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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-29 · Heft 35 (29.10.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 35 (29.10.1920)
Date
1920-10-29
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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und hochroten oder ganz blaffen Wangen. Auch Esther war zwischen ihnen. Wenn die „Musik", eine Geige, schwieg, hielt der Hochzeitsbitter, der Marschallek, eine Ansprache, und die Tränen flössen reichlicher. Während alledem stand die Tür keinen Augenblick still. Bekannte kamen und gingen. Die Brautmutter, ein verhutzeltes Frauchen in steifseidenem, rauschendem Kleide, erwies ihnen die nötigen Ehren. Eine andere Frau erhob von jedem Eintretenden eine Keine Steuer zugunsten armer Kinder, und jeder gab gern eine Münze. Jetzt entzündeten die Brautjungfern bereitgehaltene Kerzen, nahmen sie zwischen die Finger und hoben sie über den Kops der Braut. Wie unter einer leuchtenden Laube saß die nun da, dumm strahlend vor Ehre, Glück und Rührung. Dann kam Bewegung in die Gruppe: Der Bräutigam! Und er kam, von zwei Alten geführt, die blinzelnden Augen halb geschlossen vor dem ungewohnten Lichtmeer. Mit zitternden Händen warf er ein weißseidenes Tuch über das Haupt seiner Braut, und ein Regen von Konfetti sank auf ihn nieder. Esther hatte ihre Augen während der ganzen Feier nicht von der Braut gelassen. Ernst jetzt, als der Konsettiregen niederging, drehte sie sich zum Bräutigam hin. Dabei überflog ihr Blick die zahlreichen geladenen und ungeladenen Gäste, zwischen die sich auch nicht wenige Soldaten gedrängt hatten. Und da sah sie „ihn" wieder. Er hielt sich im Hintergrund, als fürchte er, zu stören, und verfolgte mit Aufmerksamkeit die heilige Handlung. Die anderen Soldaten — es waren die Esther so verhaßten „Schnürröcke" — trieben allerhand Narrenspossen. Niemand schien Anstoß daran zu nehmen. Denn daß ihr Gottesdienst anderen zum Spott diente, daran 'waren die Juden noch von der Ruffenzeit her gewöhnt. Und Russe oder Deutsch-er — Goj bleibt Goj! Aber daß einer sich zurückhielt, so ernst, andächtig fast im Hintergründe stehen blieb, damit mau nur ja an seiner Gegenwart nicht Anstoß nähme — das wollte Esther nicht in den Sinn. Sie blickte ihm prüfend -inS Gesicht: War er vielleicht ein Barjisroel, einer ihres Glaubens? Aber den Gedanken ließ sie gleich wieder fallen — nein, das sah sie ihm an, daß er ein echter Goj war. Sie wußte keine Lösung dieses Rätsels. Als das Brautpaar hinausgeführt wurde auf den Hof, um nach uralter Sitte im Freien, unter der Ehuppe, dem Baldachin, zusammengesprochen zu werden, blieben die leichtgekleideten Mädchen im Zimmer, um sich nicht zu erkälten. Und da geschah es, daß Esther Plötzlich eine ruhige Stimme hinter sich hörte: „Sie kenne ich doch? ..." Sie wandte sich um und wußte doch vorher schon: er war's. Leise und ruhig antwortete das Mädchen: „Sie sind ein paarmal an unserem Laden in,-dev-Langen Straße vorbeigekommen . . . Mer sprechen Sie jetzt nicht mit mir. Die Brauteltern sind fromme Leute und würden nicht dulden, daß ich mit . . sie stockte, als suche sie nach einem Wort, das ihn nicht beleidige, „. . . mit Andersgläubigen spräche." Er nickte nur. „Auf Wiedersehen also ein andermal." — Und ging. Esther aber dachte die ganze Nacht an ihn. t * Ein paar Tage danach, als der Vater auf dem Markte war, sah Esther ihn wieder die Gasse herunterschreiten. Diesmal aber trat er ein. Sie war von einer ihr selbst unerklärlichen, ungewohnten Befangenheit. Er kaufte eine Kleinigkeit und erkundigte sich zwischendurch, wie es ihr auf der Hochzeit gefallen 'habe. Nur ein paar Worte. Aber unter dem ruhigen Klange seiner Stimme wich ihre Befangenheit. Bon nun an kam er öfter. Kaufte dies und jenes. Und immer fand sich zwischendurch Gelegenheit, ein Paar Worte zu wechseln. So wurden sie rasch miteinander vertraut. Escher vergaß überm Sprechen jedesmal, daß er -eine fvenrde Uniform trug und anderen Glaubens war als sie. Allmählich wurde das Kaufen nur noch zum Vorwände, blieb endlich ganz weg, und dies Plauderstündchen wurde für sie zu einer lieben Gewohnheit. Und auch ihm gefiel es, das merkt« sie wohl. Alle Tage kam er schließlich, ganz regelmäßig, gegen zehn Uhr morgens, wenn der Vater auf dem Markte war; auch des Nachmittags zuweilen. Aber wenn dann der Vater sich ins Gespräch mischte und von nichts sprach als von Krieg und schlechten Zeiten, dann ging „Herr Paul" bald wieder fort. „Herr Paul" — so nannte sie ihn nach Landessitte. Mit dem Vornamen, aber auch mit Herr -und Sie, wie es ihm als Höherstehendem zukam. Er sagte auch Escher, aber du — und auch das gehörte sich so. Viele Wochen -dauerte so ihr Verkehr. Dann, -eines Tages wartete sie vergebens. Nun merkte sie erst, wie sehr sie an den Plauderstündchen — fast hätte sie sich's eingestanden: an chm, aber daswagte sie vor sich selber nicht — hing. Auch am anderen Tage kam er nicht. Und auch nicht am dritten und nicht am vierten Tage. Danach hörte sie auf, die Tage zu Zählen. (Schluß folgt.) Literarilchk Mitteilungen. 2m Samuel Krauß: Die Wiener Geserah vom Jahre 1421. Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller. ">920. 264 S. Die Schrift bringt weit mehr, als sie dem Titel nach verspricht. Sie gibt sich selbst als ein Denkmal der Erinnerung an die Märtyrer, die vor 500 Jahren, im Jahre 1421, in Wien ob ihres Judentums teils hingerichtet, teils vertrieben wurden. Aber sie ist mehr als nur die Schilderung eines einzelnen Vorkommnisses, das seinesgleichen leider oft und an vielen Orten hatte. Sie ist zugleich ein Ausschnitt aus der Geschichte der deutschen Juden des Mittelalters, gibt ein treffendes und erschütterndes Bild von den Vorurteilen, Verlogenheiten und Grausamkeiten, von denen die Behandlung der Juden regiert wurde, und zugleich ein rührendes Gemälde von ihrer inneren Kraft, ihrer Glaubensstärke und der Beseeltheit ihres Lebens. Sie ist zugleich Sittenschilderung und Darstellung des Zusammenhanges der einzelnen Rechtsentscheidungen der Dezisoren mit dem jeweiligen Gang der Geschichte. So ist sie ein wertvoller. Beitrag zur mittelalterlichen Geschichte der Juden, für den wir dem Verfasser, der sein Thema beherrscht und mit der gründlichsten Sach- und Quellenkunde bearbeitet hat, dankbar sein dürfen. Dienemann (Offenbach). * — BaruchKrupnik: Die jüdischen Parteien, ein Ueberblick zur Orientierung. Jüdischer Verlag, Berlin, 1919. Durch das so vielgestaltige Getriebe der jüdischen Parteien des Galuth und Palästinas geleitet geschickt und anregend der Verfasser des vorliegenden Büchleins. Ob er allen Parteien in gleicher Weise gerecht wird, möchte ich noch dahingestellt lassen. Vielleicht ist dies auch eine unmögliche Forderung, da eben niemand aus seinem Standpunkt heraus kann. Diesem weit verzweigten Parteigetriebe der Gegenwart gegenüber oder., das übrigens schon durch sein bloßes Dasein von der Vitalität des jüdischen Volkes kündet, möchte ich doch der Zukunft gegenüber die Hoffnung nicht aufgeben, daß einmal die nun in den verschiedenen Lagern sich befehdenden Juden den Weg, zueinander finden möchten und wir eine in sich geschlossene Gemeinschaft bilden wie in der Vergangenheit. W. C.

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