Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 35 (29.10.1920)
- Date
- 1920-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229477--76006-3288552- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Berlin, 29. Oktober 1920 84. Jahrgang. Nr. 35 DrUssr zur „AUgemetnen Lrltuns de- Judentum- (€ Sorrrspondrn?rn und Mach richten. Drutschland. iLJSt Bevkin, 26. Oktober. Von den einzelnen Zweigen der jüdischen Wohlfahrtspflege hat besonders die Kinderfürsorge in den letzten Monaten die jüdische Dessen tlichkeit in besonders starkem Maße beschäftigt. Eine Fülle von Beobachtungen hat gezeigt, daß für das jüdische Kind, insbesondere das erholungsbedürftige Kind, nicht genügend Vorsorge getroffen wird. Unter Mitwirkung der Zentralwohlfahrtsstelle der Deutschen Juden hat sich in Berlin ein Arbeitsausschuß „Jüdische Hilfe für das jüdische Kind" gebildet, welcher es sich zur Aufgabe macht, in Zukunft den ganzen Komplex der Fragen, welche in das Gebiet der jüdischen Kinderhilse gehören, zürn Gegenstand sorgfältiger Unterstützung zu machen, um ein großes Hilfswerk zu organisieren. Die Zentralwohlfahrtsftelle, die vom Anbeginn ihrer Tätigkeit an dem hilfsbedürftigen jüdischen Kinde ein reges Interesse entgegengebracht hat, betrachtete es als ihre wesentliche Aufgabe, zuverlässige Unterlagen für die geplanten Hilfsmaßnahmen zu beschaffen, und hat zunächst durch eine Umfrage in allen größeren Gemeinden in Deutschland festzustellen gesucht, was für die erholungsbedürftigen jüdischen Kinder in diesem Jahre geschieht. Das Ergebnis der Umfrage war leider sehr ungünstig. Es hat sich herausgestellt, daß in vielen Gemeinden, namentlich Großgemeinden, es an Mitteln sowohl wie an Unterbringungsmöglichkeiten für zahlreiche der Erholung dringend bedürftige Kinder fehlt. Diesem Ueberstande abzuhelfen ist die „Jüdische Hilfe für das jüdische Kind" nach Kräften bemüht. Es ist dem Arbeitsausschuß bereits gelungen, eine größere Anzahl von Pflegestellen auf dem Lande zu schaffen, um eine Kolonie von Kindern in einem Berlin benachbarten Orte unterzubringen. Gegenwärtig ist man im Begriff, eine intensive Propaganda zur Beschaffung größerer Mittel ins Werk zu setzen, um dort, wo aus Mangel an Mitteln das erholungsbedürftige Kind der Pflege entbehrt, helfend eintreten zu können. Die Versendung der Kinder ins Ausland hat in diesem Jahre keinen großen Umfang angenommen, da eine Aufnahme in Holland wie im vergangenen Jahre nicht möglich war, in Dänemark nur ein Transport von 80 Kindern, untergebracht Zverden konnte und in der Schweiz 80 erholungsbedürftige Kinder und 25 tuberkulöse Kinder Aufnahme fanden. ' Von Holland aus wurde das K-iudererholungsheim in Segeberg in reichem Maße mit Nahrungsmitteln versorgt, da dieses Heim nicht nur für Hamburger Kinder, sondern auch für erholungsbedürftige Kinder aus anderen Orten und Gemeinden, wenn auch in beschränktem Maße, zur Verfügung -gestellt wurde. Der Schweizerischen Hilfsaktion für notleiidende jüdische Ausvandskinder in Zürich ist von der Schweizerische Deutschen Hilfskommission anfangs ein Betrag von 25 000 Francs für ein KindererholunMeim in Meggen am Vierwaldstätter See zur Verfügung gestellt worden. Es handelt sich hier um einen Teil einer großen Summe, welche vom Joint Distribution Committee für erholungsbedürftige Kinder in der Schweiz gewährt worden war. Ein Teil! des Geldes ist daun direkt für jüdische Kinder bestimmt worden. Die Zentralwohlfahrtsstelle hat sich mit der auf diesem Gebiete maßgebenden Persönlichkeit in Verbindung gesetzt und daraus hingewiesen, daß angesichts des großen Notstandes, welcher aus dem Gebiete der Erholungsfürsorge in Deutschland besteht, eine starke Förderung dringend angebracht sei. Auf diese Intervention dürfte wohl zurückzuführen sein, daß der Betrag auf 60 000 Francs erhöht worden ist. Dadurch ist es ermöglicht worden, wenigstens 80 erholungsbedürftige Kinder aus Deutschland nach der Schweiz zu entsenden. l Merlin, 26. Oktober. Der verdienstvolle Vprsitzenve des D. I. G. B., Professor Dr. Salomo Kali scher, ist am 8. d. M. 75 Jahre alt geworden. Professor Tr. Kali sch er entstammt einer alten jüdischen Gelehrtenfamilie, der er als Manu der Wissenschaft zum Ruhme gereicht. Hand m Hand mit seiner wissenschaftlichen, literarischen Tätigkeit geht auch sein Interesse für die Allgemeinheit, wie nicht zuletzt für die Bestrebungen, die die Kräftigung des Judentums und seiner humanitären Einrichtungen bezwecken. Er gehört der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde seit fast 25 Jahren an, zuerst als Mitglied des Talmud-Thorn- Vorstandes, von 1905 bis 1920 auch als Repräsentant. In dieser | 3^it hat Professor Dr. Kali sch er in zahlreichen wichtigen Verlvaltungsausfchüssen anregend und .fördernd gewirkt. Als Hauptaufgabe betrachtet der greife Jubilar sein Amt als Vorsitzender des Deutsch-Israelitischen Gemeinddbunides, dessen Leitung er 1912 als Nachfolger Philippsons übernahm. Er hat sich um den D. I. G. B. große Verdienste erworben, besonders durch seine tatkräftige und umsichtige Führung der Geschäfte in der Kriegszeit. Ter D. I. G. B. ebrte seinen Vorsitzenden an seinem Geburtstag durch W-ordnung einer Deputation. Auch die anderen Körperschaften, denen der fugend frische Jubilar -angehört, widmeten ihrem verdienten Mitglied zahlreiche Ehrungen an diesem Tage. Berlin, 26. Oktober. Das Schöffengericht Berlin - Mitte hatte kürzlich Verhandlungste rmi n in einer PrivaWage an gefetzt, die der Schriftsteller Dr. Arthur D i n t e r gegen den Schriftleiter der „Wochenausgabe des Berliner Tageblatts", Dr. Leonhard Birnbaum, angestrengt hatte. Am 9. November 1919 erschien in der Wochenausgabe ein mit Julius Barasch Unterzeichneter Artikel: ..Antisemitismus als Ge'chäf-tsobjekt". Er beschäftigte sich mit dem in einem Leipziger Verlag erschienenen Buch: .,Di-e Sünde wider das Blut" von Dr. Dinter. Das Buch wurde als Pamchhlet bezeichnet: es wurde gesagt, daß der Verfasser einen versteckten Kamps mit vergifteten Pfeilen führe; er werfe mit vollen Händen mit Schmutz, arbeite mit Verfälschungen nsw. Der Artikel ging, dann auf den Inhalt des Buches näher ein und suchte unter Bezugnahme auf liebersetzungen bekannter jüdischer und christlicher Gelehrter und Kapazitäten auf dem Gebiet der Religi-onssgeschichte nachzuweisen, daß Dinter in seinem Roman Fälschungen des Kol-nidre-Gebets undbestimmter Stellen aus dem Schulchan Aruch begangen habe. Dinter behaupte wahrheitswidrig, daß nach jenen Satzungen der Ehebruch mit dein Weib eines „Akum" erlaubt sei: er behaupte, daß Akum „Nichtchrist" bedeute, während dieses Wort .tatsächlich eine Zusammenstellung aus vier hebräischen Wörtern darstelle, die die Tierkreisbilder bedeuten. Ferner behaupte der Roman wahrheitswildrig, daß es dem Juden nach seiner Religionsvorischrift erlaubt sei, einen Meineid zu leisten, während nach der Ansicht aller Religionsfor scher die betreffende Stelle im Talmud lediglich! von Versprechungen und Gelübden, die man sich selbst gebe, spreche usw. Das Gericht kam aus Antrag der Rechtsanwälte Dr. Fritz Cohn und Dr. Klee zu einer Vertagung, da der Vorsitzende und die beiden Schöffen erst Kenntnis von dem Roman selbst erhalten sollen, und ferner der bekannte Religionsforsche rGeheimrät Professor Dr. Strack zu der nächsten Verhandlung als Sachverständiger geladen werden soll. E. M. Berlin. 26. Oktober. Im 72. Lebensjahre verstarb arn 21. b. M. der Stadtverordnete Baumeister S a m u e I Weile, der seit einem Jahrzehnt der Repräsentantenverfammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin angehörte. Herr Weile, der der liberalen Richtung angehörte, stand mehr als 25 Jahre im Ehrendienste der Gemeinde. Er betätigte sich in der Steuerveranlagung, in der Fürsorgekommission und der Kommission zur Subventionierung von Religionsvokeinen. Sein fachmännischer Rat wurde besonders in der Bauverwaltung der Gemeinde hoch geschätzt, der er mehrere Jahre als Mitglied angehörte. Weile gehörte auch lange Jahre dem Hauptvorstande des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens an, der ihn vor einigen Jahren zum Ehrenmitglied ernannte. Eine große Anzahl von Wohltütigkeitsvereinen zählte Herrn Weile zu ihren eifrigsten Mitarbeitern. Sg. Thorrr, 22. Oktober. Am Sch'mini-Azereth hielt unser Rabbiner Herr Dr. Rosenberg seine Abschiedspredigt. Auch er ist durch die Verhältnisse leider gezwungen, die Gemeinde, mit der er «durch langjährige Wirksamkeit aufs innigste verwachsen war. zu verlassen. Eimern ehrenvollen Ruse der Berliner Gemeinde folgend, wird er. seine segensreiche Tätigkeit auf 'dem Gebiete des Lehrens von nun an nach -dort verlegen. Schon aus allen Predigten an den hohen Feiertagen, sprach weher Trennungsschmerz. Der Führer und Leiter scheidet, alles zuvücklassend, was ihm lieb und wert gewesen. Gerührt folgte die Gemeinde «den letzten Worten und Ermahnungen ihres wahren, treuen Seelenhirten, der 28 Jahre lang . in Freud und Leid innigen Anteil nahm an dem Geschick jedes