Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 35 (29.10.1920)
- Date
- 1920-10-29
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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in Mähren geboren und wirkte in jüngeren Jahren als Mufikreferent von Prager Blättern und als Mitarbeiter der „Neuen Freien Presse" in Wien. Später kam er nach Budapest, wo er in den achtziger Jahren Bankdirektor wurde und auch zahlreiche Mühlen und Jndustrieunternehmungen gründete. Nach einer schweren Erkrankung seiner Gattin zog Winterberg sich von der kommerziellen Tätigkeit gänzlich zurück und widmete seither seine ganze Tätigkeit der Pester Chewra Kadi-scha und jüdisch charitativen Institutionen. Seit länger als zwölf Jahren stand er als Präsident an der Spitze dieser eminent jüdischen Institution. Sein bedeutendes' Vermögen hinterließ Winterberg seinem int Auslande weilenden Sohne und zur Hälfte der Pester Chewra Kadischa, dem Budapester Jüdischen Gymnasium und sonstigen jüdischen Wohltätigkeitsanstalten. Bei seinem Leichenbegängnis widmeten die Rabbiner Hevesi, Adler und Fischer, der Präsident der Religionsgemeinde Hofrat Franz Szekely, der Vizepräsident der Chewra Kadischa Julius Adler und deren Sekretär Heinrich Endrei dem Verblichenen warme Nachrufe. — Während der hohen Feiertage sind so viele größere Spenden für das jüdische Gymnasium der Pester Israelitischen Religionsgemeinde eingelausen, daß dessen Kuratorium nunmehr mit n-cucn Hoffnungen an die Vollendung dieses Werkes herantreten kann. Wohl erheischt die Unterdachbringung und Einrichtung der beiden jüdischen Gymnasien — denn es handelt sich eigentlich um zwei Gymnasien: eines für Knaben und eines für Mädchen — nahezu noch elf Millionen Kronen, doch ist Hoffnung vorhanden, daß die Opferwilligkeit der ungarischen und der ausländischen Judenschaft auch diese Sumnte in Bälde ausbringen wird. Mit dem Gymnasium soll gleiche zeitig auch ein neuer Tempel mit einem Fassungsraume für taufendfünshundert Personen errichtet werden. — Der berühmte, auch in den orthodoxen Kreisen des Auslandes allgemein bekannte greise Oberrabbiner der Budapester orthodoxen Gemeinde, Koppel Reich, beging am Vorabende des Rosch-Haschana-Festes das Jubiläum seiner dreißigjährigen Budapester Amtstätigkeit. Der nunmehr dreiundachtzig Jahre alte Meister ist schon seit sechzig Jahren erfolgreich als Rabbiner tätig und hat die Hälfte seiner segensreichen Rabbinatstätigkeit an der Spitze der Budapester orthodoxen Gemeinde verbracht, zu deren kulturellem und wirtschaftlichem Aufschwung er reichlich sein Scherflein beigetragen hat. Anläßlich seines Jubiläums erschien unter Führung des Gemeindepräses Abraham v. Freudiger eine Deputation beim Jubelgreis, um ihm eine kostbare Ehrengabe der Gemeinde zu übermitteln. Von Aah und Lern. — Seitens der Großgemeinden ist der Wunsch geäußert worden, vor dem Zusammentritt des Gemeindetages mit dem Ausschuß des D. I. G. B. über die einzelnen Fragen der Gesamtorganisation n ch einmal zu verhandeln. Da der Ausschuß den größten Wert darauf legt, alle möglichen Tifferenzpunkte vorher zu klären, und insbesondere mit den Großgemeinden zu einer restlosen Verständigung zu gelangen, hat er der Anregung Folge gegeben und beschlossen, den auf den 17. November d. I. anberaumten Gemeindetag zu vertagen. Der neue Termin des Gemeindetages, der für die zwenc Hälfte des Monats Januar in Aussicht genommen ist, wird sobald als möglich bekanntgegeben werden. — Der Vorsitzerde des Kreisausschusses in Grätz, das jetzt von den Polen „Grodzisk" genannt wird, der Landrat Ziotecki, hat in einem an Frau Rudolf Mosse gerichteten Schreiben mirgeteilt, daß zum Andenken an den nun verstorbenen Stifter 'des dortigen städtischen Krankenhauses und des Mosfe-Heims die Mofse- Straße ihren Namen .weiterführen wird. — Am 6. November begeht der Fabrikbesitzer Herr Moses Hei mann in Berlin-Pankow fernen achtzigsten Geburtstag. Der greise Jubilar, einer der ersten jüdischen Einwohner Pankows, nahm oon jeher und nimmt, trotz seines hohen Alters, noch gegenwärtig an mannigfachen zur Hebung des Judentums dienenden Bestrebungen regen Anteil. Erzählt zu den Mitbegründern der .nunmehr 35 Jahre bestehenden Pankower Religionsgerneinschaft Agudath Achim, der er eine Reihe von Jahren zuerst als zweiter und dann als erster Vorsitzender Vorstand. Seit vielen Jahren Mitglied der Armenkommisston der Berliner Jüdischen Genteinde, wirkt er in echt jüdischem Geiste und zeichnet sich besonders durch seinen Wohltätigkeitssinnans. Mögen ihm noch viele frohe Lebensjahre beschieden sein. — Aus Anlaß seines fünfundzwanzigjährigen Amtsjubiläums wurden Herrn .Lehrer Heinrich Rosent h a l in Beuchen (O.-S.), der als Lehrer an der städtischen jüdischen Volksschule und Chordirigent' in' der Großen Synagoge seit zwei Jahrzehnten erfolg- und segensreich wirkt, mannigfache . Ehrungen zuteil. . Aus Breslau meldet man uns: Herr Rabbiner Dr.. Sirnonfohn hat durch den Heimgang seines Vaters, der im 60. .Lebensjahre.stand, einen schmerzlichen Verlust erlitten. — Die. jüdisch-sozialistische Arbeiterpartei „Poale- Zion" in Breslau hat Albrechtstraße 50, 2. Etage, ein. eigenes Arbeiterheim, bestehend aus Tee- und Lesesaal sowie Küche, errichtet, dessen Eröffnung uwnittelbar bevorsteht. — Eine Gedenktafel für die im Kriege gefallenen Angehörigen der Stettiner Gemeinde ist in der dortigen Synagoge über dem Haupteingang angebracht worden. Sie weist 68 Namen auf. — Aus Dtünchen wird berichtet: Am 9. Oktober abends starb auf Schloß Planegg Frau Mathilde Freifrau v. H i r s ch im 75. Lebensjahre. Die Beerdigung fand Dienstag, den 12. Oktober, vornuttags 11 Uhr, mtf dem altekr israelitischen Friedhose (Thalkirchner Straße) in München statt. — Der Regierungsrat in der bayerischen Rechnungskammer Lichtenstädter wurde zum Oberregierungsrat ernannt. — Der praktische Arzt und Orthopäde Dr. Leo Rosenfeld in Nürnberg erhielt infolge seiner Verdienste um die Krüppelfürsorge und um die Militärlazarette vom Reichsamt des Innern den Titel „Medizinalrat". — Aus Siegburg wird geschrieben: Anr 15. Oktober beging unser Lehrer Herr Seelig die Feier seines 25jährigen Ortsjubiläums als Lehrer (an der öffentlichen jüdischen Volksschule), als Kantor und Prediger unserer Genteinde. Herr Seelig hat sich um die Entwicklung und das geistige Leben unserer Genteinde große Verdienste erworben und wird auch bei der übrigen Bürgerschaft, die ihn im vorigen Jahre zum Stadtverordneten wählte, sehr wertgeschätzt. — In Böhmen gab es im Jahre 1855' 347 Judengemeinden, während es heute rtur etwa 200 gibt.' Die meisten Gemeinden fristeten schon damals ein kümmerliches Dasein', denn nur 9 Gemeinden zählten über 100 und nur 22 Gemeinden über 50 Familien. — Bei der in Wien kürzlich stattgefundenen Konstituierung des Kuratoriums des nengegründeten Jüdischen Lehrerseminars wurde Herr Oberrabbiner Professor Dr. H. P. CHajes zunt Präsidenten, Herr Hofrat Dr. S. Frankfurter zum Vizepräsidenten gewählt. Die Eröffnung des Seminars erfolgte am Sonntag, den 10. d. M., vormittags, durch eine Festansprache des Oberrabbiners. — Der 1916 verstorbene österreichische Generalkonsul P r o m l e r in Konstantin opel, ein Christ, hatte ans Sympathie für die Juden sein X Million Kronen betragendes Vermögen der Wiener Jsraelitschen Kultusgemeinde für ein israelitisches Waisenhaus vermacht und seine Adoptivtochter, die er als Kind aus einem Brande gerettet hatte, mit einer Rente von 2400 Kronen bedacht. Die Adoptivtochter klagt daher gegen die Israelitische Kultusgemeinde, und das Urteil dürfte dieser Tage zur Entscheidung kommen. — Ans -den AuBweisungsbefehl für die in Budapest befindlichen galizischen Juden hin haben 15 000 Ostjuden von der Regierung die Ausstellung von Pässen nach Palästina verlangt. — Aus London wird geschrieben: Am 6. Oktober fand unter Vorsitz von Lionel Rothschild das Abschiedsbankett für den Chiefrabbi Dr. Hertz statt, der sich auf eine Reise, die länger als ein Jahr dauern soll, nach den verschiedenen englischen' Kolonien begibt, um einen engeren Kontakt' zwischen der dortigen und der englischen Jndenheit herzustellen. Reden wurden unter anderem gehalten vom Kolontalminister Lord Milner, Lord Reading, Dr. Gaster und Professor Weizmann. — Ferner wird aus London gemeldet: Eine Frau Gold mann, Mutter von fünf kleinen Kindern, erhielt aus der Ukraine einen Brief, der ihr mitteilte, daß ihre gesamte dortige Familie aus gräßliche Weise hingemordet wurde. Tie Nachricht erschütterte die Frau so, daß sie irrsinnig wurde und sich erhängte. — Der Jüdische Nationalfonds hat in Verfolg feiner Absicht, die Wioderauf-forstung Palästinas durchzuführen, im vorigen Winter allein 600 000 neue Bäume angepflanzt. — Für den bei den Ostaraberunruhen in Palästina entstandenen Schaden wurden den Juden 20 000 Pfund Sterling zugesprochen, die jetzt zur Verteilung gelangen. — Das American Joint Distribution Committee hat beschlossen, eine neue Körperschaft nach Europa zu entsenden, die die Hilfe für die jüdischen Kriegs- und Pogromleidenden organisieren soll. Diese Körperschaft wird aus 20 Mitgliedern, unter Vorsitz Captain W h a s i n g e r s bestehen und am 9. Oktober New Dort verlassen. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von. Rudolf Moffe.