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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-29 · Heft 35 (29.10.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 35 (29.10.1920)
Date
1920-10-29
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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Der Vorsitzende bemerkte alsdann einleitend, daß die Jahre 1919 lind 1920 für das Judetmn wohl die traurigste Zeit gewesen seien, die es seit Zerstörung des Tempels in Jerusalem gesehen, lieber die Juden des Ostens sei ein Elend hereingebrochen, dem gegenüber keine Möglichkeit durchgreifender Hilfe und Linderung gegeben sei. Es sei zu hoffen, daß allmählich wieder in die barbarischen, durch vm Krieg verrohten Herzen der Geist der Menschlichkeit einziche. In dieser schweren Zeit habe sich aber auch das Solidaritätsgefühl der Judenheit aufs glänzendste bewahrt. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat bei seinem Werke in der Berichtsperiode wie in der ganzen Kriegszeit die nachhaltige Unterstützung der deutschen Judenheit gefunden. Die Mitgliederbeiträge betragen 170 000 Mark^ die einmaligen Beiträge 680 000 Mark, an Sonderbeiträgen sind während der Kriegsjahre 4 Millionen Mark eingegangen. Die Politische Umwandlung der Verhältnisse im Orient hat dazu geführt, daß der Hilfsverein sein großes in einer Arbeit von 1/4 Jahrzehnten aufgebautes Schulwerk in Palästina und der europäischen Türkei liquidieren muß. Das Schulwerk in P a l ä st i n a wurde von den englischen Okkupationsbehörden bereits am 31. Mai 1918 unter die Verwaltung der Zionistischen Kommission gestellt. Für ein deutsches Schulwesen, wie es das des Hilfsvereins war, ist Zurzeit keine Stätte mehr in Palästina, doch sorgt auch die Zionistische Kommission, die es übernommen hat, für die Fortführung des Unterrichts. Der Besitzstand des Hilfsvereins an Gebäuden in Palästina wird realisiert werden zur Deckung von curgegangenen Verbindlichkeiten und zur Erfüllqung von Ehrenpflichten dem alten Lehrerpersonal gegenüber. In den Jahren 1918 und 1919 wurden für Lehrer und sonstige Verpflichtungen noch 600 000 Mark verausgabt, weitere hohe Aufwendungen sind noch 1920 erfolgt und stehen zur Ablösung der in den Vorjahren eingegangenen Verbindlichkeiten noch bevor. Von der Verwaltung seines bedeutenden Schulwerkes in K o n st a n t i n o p? l, das während des ganzen Krieges fortgeführt werden konnte, auch nach der Besetzung Konstantinopels durch die Entente, ist der Hilfsverein infolge der veränderten politischen Konstellation gleichfalls zurückgetreten. Erfreulicherweise ist der Fortbestand der Schulen, die eine hohe kulturelle Mission in Konstantinopel erfüllt haben und zu erfüllen weiter berufen sind, durch die eigene Kraft derselben wie durch amerikanische Unterstützung gesichert. 1919/20 hat der Hilssverein für das Schulwerk in Konstantinopel rund 350 000 Mark hergegeben. Das Schulwerk in Rumänien, Bulgarien, Griechenland (Saloniki) hatte d?r Hilfsverein bereits während des Krieges aufgeben müssen. Das durch die Munifizenz russischer, amerikanischer (Jakob H. Schiff) und deutscher Spender vorn Hilfsverein ins Leben gerufene T echn i kum in Haifa — die Anregung zu seiner Gründung hatte Herr Dr. Paul Nathan gegeben —■ mußte während des Krieges liquidiert werden. Es wurde vom Hilfsverein erworben. Wie das gesinnte Schulwerk mußte er aber auch die Eröffnung und Wetterführung des Technikums aufgeben, das er zu Beginn des Jahres 1920 der Zionistischen Kommission überließ gegen Erstattung der Auslagen in den letzten Jahren und liebe rnahme noch bestehender Verbindlichkeiten. Redner spricht die Erwartung aus, daß das Institut unter der neuen Leitung seine wichtige Bestimmung für den Orient hosfentlich erfüllen wird. Herr Generalsekretär Tr. Bernhard Kahn berichtete alsdann über die Tätigkeit und die Aufgaben des Hilfsvereins, insbesondere auch im Zusammenhang mit dem großen jüdischen Answanderungsproblem. Die Tätigkeit des Hilfsvereins hat im Kriege nicht geruht. 1919/20 hat er 1)4 Millionen Mark aus verschiedenen Tätigkeitsgebieten ausgegeben — für Schulwerk im Orient, Httsswerk in Galizien, Litauen, Hilfsaktionen für verkümmernde österreichische Kinder, Anteil an der Fürsorge für ostjüdische Arbeiter in Deutschland und anderes mehr. Vom Beginn des Krieges an hat er aus eigenen Mitteln 6H» Millionen Mark aufgewandt. Weitere 65; Millionen-, die er als Treuhänder von großen jüdischen Organisationen im Osten und von Einzelpersonen dieser Staaten zur Weiterleitung an ihre Verwandten in Osteuropa erhielt, hat er ihrer Bestimmung Zugeführt. Die Zustände in Osteuropa haben natürlich auch aus Deutschland die ernsteste Rückwirkung ausgeübt, die unerträglichen Verhältnisse, unaufhörlicher Kriegszustand, Pogrome unjd ständige Pogromgefahr, gesetzliche und wirtschaftliche Bedrückung haben zu einer Massen-' flucht ans dem Osten geführt. Deutschland als Nachbarland von Polen und als Durchgangsland nach den W>eststaaten und Amerika bildet für die Flüchtlinge eines dev Hauptübertrittsgebiete. Die Einwanderung der Ostjuden, von denen zurzeit etwa 90 Prozent aus Polen und Galizien kommen, hat trotzdem ein hohes Ausmaß nicht erreicht. Der Zustrom von Flüchtlingen seit der Revolution wird auf 30 000 bis 40000 Köpfe zu berechnen sein; dazu kommen die vor dem Kriege eingewanderten Ostjuden und die während des Krieges von der deutschen Heeresverwaltung freiwillig oder zwangsweise aus dem Osten in Munitionsfabriken usw. nach Deutschland abgeschobenen Juden; alle zusammen etwa 60 000 bis 70 000 Seelen. Um den Mißständen zu begegnen, die durch die Zuwanderung in Ansehung der schwierigen Wohnungs- und Ernährungsfragen und angesichts der ungünstigen wirtschastlichien Konjunktur erwachsen könnten, wurde von den großen jüdischen Organisationen Deutschlands unter Beteiligung der ostjüdischen Arbeiterorganisationen das Arbeiterfürs orgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands gegründet, für das der Hilfsberein zunächst 50 000 Mark beisteuerte. Ein großzügiges Wirken wurde auch auf diesem Gebiete durch materielle Beihilfe des amerikanischen Joint Distribution Committee ermöglicht. Das Arbeiterfürsorge--, amt sorgt für die Vertretung der Interessen der osteuropäischen Arbeiter den Behörden gegenüber und für eine Ausgleichung der deutschen Interessen und der Interessen der Eingewanderten; >?s sorgt für Unterbringung, Ernährung, Weiterreise zu den Arbeitsstätten und ins Ausland. Es ist sein Ziel, die Ostjuden nach Möglichkeit produktiver Arbeit zuzuführen im Einklang mit den Interessen der deutschen Volkswirtschaft. Zweigstellen des Arberterfürsorgeamts sind bereits in Allenstein, Königsberg i. Pr., Kattowitz, Mhslowitz, Beuthen, Dresden, Frankfurt a. M., Köln, Hamburg, Bochum, Duisburg geschaffen. In Berlin ist mit Hilfedes Arbeiterfürsorgeamtes das Asyl in der Wiesenstraße zur Aufnahme von Flüchtlingen übernommen worden. Die Fürsorge für die Ostjuden ist nicht nur eine Pflicht der Solidarität diesen selbst gegenüber, es liegt im I hier esse der Gesamtjudenheit und im eigenen Interesse der deutschen Judenheit und Deutschlands. Alsdann gab Redner einen kurzen Ueberblick über die Entwicklung der jüdischew Äuswandererbewegung, die seit 1881 einsetzte, und er beleuchtete die große Bedeutung dieses Problems für. die Gegenwart. Der A u s w a n d e r u n g s f ü r s o r g e wird die Tätigkeit des Hilfsvereius, wie bereits im Frieden, in erster Linie gewidmet sein. Es gilt ein^r unRr Umständen mit außerordentlicher Stärke wieder eintretenden Auswanderung gegenüber gerüstet zu fein. Von 1881 bis zum Jahre 1918 sind allein nach den Vereinigten Staaten von Amerika 2 560 146 Inden ausgewandn't. Die Gesamtauswanderung, die alle Länder berücksichtigt, ist nach zuverlässigen statistischen Berechnungen für diesen Zeitraum auf 3 200 195 zu sächtzen. In den 5 Jahren vor dein Kriege 1910 bis 1914 wunderten nach den Vereinigten Staaten aus 495 459 Juden, davon -aus Rußland 360 356. Die Gesamtauswanderung aus dem Osten betrug 619 320, davon direkt aus Rußland 450 445 Köpfe. Im ersten Kriegsjahr gingen nach den Vereinigten Staaten noch 26497 Juden, davon 20 000 aus Rußland, im zweiten Kriegsjahr 15108, im dritten 17 342. Erst im vierten Kriegsjahr, mit dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg kam die Auswanderung ganz ins Stocken. Nur 3672 Inden landeten 1918 in den Vereinigten Staaten, davon 2036 aus Rußland. 1919 sank die Zahl noch tiefer. Erst jetzt beginnt sich die Einwanderung dorthin wieder zu heben und voll Tag zu Tag zu steigen. Im Jahre 1920 bis heute beträgt die Auswanderung nach den Vereinigv?n Staaten trotz der schwersten Einwanderungsbeschränkungen 35 000 Personen. Statt 600 000 Personen, die wahrscheinlich aus dem Osten answandern wollten, sind während des Krieges nur 75 000 ausgewandert, so daß eine Stauung von 525 000 Auswanderern besteht. Dazu kommt eine jährliche Durchschnittsauswanderungszahl von 120000 bis 125 000. Es würde also bei gleichbleibenden Zahlen wie in- Friedenszeiten mit 650 000 Personen zu rechnen sein, die zur Auswanderung bereit stünden. Wenn diese Zahl befördert würde, kehre man erst wieder zum Maßstab der Friedenszeit zurück. Infolge der technischen Unmöglichkeiten der Beförderung und der gesetzlichen Erschwerungen in den Einwanderungsländern wird die Zahl der Auswanderer zur-

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