Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 35 (29.10.1920)
- Date
- 1920-10-29
- Page
- Seite 400 (sequence 4)
- Language
- German
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Mg. Dominicus (Dem.): Ich kann mich kurz fassen, denn die Stellung nceiner Partei in der Frage ist bekannt. Wir haben gjegen Löwenstein vor allem protestiert, weil er kein Fachmann ist. Dr. Löwensteins Schulidoal ist vollständig irrealliste rbar. Durch diese Wahl kann der Antisenütismus nur neue Nahrung! erhalten. Das Fehlen der Regierung ibei einer so wichtigen Angelegenheit entspricht nicht der Würde der Landes-versanrmllung. (Sehr richtig! bei den Demokraten.) Hier handerst es sich gar nicht um ein Rechtsverfahren, wie Herr Brückner meint. Aber die Sozialdemokraten sind nicht immer so enthaltsam gew-esen, selbst wenn es sich wirklich um Rechts- Verfahren handelte. Wir hegen die Hoffnung^ daß die Stadtverordnetenversaminlung, jetzt, nachdem die Novelle in Kraft getreten ist, di.e Spache noch einmal ruhig und sachlich überlegen wird, vielleicht kommt inan dann zu einer Aenderung. (Beifall bei den Demokraten.) Wg. Hollmann (D. Dp.): Es liegt eine fast einmütige Ablehnung der Groß-Berliner Lehrerschaft vor. Ist das für die Staaksregierung nicht beachtlich? Will sie an der Stimme der Lehrerschaft kalt vorübergehen? Unter allen Umständen geht die Frag? über das Lokalinteresse hinaus und hat sich zu einem staatspolitischen Problem ausgewachsen. Aus alledem folgt der Schluß, daß die Bestätigung zu versagen ist. (Beifall rechts.) Mg. Leid (Rechts-U.-Soz.): Das Muckertum erhebt bei diesem Vorstoß aufs neue das Haupt! Wir sind keine Schulmeister. (Zuruf rechts: Das merkt man bei Ihnen.) Die große Masse der Berliner Bevölkerung hat ihre Stellung klar zum Ausdruck gebracht. Ihr (nach rechts) Protest gegen Löwenstein im Zirkus Busch ist in fein Gegenteil umgeschlagen. (Lärm rechts. — Rufe: Mit dem Knüppel!) Löwenstein ist gar kein Jude. (Lachen rechts.) Sie von der Rechten bekämpfen ja auch nicht den Inden oder Dissidenten, sondern den Sozialisten in Löwenstein. (Sehr richtig! links.) Mg. Koch-Oeynhausen (Tentsch-nat.): Mr beantragen Ueberweisung der Interpellation an den Gemeindeausschuß. Damit schloß die Besprechung, und die „große" Anfrage wurde dem Gemeindeausschuß überwiesen; dagegen stimmten die Sozialdemokraten aller drei Richtungen. & Geistliche gegen den Antisemitismus. „D i e G e i st l i ch c n u n d d e r dl n t i s e m i t i< s m u s" lautete das Thema des Vortragsabends, mit dem der Zentral v e r e i n deutscher Staatsbürger jüdische n Glaubens seine Winterarbeit er öffnete. Die Veranstaltung hatte ein so zahlreiches Publikum ungezogen, daß eine Parallelversannnlung, in der die gleichen Redner sprachen, abgehalten werden mußte. Pfarrer Lizentiat Bittlinger, der erste Redner des Abends, leitete feine Ausführungen mit der Feststellung ein. daß die jüdischen- Mitbürger seit Jahrhunderten das große Kulturleben mit den anderen deutschen Bürgern teilen und an hervorragender Stelle deustche Kulturarbeit geleistet haben. Sie haben sich ihre Gleichberechtigung durch ihre Arbeit erworben und sind zum wertvollen Faktor unter den Bölkerstännnen Deutschlands geworden. Es ist begreiflich, daß sie sich ihre Stellung im deutschen Volke nicht nehmen lassen wollen und dürfen. Wer ihnen diese Stellung nehmen null, handelt unmenschlich und schädigt die wichtigsten Interessen des deutschen Volkes. Gegenüber allen antisemitischen Behauptungen muß festgestellt werden, daß der jüdische Geist ein außerordentlich brauchbares, ja notwendiges Ferment im deutschen Geistesleben^ darstellt. Größer als die Gefahr der Berjudung ist die Gefahr der Verrnsftmg rür Deutschland. Das Problem, denjüdischen Geist dem deutschen Geist anzugleichen, erfordert Gedankenarbeit, aber keine Schimpfereien. Diese Arbeit ist auch zudreiviertel beendet, zum großen Gewinn- und Segen des deutschen Volkes. Es wäre ein Armutszeugnis für Deutschland, wenn diese geistige Verschmelzung nicht gelingen würde, die allen kulturell hochstehenden Völkern gelungen ist. Christentum und Antisemitismus schließen sich aus. Kein deutscher Christ kann einen deutschen Juden hassen, denn wir haben -einen ungeheueren gemeinsamen geistigen Besitz: das Alte Testament, welches das' christliche Deutschland dem jüdischen Volke verdankt. Das bindet u.n.s noch mehr als Goethe, Schiller und Friedrich der Große. Ter vorurteilslose Prüfer außerhalb Israels muß neidlos anerkennen, daß Familiensinn, Fleiß. Nüchternheit und Wohltätigkeit die Vorzüge Israels sind. Mit Vorliebe stellen die Antisemiten diesen Vorzügen „den zersetzenden kritischen Geist der Juden" gegenüber. Dieser Vorwurf wird immer von den Denkfaulen gemacht. Wäre diese Kritik wirklich so gefährlich so müssen die Angegriffenen eben ihre Ideen stärker fundamenkieren. Aber -die Erfolg-reichsten und tiefsten- Kritiker an der christlichen Weltanschauung waren ja gar keine Juden. Ha ecke l, Darwin, Nietzsche und Friedrich Strauß gehörten nicht -dem Judentum an. Was wirklich mr Fehlern und Verbildungen im jüdischen Wesen vorhanden ist, muß von Deutschen und Juden getragenwerden. Was zu. beffern ist, dürfen wir ruhig den Inden selbst überlassen. Das ungeeignetste Mittel zur Beseitigung etwaiger Schäden ist der Antisemitismus', der aufeinem Denk- und Gefühlsfehler beruht. Der Anti semi tismuH ist heute für Deutschland mehr als je unzeitgemäß, da die ganze Welt voll von Antigermanismus ist. Wir Deutschen und Vertreter positiver Religionen müssen eine Einheitsfront gegen die Verhetzung bilden, in der alle diejenigen Mitarbeiten können, welche an die Macht der Güte und Liebe glauben. Pfarrer Dr. Dietrich schickte seiner Re-oedie Feststellung voran, daß der Antisemitismus eine Angriffs- undkeine Abwehrbewegüng ist. Der Antisemitismus ist aus Gründen' der Logik, der Moral und der Religion abzulehnen. Er geht voü unberechtigten Verallgemeinerungen aus und arbeitet mit Unwahrheiten. Die beliebte antisemitische Redensart von der Unproduktivität der Juden ist grundfalsch. Von Spinoza bis Einstein haben die Juden Großes und Selbständiges geschaffen. Die größte jüdische Leistung aber ist das Alte Testament, die Grundlage aller wahren Frömmigkeit. Alle wirkliche Sittlichkeit ist auf den jüdischen zehn Geboten aufgebaut, der Schöpfung Israels. Wenn es mit unserem Volke wieder besser gehen soll, so müssen wir wieder zusammenstehen im Kampfe für alles, was uns allen heilig ist. Rabbiner Dr. Baeck bezeichnet als verletzendste Erscheinung des Antisemitismus dessen Seelen- und Geistlosigkeit. Die Geschichte des Judentums i,st zuallen Zeiten ein Martyrium gewesen, und gerade die Vertreter des alten Regimes sind unsere erbittertsten Gegner. Wenn man uns ebenso wie den Sozialisten immer wieder sagt: ihr seid fremd hier und habt keinen Anteil am deutschen Vaterlande, so darf man sich nicht wundern, wenn einige das glauben und an sich selber irre werden. — Rabbiner Dr. Konto r o w s k h drückte feine Befriedigungaus «über den brüderlichen Ton, der aus.den Worten der Vorredner sprach. Ein einziger Aufschrei der Judennot geht durch die ganze Welt. Im Osten werden die Juden körperlich, im Westen seelisch gebrochen. Die Ostjudenfrage muß von den deutschen Juden in verstehender Liebe und wahrhafter Brüderlichkeit gelöst werden, um diese arbeitswilligen Kräfte produktiv zu machen. Der Kampf um die Judenfrage ist da-s Schibboleth für die Kulturgeschichte der Völker -geworden. Der heutige Abend kann zum Ausgangspunkt gemeinsamer Friedensarbeit werden. — In der Diskussion lehnte Reverend'' Rüdnitz k y als Christ den Antisemitismus energisch ab. Leider hat sich der deutsche Geist von dieser Zeitkrankheit nicht frei gehalten. Eine Verschärfung der Berliner Wohnungsnot sei kaum -durch die Ostsuden erfolgt, von denen zehn in einem Zimmer vorliebnehimen, während die adligen Russen im Berliner Westen Zehnzimmerwohnungen gebrauchen. Der Antisemitismus ist die verkörperte Unwahrheit.— Dr. lodle erklärt, daß er lange Jahre ausgesprochener Antisemit gewesen sei, seine Anschauungen haben sich jedoch gewandelt, seitdem er in der Bodenreformbewegung Gelegenheit habe, mit vielen Juden zusaurlnen zu arbeiten. Diese Juden, die sich uneigennützig .einem idealen Ziel widmen, müsse er hochachten. — Frau S t dld h Wronsky hält die Feststellung, daß es einen christlichen Antisemitismus nicht gebe, für das wertvollste Ergebnis der Aussprache. Die Ostjudenfrage liegt anders, als sie von einigen Vorrednern dargestellt wurde. Es handelt sich keinesfalls nur um jüdische Flüchtlinge, sondern auch um viele jüdische Arbeiter, die von der deutschen Regierung zwangsweise hiech-ergebracht -wurden, -als das Hindenburg- Rüstnngsprogramm durchgesührt werden sollte, und um solche, deren Heimstätten von den 'deutschen Truppen zerstört wurden. Alle diese Vertriebenen wollen nicht schmarotzm, sondern arbeiten, Viele von ihnen sind als Bergarbeiter für den Wiederaufbau Deutschlands tätig; nur wenige von ihnen wollen dauernd in Deutschland bleiben. Sie warten auf die Ausreiseerlaubnis nach Palästina oder Amerika. Wenn sie im Ausland erzählen können, daß Deutschland ihnen aus ihrer Durchreise eine menschenwürdige Behandlung widmete, so wird das mehr zur Hebung des deutschen Namens im Auslande beitragen als die geschicktesten politischen Maßnahmen. Die Jugend wünscht