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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-29 · Heft 35 (29.10.1920) · p. Seite 405

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 35 (29.10.1920)
Date
1920-10-29
Page
Seite 405 (sequence 9)
Language
German
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zeit noch niedergehalten. Anderseits bilden die Pogromschrecken einen sich katastrophal gestaltenden Antrieb zur Flucht. Wenn einmal das Hin- und Herfluten der Flüchtlinge abebbt, kann erst die eigentliche Emigrationsbewegung beobachtet und beurteilt werden. Die planmäßige Tätigkeit zu^ Regelung der Auswanderungsfürsorge ist eine gewaltige gesamhudische Ausgabe. Es handelt sich dabei nicht nur mn die Ausübung -einer Wohltätigkeit für die Emigranten, sondern nicht zuletzt um eins Gesunderhaltung und Besserstellung der Judenheit im ganzen. Auf Grund einer Konferenz der jüdischen Organisationen in Frankfurt a. M. ist bereits im Jahre 1904 aus Anregung des Herrn Dr. Nathan das Zentralbureau für jüdische Auswanderungsange leg enheiten dem H i l f s v e r e i n angegliedert worden. Don diesem Zentralbureau im Verein mit der Jewish Colonization Association und später der Jewish Territorial Organization, ist in den Auswanderungs-, Durchwanderungs- und Einwanderungsländern ein großes Netz von Jnsormations- und Schutzstellen für Emigranten geschaffen worden. Durch das Zentralbureau sind seit 1904 über 200 000 Personen befördert worden mit einem Kostenaiufwande von 4 Millionen Mark. Auch während des Krieges hat seine Tätigkeit nicht ganz geruht. und sie ist trotz der schwierigen Verhältnisse auch jetzt wieder ausgenommen worden. DieAvbeit des Zentlralbureaus für jüdische Auswanderunigsangeliegenheiten wird, wenn auch die Verhältnisse durch den Ausgang des Krieges geändert sind, für. Deutschland selbst und die angrenzenden Gebiete von größter Bedeutung bleiben. Daher wird die Tinx Frieden geschaffene umfassende Organisation der Auswandererfürsorlge jetzt wieder ins Leben treten. Die Bureaus in /den Hafenstädten werden wieder eingerichtet werden, ebenso diejenigen m den wichtigen Grenzpunkten und d-en Hauptknoten-unkten der Eisenbahn. Die Jnsormationstätigkeit für Emigranten wird wieder einsetzen, insbesondere wird das „Korrespondenzblatt" wieder von dem Zentralbureau herausgegeden -werden. Es erhiellit alsdann Herr Dr. Paul Nathan das Wort: „Die Liquidierung des Schulwerks des Hilfs,Vereins im Orient ist -ein schwerer Entschluß gewesen, aber ein gesunder und unabwendbarer. Der Hi'Wverein hat im Orient eine Schulpolitik verfolgt, rein und ausschließlich den orientalischen Juden zum Nutzen, ohne irgendeine andere Tendenz. Die Stellung, und der Einfluß Deutschlands im Orient sind jetzt außerordentlich eingeschränkt. Andere Mächte sind an Deutschlands Stelle .getreten. Unter den früheren Verhältnissen war es eine Zweckmäßigkeitsmaßregel, den orientalischen Juden Deutsch als Fremdsprache zu lehren, damit sie in der La>ge waren, wirtschaftliche Beziehungen mit > Deutschland anzubahnen oder auszuibauen. Dies Prinzip wurde verfolgt, nicht aus chauvinistischen Motiven, sondern aus Motiven der Nützlichkeit, i.ntellätueller und wirtschaftlicher Art. Die Gesamtheit der Juden, die aus dem Osten nach dem Orient eingewändert sind, spricht deutsch, wenn auch ein zurückgebliebenes verderbtes Deutsch in Form des Jargons. Doch hat der Hilfsverein, weit entfernt von Einseitigkeit, aus gleichen Gründen der Zweckmäßigkeit die palästinensische Jugend außer mit Deutsch in gewissem Umfange auch mit der französischen und englischen Sprache vertraut gemacht. Nach dem unglücklichen Krieg wird die Stellung Deutschlands für übersehbare Zeit im Orient eine ganz andere, viel mehr m den Hintergrund tretende sein. An seiner Stelle wird in gewissem engen Umfange das französische Element zur Geltung kommen, und in größteln Umfange wird sich der Einfluß der Engländer und, was die Juden betrifft, vor allem der Amerikaner, der Juden der Vereinigten Staaten, geltend machen. Wenn der Hilssverein auch sein Schulwerk im Orient liquidiert, ' so bedeutet das durchaus nicht, daß er am Schicksal der Juden des Orients nicht mehr Anteil nimmt, sondern es geschieht, weil die Verbindung der deutschen Juden mit dm orientalischen in früherer Form nicht mehr von den Interessen der zu Schützenden wie bi? - her erfordert wird. Mitzuhelfen, an der Arbeit für den Orient, wo es zweckmäßig und erwünscht ist, wird der Hilfsverein stets bereit sein. Eine gewaltige Aufgabe erwächst dem Hilfsverein durch die tausendfach gesteigerte Not d?r Juden i m O st e n. Schon der geographischen Lage Deutschlands nach kann die Mitwirkung des Hilfsvereins an dem Hilfswerk für den Osten kaum entbehrt werden, insbesondere auch nicht auf dem Gebiete der Auswanderungsfürsorge. Die Zustände im Ostm sind über alle Begriffe furchtbar. Niemals hat das Judentum so ungeheure Verluste erlitten. Die Zahl der Juden im Osten, im ehemaligen Zarenreiche und in Galizien ist nach früheren Statistiken in runder Zahl aus etwa 8 Millionen zu beziffern. Und die Lage -der Juden in den Randstaaten, im wesentlichen dem früheren Juidenrahon, ist geradezu entsetzlich. In Sowjetrußland sind die Inden zwar .gesetzlich gleichberechtigt, doch bei der dort herrscheniden relativen Anarchie sind auch sie schutzlos gegen -antisemitische Uebergriffe. Es sind in Sowjetrußland hauptsächlich nur die armen jüdischen Elemente zurückgeblieben. Die haben unter den allgemeinen Verhältnissen dort außerordentlich zu leiden, doch nicht so schwer wie die Juden in den Randstaaten. Die Juden in der Ukraine und in Polen werden in einer wahrhaft infernalischen .Weise behandelt. Von den. 8 Millionen Juden Rußlands und Galiziens leben wahrscheinlich 6 bis 7 Millionen in Gebieten, die von Pogromen heimgesucht sind. Niemand weiß, wie weit die Ausrottung der Juden im Westen von Rußland in den ungezählten kleinen Ortschaften gegangen ist, mit denen jede Verbindung gelöst ist. In diesen Gebieten in Polen und in der jetzt Polen angeschlossenen Ukraine helfend einzugreifen, ist für Deutschland und die deutschen Juden aus politischen Gründen nicht möglich Jeder Versuch einer Intervention würde die Lage der dortigen Juden noch weiter gefährden. Hilfe kann nur von den Amerikanern ausgehen, die ein Hilfswerk für den Osten von einer Größe a,usü>ben. wie es in der Geschichte nicht seinesgleichen hat. Wie bereits erwähnt, wird der .Hilfsverein der Deutschen Juden der geographischen Lage Deutschlands entsprechend stets ein Träger und eine Verbindungsstelle für das Hilfswerk im Osten bleiben und das vor allem aus dem Grunde, weil die Hilfeleistung nicht inrprovisiert werden kann. Der Hilfsverein verfügt über feste erprobte Organisationen, zum Beispiel bei der Answanderersürsorge, und über Erfahrungen von Jahrzehnten', insbesondere bezüglich der Verhältnisse wie im Osten, so im Orimt. Angewiesen bleibt der Hilfsverein somit auf die ausgiebige finanzielle Förderung seitens der deutschen Juden als Grundlage seiner Tätigkeit." Zum Schluffe beleuchtete der Redner die große Bedeutung der O stj u d e n f r a g e in Deutschland selbst. Es kann nicht verhindert werden, daß aus allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Gründen die Grenzen in Deutschland gegen Osten gesperrt bleiben, aber für diejenigen Ostjnden, die sich in Deutschland bereits befinden, Jakob Schiff. Nach einer Kohlezeichnung von Wilhelm Taubert, Frankfurt a. M.

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