Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 35 (29.10.1920)
- Date
- 1920-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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rationell zu sorgen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich ohne Belastung sür Deutschland bei uns auszuhalten, bis -eine Weiter- Wanderung möglich ist, bleibt eine Pflicht der Menschlichkeit, und diese Aufgabe zu lösen liegt zugleich im eigensten Interesse der deutschen Inden und im Interesse Deutschlands. Die Herren Stadtrar 'G i m k i e w i c z und Professor S o b e r n - heim sprachen hieraus der Leitung des Hilssvereins für die gvoßen Dienste, die durch ihn der Indenheit erwiesen werden, Anerkennung und Dank ans. Darauf erstattete der Vorsitzende an Stelle des von Berlin abwesenden Schatzmeisters den Finanz b e r i ch t. Ter Verwaltung wurde ohne Diskussion einstimmig Entlastung erteilt. Als Revisor wurde Herr Georg T i e h wiedergewählt und Herr I o a ch i m s o h n, Direktor der Deutscheu Bank, neu gewählt. Die Versammlung beauftragte den Borstand, den: schwer erkrankten stellvertretenden Vorsitzenden, Herrn Instizrat Cassel, die besten Wünsche für seine baldige völlige Genesung auszusprechen. Mit einnn lebhaften Appell an die Anwesenden, dem Hitssverein durch finanzielle Förderung die Möglichkeit zu geben, seine verantwortungsvollen, mit der gesteigerten Rot der Indenheit wachsenden Ausgaben durchzuführen, schloß der Vorsitzende die Generalversammlung. Lin Mahnwort an untere Frauen und Mütter. ie Festzeit hat ihr Ende erreicht, mehr denn je tritt der Ernst des Alltagslebens an uns heran. Wird die gehobene Stimmung, die uns beseelt, uns Mut und Kraft geben, dem Druck, der angesichts des nahenden Winters aus uns lastet, standzuhalten? Wir dürfen uns nicht über die schwere Gegenwart hinwegzutäuschen versuchen. Wir haben es in den harten Kriegsjahren oft betont, unsere Zeit fordert/ ein starkes, kraftvolles Frauengeschlecht, und an unseren Frauen und Müttern ist es, mit der ganzen Macht ihrer Liebe und Klugheit zu Felde zu ziehen, um ein solches in ihren Töchtern heranzubilden. Nichts von Verweichlichung und Verwöhnung, die Uebelwvllen der jüdischen Frauen'welt nur allzugern zum Vorwurf macht. Unsere Frauen und Töchter haben sich in den harten Kriegsjahren in jeder Hinsicht glänzend, vorbildlich bewährt; was sie in den Tagen bitterster Not des Vaterlandes an hingebungsvoller Opferwilligkeit und Ausdauer geleistet haben, wird ihnen für alle Zeiten unvergessen bleiben. Sie haben damit aber auch bewiesen, daß ein gesunder Geist in dem gesunden Körper wohnte. Leider sind den schweren Kriegsjahren keine glücklichen Friedens-jahre gefolgt. Tie gegenwärtige Zeit hat namentlich durch die herrschende Teuerung über unsere Frauen und Mütter eine Bürde stark vermehrter Sorgen heraufbeschworen, die oft fast unerträglich erscheint. Sie hat aber auch eine Fülle von Mißständen im Gefolge gehabt, denen zu steuern eine Hauptaufgabe unserer Frauen und Mütter jetzt lind für die nächste Zukunft sein dürfte. Die durch die lange Kriegsdauer so stark eingedämmte Lebenslust, der Wunsch, sich zu schmücken und zu vergnügen, sind in der gesamten Frauenwelt, nicht nur in der jüdischen, lebhafter denn je erwacht. Hierzu gesellt sich der geringe. Werr des Geldes, die hohen Gehälter, die den im Berufe arbeitenden Frauen und Töchtern, selbstverständlich gezahlt werden, und es erscheint uns gar oft, als hätten sich die Verhältnisse allüberall verschoben. Wer wollte es der Jugend, dem weiblichen Geschlecht überhaupt verargen, sich zu schmücken, froh das Leben zu genießen! Aber „haltet Maß!" rufen wir unserer Frauenwelt mahnend zu. Die Wogen des Antisemitismus schwellen leider von Tag zu Tag höher an. Es ist ebenso, traurig als empörend, ja oft fast lächerlich, was alles in ebenso geschmackloser als böswilliger Weise der jüdischen Frauenwelt zum Vorwurf gemacht wird! Was bei .der Frauenwelt der anderen Konfessionen . in Kleidung, Wesen und Benehmen kaum ins Auge fällt, bei der jüdischen wird es hart! gerügt, streng verurteilt. Gestehen wir bei allem Unwillen, allem Schmerz, den wir über die Anfeindungen und Beschuldigungen, die sich gegen die jüdische Frauenwelt richten, empfinden: ein Körnchen Wahrheit liegt leider doch darin. Temperament, Veranlagung und Vererbung, Aussehen, der südliche Typus verleihen der Jüdin ein eigenartiges Gepräge. Für jeden Taktfehler, den die einzelne begeht, wird jedoch die Gesamtheit verantwortlich gemacht; es heißt dann „die jüdischen Frauen". Wir werden nicht vermögen, den Antisemifismus aus der Welt zu schassen, aber wir können ihn entkräften, indem wlr uns hüten, ihm durch unser Verhalten stets neue Nahrung zu geben. Die Gegenwart fordert daher gebieterisch, von unserer Frauenwelt „mehr Zurückhaltung — mehr Bescheidenheit" in Kleidung und Auftreten, in Wesen und Benehmen! Etwas weniger der Mode in ihren allerneuesten Erzeugnissen, die ja nicht gerade immer die allerschönsten und geschmackvollsten find, folgen, etwas weniger laut auf der Straße, im Theater und Konzert, in der Straßenbahn sich unterhalten, sind Forderungen, die Takt und gute Sitte an die gebildete Frauenwelt unserer Glaubensgemeinschaft in unseren Tagen mehr denn je stellen. Das Dichterwort: „Und willst du wissen-, was sich ziemt, So frage nur bei edlen Frauen an" darf und soll an der jüdischen Frauenwelt des zwanzigsten Jahrhunderts nicht zuschanden werden! Und noch eins und nicht zuletzt! Leider hat sich in jüngster Zeit im geselligen Verkehr Mischen -den Jünglingen und Jungfrauen der gebildeten jüdischen Kreise ein Zug von Leichtfertigkeit und Frivolität geltend gemacht, der jüdischem Geiste und jüdischer Sitte ganz und gar nicht entspricht!. Auch hier muß es heißen, „mehr Zurückhaltung — mehr Bescheidenheit", und die Eltern dürfen nicht blind an dieser Erscheinung der Zeit vorübergehen, insbesondere die Mütter. Unsere Töchter, die größtenteils in ernster Berufstätigkeit wirken, sollen sich in ihren Mußestunden mit Rosen der Freude und Jugendlust schmücken und durch ihren Frohsinn Licht, Wärme und Trost in die oft schwer bekümmerten Elternherzen bringen. Sie, die Trägerinnen der Zukunft des Judentums, sind jedoch auch berufen, ihr Scherflein zur Verminderung des Antisemitismus beizutragen. Möge dieses kurze Mahnwort einer alten Frau an ihre teueren Glaubensschwestern nicht ungehört verhallen! Breslau, im Oktober 1920. Regina Reißer. Geilt und Judentum?) Von Rabbiner Dr. Behrens (Göttingen), ie Nachkriegszeit ist literarisch un-gemein fruchtbar. Ein Hagelschauer von Schriften ergießt sich über uns. Der deutscheGeist will sich trotz Not und Tod als lebenskräftig erweisen. Versteht sich, daß die ganze Fülle der Probleme, die heute die Welt bewegen, das Heer der schöpferischen Geister, der geistig Schaffenden in Bewegung setzt. Wenn es wahr ist, was H. Graetz einmal ironisch gesprochen, daß es keine Narretei gäbe, die ein deutscher Professor nicht in ein System zu bringen vermöchte mit seiner ganzen schwerfälligen und ernsthaften Pedanterie, die keinerlei Spaß versteht, dann zeigt sich das an keiner Gegenwartsfrage so stark wie an dem nun bald zu Tode gehetzten „Judenproblem". Wie sollten h Arthur Treb lisch, „Geist und- Judentum". Eine grundl-ogonde Untersuchung. Wien -und Leipzig 1919, Verlag Ed. St rache. 282 Seiten.