Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 35 (29.10.1920)
- Date
- 1920-10-29
- Page
- Seite 402 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Noch wimkmal der üuiuerus clausus. Die Vorlage über den numerus clausus .an den ungarischen Hochschulen wurde, wie von uns bereits mitgeteilt, von der Nötioualversamnrlung Ungarns nach längerer oft leidenschaftlicher, sich vorwiegend um die ungarische Judenfrage drehender Debatte mit großer Stimmenmehrheit angenommen. Der numerus clausus hat demnach schirm Gesetzeskraft erlangt. Im Sinne dieses neuen Gesetzes und der Vollstreckungsverordnungen des Unterrichtsministers sollen fortab Zur juristischen Fakultät nur 300, zur medizinischen 400, Zur philosophischen 200 und zu allen Fakultäten der Technischen Hochschule insgesamt 1800 neue Hörer zugelassen werden, von denen bloß fünf Prozent Juden sein können. Dies bedeutet die Verdrängung von ungefähr 4000 Hörern jährlich, die sich nun wohl Zu überwiegendem Teile anderen Lebensberufen zuwenden müssen oder ausländische Hochschulen aufsuchen müssen. Unterrichtsminister Stefan Haller hat erklärt, daß diese Einschränkung, sich nicht aus bereits erworbene Rechte bezieht, daß also die schon früher inskribiert gewesenen Hochschüler ihre Studien beenden können, wenn sie dem Rechtsertigungsverfahren entsprochen haben. Im Lause der Debatte hat der jüdische Abgeordnete Paul Sandor eine objektive groß angelegte Rede gehalten, in der er gegenüber den in der Debatte verklungenen zahllosen Anklagen den Beweis erbrachte, daß die ungarischen Gesetze niemals eine jüdische Nation, sondern immer nur eine jüdische Konfession gekannt haben, daß die jetzt so verschriene Karolhische Revolution keineswegs eine „Knoblauch-Nevolution" gewesen, sondern unter Teilnahme katholischer Kreise vor sich gegangen war, daß während der Besetzung Budapests durch die Rumänen nicht bloß einzelne Juden mit den Rumänen verkehrt haben, sondern auch vornehme christliche Aristokratenkreise sehr oft rumänische Offiziere beiz sich zu Tische sahen und mit ihnen geselligen Verkehr pflogen. Die Ausweisungen in Ungarn. Eine Verordnung der Negierung verfügt die Ausweisung der seit 1914 eingewanderten Ausländer jüdischer Rasse. Die Behörden werden angewiesen, diese Verordnung schleunigst und mit der größten Genauigkeit durchzuführen. Ferner wird angeordnet, daß die Ausgewiesenen mit ihren Familienmitgliedern bis zur technischen Durchführung der Ausweisung interniert werden. Ausgenommen sind nur jene jüdische Ausländer, die sich in amtlicher Mission fremder Staaten hier befinden oder sich nachweisbar in wichtigen Angelegenheiten hier aufhalten. Die Ausnahme bezieht sich jedoch nicht auf die galizischen, polnischen oder russischen Juden. „Az Ujsag" meldet hierzu, daß die Ankündigung der Jnternierungs- bzw. Ausweisungsverordnung im Kreise der interessierten Ausländer große Aufregung hervorgerufen habe. Die ausländischen Gesandtschaften und Missionen werden seit Tagen wegen Informationen förmlich bestürmt. Der größte Verkehr ist natürlich auf der polnischen Gesandtschaft, die den Standpunkt vertritt, daß alle diejenigen, welche in unzweifelhafter Weise ihre polnische Staatsbürgerschaft Nachweisen können, ohne Hindernis nach Polen zurückkehren können. „Pester Lloyd" wirst dabei die Frage auf, ob diese Regicrungsmaßnahme, welche von der jüdischen Rasse, und nicht vom jüdischen Glauben spricht, sich auch auf die getausteu Juden bezieht. Hl De^ Fürstprimas Ungarns und die Inden., Einzelne Blätter haben die bedeutungsvolle Ansprache veröffentlicht, die das Oberhaupt der katholischen! Christenheit Ungarns, Fürstprimas Kardinal Dr. Johann Csernoch, am ersten Rosch-Haschanah-Tage in Szob an die Begrüßungsdeputation der dortigen jüdischen Gemeinde gerichtet hat. Da diese Ansprache zum Teil verstümmelt in der deutschen Presse erschienen ist, lassen wir sie hier nach dein authentischen Berichte des ungarisch-jüdischen Organs „Egyenlöseg" im Wortlaute folgen. Der Fürstprimas sagte: „Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Begrüßung. Ich bitte, nehmen Sie und das gesamte Judentum zur Kenntnis, daß Sie in welch schwieriger Lage immer aus ineinen Schutz und aus den Schutz der katholischen Seelsorgerschaft rechnen können. Meine Herren! Ich habe stets und bei jeder Gelegenheit die N o t Wendigkeit des k o n fe s s i o ne I len Fri e de u s be to n t. Ich habe nur eine Bittean Sie:- Seien Sie gute Juden!- Leben Sie nach den Gesetzen Moses! Wir . wollen nicht, daß die Juden Christen werden. Ich bitte Sie, erziehen Sie Ihre Kinder-so, daß sie religiös seien, und wer Jude ist, sei Jude und schäme sich nicht, Jude zu sein, denn wenn die Kinder in religiösem Geiste erzogen werden, werden sich nicht mehr Leute finden, die-— wie auch in der Vergangenheit — dem Judentum Schande gebracht haben, obgleich sich solche auch unter den Glaubenslosen anderer Konfessionen gefunden haben. Und jetzt gestatten Sie mir. Ihnen, allen Mitgliedern Ihrer Gemeinde und dem gesamten Judentum ein glückliches Neujahr zu wünschen." m SoMoto M muttanb. Der Präsident de? Französischen Republik hat Ncchuin Sokolow in einer halbstündigen Audienz empfangen. Man mißt dieser Konferenz große Bedeutung bei, da Millerand auch schon vorher als Ministerpräsident sich mit der zionistischen Frage beschäftigt und auch schon mehrmals mit Sokolow konferiert hat. Sokolow soll über seine Aufnahme sehr befriedigt sein und bezeichnet Millerand als wahren Judenfreund, der persönliche Sympathien für die Juden und die zionistische Bewegung empfindet. J. P. Z. * Ein Schreiben Herbert Sarrmels. Aus London wird gemeldet: Auf der am 17. Oktober abgehaltenen Versannnlung des Board of Deputies wurde ein Schreiben Samuels verlesen, in den: es u. et. heißt: Die politische Lage in Palästina ist sehr günstig. Ich betrachte die Lage in Palästina als viel zufriedenstellender, als ich es mir vor meinem Dortsein hatte vorstellen können. Es bereitet mir Freude zu sehen, wie alle Teile der Bevölkerung zu einem Einverständnis gelangen und Harmonie und gute gegenseitige Beziehungen für ihr weiteres Zusammenleben schassen. Nach vielen Richtungen hin unternehmen wir es, die ökonomische Entwicklung des Landes zu stärken, um -eine feste Basis für dessen zukünftiges intellektuelles Leben zu schaffen. Dauüt wir den gewünschten Erfolg erzielen, muß man auf große und aktive finanzielle Unterstützung seitens aller Juden der. Welt rechnen können, wozu die englischen Juden sehr viel beitragen sollten. Es ist dies eine der größten Notwendigkeiten und bin ich sicher, daß der Board all seinen Einfluß aufbieten wird, um in diesem Sinne zu wirken, und daß wir die nötige Unterstützung erhalten werden. Gleichzeitig kann ich mitteilen, daß die Administration ihren Pflichten mit Treue und Fleiß nachkommt und ihre große verantwortliche Aufgabe erfüllt. * ’ Aus Palästina. Der Oberkommissar für Palästina, Sir Herbert Samuel, hat folgende einschneidende Bodengesetzgebung -erlassen: In Palästina ist künftig jeder Kauf, Verkauf oder Verschenkung sowie Verpachtung von Boden über mehr als drei Jahre an behördliche Genehmigung gebunden. Erwerbsberechtigt ist nur, wer palästinensischer Bürger ist und nachweislich den Boden selbst bestellt oder bebaut. Ein einzelner Bürger darf nie mehr Bodenwert als 3000 englische Pfund erwerben. Verkauf, Verpachtung, Verpfändung und Verschenken von Boden, der für die Erhaltung einer Wirtschaft notwendig ist, ist verboten. Das Minimum wird von lokalen Behörden festgestellt. Ein Grundstück darf nicht öfter als einmal im Jahre veräußerr werden, abgesehen von einer Veräußerung durch die Erben. Vodengesellschaften können mit besonderer Erlaubnis des Oberkommissars größere Flächen erwerben, falls sie sofort die Bearbeitung oder Bebauung selbst vornehmen. Umgehung dieser Bestimmungen zieht im Höchstfälle Konfiszierung des Grundstückes nach sich. Der Patriarch von Jerusalem veröffentlichte nach seiner Rückkehr aus Rom einen Hirtenbrief, in dem er u. a. daraus hinweist, daß die von Samuel erhaltenen Versicherungen ihn betreffs der ursprünglich im Zionismus befürchteten großen Gefahr einigermaßen beruhigt hätten. Er fordert die christliche Bevölkerung auf, sich nicht aggressiv zu verhalten. Unter, dem Namen. „Palestine'Oil Company" ist in Palästina die erste größere Seifen- und Oelsabrik. gegründet worden. Die Fabrik, wird, wie die „Zionistische Korrespondenz" mitteilt, in der Nähe von