e Gewähr für eine normalere ökonomische Laae und für eine Besteruna der volitischen Situation der jiddischen Masten. Einen groben Teil unserer Tätigkeit nahm die voli.tische Seite in Ansvruch. Wir konnten uns dabei auf den vernünftigen und vorurteilslosen Ostiudenerlasz des Herrn Ministers des Innern Severing vom 1. Juni 1920 stüüm. Bei der augenblicklichen Wirtschaftskrise mußten wir auf ieden Fall verhindern, vor allem im Interesse der deutschen Wirtschaft, daß sich jüdische Arbeiter wegen Arbeitslosigkeit dein Handel mwenden. Wenn uns dies schon in dieser schweren Situation restlos gelungen ist. so dürfen wir mit um so größeren Hoffnungen in die Zukunft sehen, in der eine selbstbewußte Arbeiterschaft die Kernwaffe des jüdischen Volkes darstellen wird. — Münster i. W., 22. Oktober. Eine eigenartig c A n - Weisung hat das Handelsarbeitsamt für Westfalen und Lippe an die ihm unterstellten Arbeitsnachweise gerichtet: ..Das sogenannte Jüdische Arbeitsamt in Duisburg fördert planmäßig die Einwanderung ostjüdischer Arbeitskräfte in unseren Bezirk. Seine Tätigkeit hat schon wiederholt die ans die Regelung der Arbeitsverhältnisse gerichteten Bemühungen in unheilvoller Art durchkreuzt. Es richtet sich nicht nach den Erfordernissen der deutschen Volkswirtschaft, sondern nach den Bedürfnissen der ostjüdischen Einwanderer. Wir bitten deshalb die Arbeitsnachweise drinaend, in Zukunft jegliche Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Arbeitsamt abzusthnen und bei ,Ferngesprächen aus Duisburg genau zu prüfen, ob das Gespräch von dem Städtischen Arbeitsamt oder dem Jüdischen Arbeitsamt in Duisburg ausgeht." Wir warten ab, wie sich die zuständige Behörde zu dieser eigenartigen Geschäftsanweisung stellt. — Trier, 22. Oktober. Die hiesige Shnagogengemeiude hat nach etwa zweijähriger Verwaisung in der Person des Herrn Dr. Altm a rt n, zuletzt in Salzburg, -einen neuen Oberrabbiner bekommen. Zu der Amtseinführung hatte man die Sh.na.goge aufs festlichste geschmückt. Der Vorsitzende des Vorstandes, Rentner S. Löwenst e i n, nahm die 'Einsührinng vor. Er hieß «den Oberrabbiner herzlich willkommen, erinnerte daran, daß die hiesige Israelitische Gemeinde eine der ältesten Deutschlands sei, und gab der Ueberzeugung. Ausdruck, daß Herr Dr. Mtmann seine volle Kraft seinem Amte widmen werde, wobei er ihn des Vertrauens, und- -der Mitarbeit der ganzen Gemeinde versicherte. Oberrabbiner Dr. Alt^ann sprach dann über die Pflichten und Aufgaben des Seelsorgers. . Er versprach seiner Gemeinde zu sein ein Seelsorger «der Friedfertigkeit, ein Freund und Berater, der ihr in allen Laigen zur.Seite stehe. — Der frühere Obere abbin er Dr. B a ß f r e u n d mußte infolge schwerer Erkrankung vor zwei Jahren sein Amt n lederlegen. Er siedelte nach Breslau über, wo er inzwischen verstorben ist. Schweden. Sch. Göteborg, im Oktober. Am 7. September starb nach lang-jähriger Krankheit unser allverehrter Rabbiner Dr. Carl K o ch. Mehr als zwanzig Jahre wirkte der Dahingeschiedene in unserer Gemeinde, wo er sich, großer Beliebtheit und Wertschätzung in allen, auch in nichtjüdischon Kreisen erfreute. Unter starker Beteiligung weiter Kreise — die hiesige Hochschule und Bibliothek, wo er jahrelang als Lehrer und. Beisitzer tätig war, hatten Vertreter entsandt — fand am 10. September die Beerdigung statt, bei der auf seinen ausdrücklichen Wunsch von jeder Rede und Trauerfeierlichkeit Abstand -genommen war. Sein Amtsnachfolger Rabbiner Dr. Löb verrichtete an der Bahre ein nur kurzes Gebet. Die Zeitungen, aller Richtungen brachten dem Heimgegangenen warme Nachrufe. Bei der ersten darausfolgenden Gemeindeversammlung widmete der Vorsitzende Herr W. Henriqu.es dem langjährigen Seelsorger der Gemeinde herzliche Worte des Dankes und der Anerkennung. Ehre seinem Andenken! Sentsch-Sesterreich. Z. Wien, 22. Oktober. Der unlängst erschienene erste Tätigkeitsbericht der Wiener „Zentralstelle zur Versorgung jüdischer Kinder im Auslande", die als Sektion des Vereins „Soziale Hilfsgemeinschaft Anitta Müller" arbeitet, umfaßt die Zeit vom 15. Mar. 1919 bis 15. Mai 1920 und enthält außer der Zustandsschilderung' und Ontogenese der Kinderreisen, einem Kapitel über bie Organisation der Arbeit und den Anteil der Aemter unb Behörden Beschreibungen der Hospitalisierung, der Kinder in den einzelnen Ländern, worunter am umfangreichsten die des ersten Schweizer Aufenthaltes ist. Die jüdische Aktion wurde ins Leben gerufen nicht nur aus dem Grunde, weil die jüdischen Kinder durch bk nichtjüdischen Komitees nicht die der jüdischen Not entsprechende Berücksichtigung gefunden hätten oder hätten finden können,' sondern auch, weil viele aus religiösen Gründen nicht an den anderen Allslandsaktionen hatten teilnehmen können. Die Wiener Zentralstelle wurde gegründet, als sich nach den Erhebungen des vom Jüdischen Nationalrat für Deutsche Oesterreich geschaffenen sozialen Organisotionsamtes ergab, daß die jüdischen Kinder Wiens in überwiegender Zahl der größten Gefahr leiblichen und seelischen Verkommens allsgesetzt waren, llnd sich die jüdische Bevölkerung der Schweiz bereit erklärt hatte, die ersten 500 Kinder anfzunehmen. An ihrer Spitze stehen Obervabbiner Dr. C h a j e s und Frau Anitta Müller. Zum erstenmal erfährt man genaue Zahlen über die in die einzelnen Länder entsendeten Kinder, mit Unterteilung nach Geschlechtern und-Transporten. In der Schweiz waren 1525 Kinder (Dauer des Aufenthalts durchschnittlich sechs Wochen), Holland 3602 (vier Monate), Italien 302 (sechs Wochen), Dänemark 143 (acht Wochen), Tschechoslowakei 388 (sechs Wochen), Deutschland 148 (sechs Wochen), Inland 670 (sechs Wochen). Summe 6778 Kinder. Ein weiteres Verzeichnis bringt Angaben über die aus Holland eingelangten Lebensmittel und deren Verbrauch. Die letzten zwei Seiten geben den Nechnungsabschluß der Ferienaktionen mit 1 513 328,57 Kronen. Der Eindruck, der sich ans der Lektüre des Berichts ergibt, ist kurz zusammengefaßt: Die Hilfsaktionen nlüssen fortgesetzt werden, denn Teilnahmslosigteit heb eiltet nichts anderes als die Bekräftigung von abwendbaren Todesurteilen tausender silbischer Kinder. Angarn. Z. Budapest, im Oktober. Am Vorabend des Versöhnungstages ist Hofrat Julius Winterberg, der langjährige unermüdliche Präsident der Pester Chewra Kadische, im Alter von 72 Jahren plötzlich verschieden. Winterberg, der seinen Familienursprung auf den berühmten deutschen Rabbi Eleasar Fleckeles zurückfnhren konnte, war

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.