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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-29 · Heft 35 (29.10.1920) · p. Seite 401

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 35 (29.10.1920)
Date
1920-10-29
Page
Seite 401 (sequence 5)
Language
German
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ltßuö Formen utt6 ÜÖtetlübfcit im Kampfe gegen ben Antisemitismus. Sie will mit neuer Kraft am Aufbau eines edlen Judentums und neuen Menschentums Mitarbeiten. — Institut Hanse (Posen) .gibt seirrer Befriedigung über die mannhaften AnsDhrungen der beiden christlichen Geistlichen' Ausdruck undbemerkt zur Ostjudonfrage, daß die Posener Juden vor hundert Jahren ebenso aussahm wie heute die jüdischen Flüchtlinge aus dem Osten-. Aber hundert Jahre der Verbindung mit Deutschland haben sie zu dem gemacht, was sie heute sind. — Nach , einem. Schlußwort des Referenten wurde die interessante Veranstaltung vom Vorsitzenden geschlossen. E. M. * In einem Artikel der „Kölnischen Zeitung" vom 28. September werden unzutreffende Nachrichten über die Ostjudenfrage in Deutschland verbreitet, insbesondere wird von einer bevorzugten Behandlung von Ostjuden aus dem Wege geheimer Erlasse gegenüber den Einheimischen gesprochen. Das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands nimmt die Gelegenheit wahr, um noch einmal sich mit den hauptsächlichsten Angriffen auseinanderzusetzen: Es ist grundsätzlich festzustellen, daß weder ein Geheimerlaß des Ministeriums des Innern existiert, noch sür Qstjuden besondere Personalausweise ausgestellt werden, vielmehr ist der Erlaß vom 1. November 1919, der durch einen zweiten Ministerialerkaß vom I.Juni 1920 in mehreren Punkten ergänzt und revidiert worden ist, allen in Betracht kommenden Behörden, so insbesondere den Polizeibehörden bekannt, wie auch die Oesfentlichkeit in weiten Kreisen über diesen angeblichen Geheimerlaß unterrichtet worden ist. Was die Ausstellung besonderer Personalausweise angeht, so erfolgt die Ausstellung von Personalausweisen an Ostjuden wie an alle anderen Ausländer, denen es zurzeit nicht möglich ist, eine Staatsangehörigkeit nachzuweisen, bzw. von ihrem Heimatsstaate vollgültige L-egitimationspapiere zu erhalten. Dies ist beisehr zahlreichen jüdischen und nichtjüdischen Angehörigen der russischen Randstaaten der Fall. Die jüdischen Fürsorgeorganisation-en (das jüdische Arbeit-erfürsovgeawt und seine Zweigstellen) haben mit der Ausstellung dieser Personalausweise lediglich insofern etwas zu tun, als sie durch Bereitstellung von sprachkundigen und mit den besonderen Verhältnissen vertrauten Beamten die Polizeibehörden bei der Sichtung 'der mitgebrachten HeimatsPapiere unterstützen können. Auch sonst kann von einer Ausnahmebehandlung zugunsten der Ostjuden in keiner Weise gesprochen Werdern Die aus dem Ministerialerlaß angeführten Bestimmungen über die Regelung der Arbeits- Verhältnisse der ostjüdischen Arbeiter sind auf Grund von Verhandlungen des Arbei tersürsorgeamtes mit der obersten zuständigen Behörde, dem Reichsamt sür Arbeitsverrlütttunq, durch vom Reichsamt an die Landesarbeitsämter erlassene Richtlinien ersetzt worden. Das vom Landesarbeitsamt für Westfalen und Lippe'an die ihm unterstellten Arbeitsnachweise ergangene Schreiben über die Tätigkeit der jüdischen Arbeiterftirsorge-stielle Duisburg, liegt zeitlich vor der erwähnten neuen Regelung. Inzwischen sind die hier entstandenen Schwierigkeiten restlos beseitigt worden. Bei.dieser Gelegenheit muß darauf hingewiesen werden, daß viele Tausende ausländischer Arbeiter ungehindert in Deutschland arbeiten und in gewissen Berufszweigen auch heute noch ein Bedarf an ausländischen Arbeitern von den zuständigen Behörden zugegeben wird. Das ArbeiterfürsorMrnt besaßt sich keineswegs etwa, wie es dem Artikel in der „Kölnischen Zeitung" nach den Anschein haben könnte, mit dem Import ostjüdischer Arbeiter, vielmehr sind seine Bemühungen daraus gerichtet, die Weiterwanderung der nun einmal in Deutschland befindlichen Ostjuden, Vieren Wanderungsziel Deutschland übrigens keineswegs ist, nach den Emigrationsländern Amerika und Palästina zu erleichtern. Es hat in dieser Beziehung bereits bedeutende Erfolge erzielt. Auch die Weiterwanderung nach Frankreich und Belgien zur Beteiligung an den Wiederaufbauarbeiten ist in den letzten Monaten unter tatkräftiger Förderung des Avbeiterfürsorgeamtes sehr erheblich. Eine Unterbringung in Arbeitsstellen wird 'lediglich -bei den Personen versucht, -die infolge der zurzeit noch bestehenden Paßschwierigkeiten zu einem Aufenthalt in Deutschland gezwungen sind. Es liegt auf der Hand, daß durch diese Unterbringung in Arbeitsstellen, die eine Verdrängung deutscher Arbeiter nicht bedingt, ein eminent sozialpolitisches Werk getan wird. Eine Verdrängung deutscher Arbeiter findet deshalb nicht statt, weil die Unterbringung so gut wie ausschließlich in Bierufszweijgjen Und Plätzen erfolgt, wo trotz der allgemeinen 'Aribeitslosigkeit notorisch ein- Bedarf an Arbeitern herrscht. Daß einsolcher Zustand möglich und häufig ist, ist jedem Kenner des Arbeitsnachweiswesens deutlich. Eine Beschäftigung und Produktivierung, wie sie durch das Arbeiterfürsorgeamt versucht wird und in .der großen Mehrzahl der Fälle auch erreicht wird, ist, das muß ausdrücklich hervor geh oben werden, nicht nur für den ostjüdischen Arbeiter segensreich, denn eine Nichtbeschäftigung müßte notwendig mit der Zeit diese mittellosen Flüchtlinge dem Schiebertum, dem Verbrechen in die Arme treiben. Die Belastung des Wohnunigsmarktes nun, die .als äußerst erschwerendes Moment angeführt wird, ist durch diese Flüchtlinge, die an primitivste Wohnungsverhältnisse gewöhnt sind, eine minimale, zumal es sich nicht um Wohnungen, sondern um starkbelegte Einzelzimmer handelt. Bei dieser Gelegenheit muß darauf hingewiesen werden, daß die Zahll der eingewanderten Ostjuden, die oft maßlos übertrieben wird, nach den Erhebungen und Schätzungen des Arbeiterfürsorgeamtes, die für Teilbezirke durch die Polizeibehörden bestätigt werden, sich für ganz Deutschland auf 60 000 bis 70 000 beläuft, von denen sich infolge der dezentralisierenden Arbeit des Arbeiterfürsorgeamtes heute noch etwa die Hälfte in Berlin befindet. * Die Arrsweisrmgerr aus Schlesien. W. T. B. teilt mit: Das „Jewish Ehronicle" vom 1. Oktober behauptet, die Ausweisung jüdischer Arbeiter polnischer Staatsangehörigkeit aus Oberschlesien sei auf dringendes Verlangen der deutschen Behörden erfolgt. Diese Behauptung ist völlig -unbegründet und unwahr. Wahr ist dagegen, daß der französische Oberst B l a n ch a r d die Austreibung dieser Arbeiter befohlen hat. Der Bericht behauptet ferner, es seien vierhundert jüdische Arbeiter von Myslowitz an die polnische Grenze gebracht worden, unterschlägt aber die Tatsache, daß die Verschleppung durch polnische Sokols erfolgte. * Die Zustände im Danziger Auswandernngslagev. Nach den Schilderungen 'der durchreisenden Flüchtlinge sind die Verhältnisse im Auswanderungslager iu Danzig außerordentlich beklagenswert. Seit dem Wiederausslackern des Krieges und der Pogrome in Polen haben ungeheure Mengen von Auswanderern den Hafen von Danzig ausgesucht, um von dort nach Amerika zu kommen. Das Lager umfaßt zeitweilig 10 000 Menschen, säst durchweg Juden. Die Danziger. Negierung hat verfügt, daß die Auswanderer sofort m das Lager „Trotz!" gebracht werden müssen und dieses Lager nur aus Erlaubnis, die sehr schwer erteilt wird, verlassen dürfen. Beim Eintritt ins Lager müssen sie sich nicht nur 'bet, Desinfektion und einer ärztlichen Untersuchungunterziehen, sondern es werden auch den Frauen die Haare abgeschnitten. Ein junges Mädchen von neunzehn Jahren wollte sich dieser Prozedur widersetzen, und als man sie doch dazu gezwungen hat, ertränkte sie sich im Meer. Die Flüchtlinge werden überhaupt höchst brutal behandelt. Am schlimmsten aber ist, daß sie durch das Verbot, das Lager zu verlassen, jeder Ausbeutung innerhalb des Lagers schonungslos preisgegeben find. Es werden für ein gewöhnliches Nachtlager auf einem Strohsack im Barackenmassenquartier 19 Mark und in einem etwas besseren Bett 22 Mark pro Na-cht verlangt; ebenso hoch sind die Preise sür'Än gewöhnliches Essen, das, doppelt so viel kostet als in einem Restaurant in der Stadt und viel schlechter ist. Sehr viel zu wünschen lassen die sanitären Einrichtungen des Lagers übrig. Die jüdischen Organisationen, die sich mit der Hilfe für die Auswanderer 'befassen, insbesondere die „Hias", werden von den Auswanderern beschuldigr. daß sie die Uebermittlung. von Briefen und Telegrammen aus Amerika, sowie die Uebermittlung der einlangenden Gelder nicht mit der nötigen Sorgfalt, Pünktlichkeit und Schnelligkeit erledigen. Durch die Schikanen im Lager werden die Flüchtli-nge oft so lange ausgehalten, daß sie in der Zwischenzeit ihr Reisegeld verbrauchen und von ihren Verwandten in Amerika neue Geldsendungen verlangen müssen, was wieder eine beträchtliche Zeit in Anspruch nimmt, -wodurch neuerlich Geld für das Leben im Lager verbraucht wird. Die Zustände in Danzig beweisen, daß die internationalen jüdischen Organisationen noch immer nicht die nötigen Organe besitzen, um den stets von neuem eintretenden Katastrophen des jüdischen Lebens mit erfolgreicher Abwehr entgegentreten zu können. J. P. Z, *

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