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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-29 · Heft 35 (29.10.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 35 (29.10.1920)
Date
1920-10-29
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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auch Schriftsteller Don Geist an ihm vorübevgehen, zumal' wenn sie „Eigenes" zu sagen hätten, wenn sie durch aufschlußreiche Einfälle, durch Gedankenblitze und Intuition die Situation schlaglichtartig erleuchten könnten. Ist erst einmal der Zwiespalt zwischen der armen arischen Seele und dem infernalischen Geist des Judentums bloßgelegt bis in seine innersten Falten, ist erst einmal der Nachweis geführt, daß Semit e n und Arier zueinander sich verhalten wie Versklavte des Geistes, des Goldes, d e r H e r r s ch a s t ... was weih ich — und wahrhaft Edel- und Freigeborene, nun/dann kann die Welt noch ein- ' mal genesen, gesunden am Arier tum. dann kann sie den morbus judaicus überwinden, dann kann sie, die unter dem Einfluß des sekundären i. e. jüdischen Geistes steht, sich zurückfinden und zurückwinden zu den allein möglichen Formen des primären i. e. arischen Geistes. Unter diesem Druck leidet Arthur Trebitsch, der die Früchte und Eingebungen seiner Muse in einem ersten Juden buche darreicht. Trebitsch ist nicht der erste und einzige sui generis, doch er hat den Vorzug, daß er längst Gesagtes und Bekanntes in das beliebte Gewand der Wissenschaft hüllt, er mutet dem Leser eine starke Dosis Langeweile zu, wenn dieser nicht vorzieht, aus den Stacheldrahtverhau einer dünkelhaften Erkenntniskritik zu verzichten. Um die Lieblingsthesen des von Trebitsch bis an die Sterne erhobenen H. St. Cha Inderin in (S. 195/96) zu genießen, brauchen wir nach dem geistvollen Dilettanten nicht den hochtrabenden Philosophen Arthur Trebitsch, der die alte Speise mit frischer Paprika würzt. Wir wissen es nun wirklich schon, denn bis zum Ueberdruß ist es gesagt, geschrieben, bewiesen worden, daß man unsere Teilnahme an einer ernsthaften Kultur bestreitet, bestreitet als einen grandiosen Irrtum. Nun sind wir abgetan, mitsamt den wirklichen Genien, die die Welt gefördert haben. Wir wissen es mit Würde zu tragen, wenn der Dichtergriffel Arthur Trebitschs uns das ins Stammbuch schreibt und nach berühmtem Muster uns für jeden dunklen Punkt in der Geschichte der anderen verantwortlich macht. Wir sind so stumpf und dumpf geworden gegen diese Pfeile, daß sie unsere Leidenschaften nicht mehr erregen werden. Was soll man dazu sagen, wenn Männer von Rang und Geist die Modekrankheit des soi-disant arischen Geistes mitmachen, wenn sie Stellung und Einfluß benutzen, den Haß zu schüren, statt die Menschen zu befrieden und zu besänftigen. Trebitsch hat sein literarisches Priesteramt gründlich mißverstanden (S. 216), und ich will lieber über die Formen seiner Kampfesaxt diesmal den priesterlichl-prophetischen Mantel der jüdischen Nächstenliebe breiten (vgl. S. 23). Die Welt wird, da sie Wichtigeres zu tun hat, als bei seinen Deklamationen mit ihrem wissenschaftlichen Ballast sich aufzuhalten, achtlos darüber hinweggehen. Oder ist es Mission des Ariertnms, das Judentum auszulösch en? So kann nur einer schreiben, der mit dem Judentum nichts, aber auch nichts zu tun hat, denkt der Leser, der dem getreuen Ekkehard, bis zum dritten Teil ob soviel Tvufelswerk wissenschaftlichen Denkens gefolgt ist. Da kommt mit der Lösung des dritten Aktes, auch die Enthüllung: Arthur Trebitsch ist von seinen lieben Zeitgenossen nie verstanden worden. Was der Dichter-Denker zwei Jahrzehnte in seinem Busen verschloß, ist zum anklagenden Buch des Judenhasses geworden, das alle längst verdorrten Ladenhüter ausgräbt. Wer Arthur Trebitsch ist wie alle großen Männer ein Mensch mit seinen Widersprüchen. „Denn", heißt es S. 174, „ich bin kein Jude, war nie ei n er und werde nie einer sein. Und ein gestehen will ich gern, daß mein Urgroßvater ein Rassenangehöriger der ans Grund sekundär-beweglicher An- - '. läge versklavten Rasse der Rasselosigkeit gewesen war. Ich selbst aber, ein Frei-, Wohl- und Edelgeborener, habe mit drei Generationen festwurzelnden Lebens im wohlerworbenen, heimatlichen Boden nichts mehr zu schaffen mit jener Rasselosigkeit, bin ein echter und rechter Deutsch-Oesterreicher wie irgendeiner und konnte mithin nie und nirgends — wo niemand vor diesem Buche das wahre Wesen des Judentums auch nur irgend verstanden hatte — Rede und Antwort stehen in unverstandener Sache." Hinc illae lacrirnac. Ich denke, diese Probe genügt für den anmaßenden Geist, den Arthur Trebitsch, Genosse unserer Zeit, „Geist und Judentum" zu nennen wagt. In seiner Schlußbetrachtung (S. 234 bis 240) saßt Trebitsch den Kernpunkt seiner Gedanken zusammen, die in der Ankündigung eines weiteren Judenbuches gipfeln: „Deutscher Geist — oder Judentum." Wir sehen ihm mit geruhiger Gelassenheit entgegen. Ihm ist es gegeben zu reden, ihm und keinem sonst. Er steht im Geiste voraus, wie er der wenigst besprochene und meistgelesene Autor dieser Epoche sein wird (S. 216). Wir Juden, welchen Sinnes wir auch gegen die Dinge der Welt sein mögen, waren immer der Meinung, daß nur jene Treue kein leerer Wahn ist, die sich n i ch t versagt. Nur dem getreuen A u t o r folgen wir in Anerkennung seiner Autorität. Wer aber gegen die ethische Grundforderung der Treue, gegen die eigene geschichtliche Vergangenheit nach persönlichem, langatmigem Bekenntnis verstößt, der erwarte nicht, daß die Welt seinen verstiegenen Gedanken aufhorchend folgt. Sein inbrünstiges „Plaudite amici" wird nngehört verhallen. Von Rechts wegen. m Me Gelchichte der armen Llthrr. (2. Forts.) Von Walter Wolfs. (Nachdruck verboten. a fühlte Esther zum ersten Male wie ein Stechen in ihrem Herzen. Sie wußte es sich selbst nicht zu deuten. Mit bösen Augen blickte sie ihm nach. Dann aber zuckte sie schnippisch mit den Achseln, und mit einem kurzen: „Pah, der Goj!" trat sie in den Laden zurück. Doch es klang nicht ganz so verächtlich, wie sie gewollt hätte... In der Mühle feierten sie Hochzeit. Es waren fromme Leute, Chassidim, die ihre Tochter Chane verheirateten. Chane war 17 Jahre alt, groß und stark, von üppigen Formen, mit schwarzen, glänzenden, schweren Flechten über einem fast schön geformten, nur zu lebhaft roten Gesicht. Ihr Bräutigam, der den ganzen Tag über den heiligen Büchern saß und dem ein blonder' Flaumbart, den nie das Schermesser berührt hatte, sich um Wangen. Kinn und Lippen lockte, zählte 22 Jahre. Seine Augen blinzelten, vom vielen Lesen und Studieren angegriffen, blöde im Sonnenlicht, wenn er über die Gasse ging. Den ganzen Nachmittag über feierten sie schon, mit vieler gemessener Würde, wie es sich für Chassidim gehörte. Die Braut saß aus einem niedrigen Schemel, einen weißen Schleier über das sorgsam gescheitelte Haar gebreitet, ihre üppigen Formen eingezwüngt in ein Korsett, das sich unter der grünseidenen Bluse, die sie trug, deutlich abzeichnete. Ihr Busen hob und senkte sich lebhaft. Sie weinte viel, wie es der Feierlichkeit des Tages angemessen war, und lächelte zwischendurch. Rings um sie herum, aus Stühlen und hochgestellten Bänken, sgßen und standen die Brautjungfern, fast alle in weißen Kleidern, fieberhaft -aufgeregt, mit blanken Augen

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