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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-29 · Heft 35 (29.10.1920) · p. Seite 399

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 35 (29.10.1920)
Date
1920-10-29
Page
Seite 399 (sequence 3)
Language
German
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399 Es ist «per -auH unverständig, wenn der Beschluß sagt: ,-Mit unseren christlichen Mitbürgern stehen wir auf dem Standpunkte, dqß die Religion der Schule erhalten bleiben wird (soll wohl heißen „muß"), und wünschen, daß auch der jüdische Religionsunterricht zu seinem Rechte komme." Von dem Standpunkte des alben Kaisers Wilhelm, der -den obigen Ausspruch getan hat, ,hie Religion muß der Schule erhallen bleiben", sind die Pädagogen- und Schulpolitiker aller Bekenntnisse schon längst abgerückt. Denn zu jener Zeit wurde eine religiöse Durchdringung s ä m t l i ch e r Lehrfächer und Unterrichtsgegenstände von der streng reaktionären Staatsregierung verlangt. . Wer teilt heute noch diesen Standpunkt? Nur der konfessionelle Religionsunterricht neben den anderen Unterrichtsfächern wird gegenwärtig selbst von den radikalsten Lehrervereinen gewünscht — von diesen freilich außerhalb der Schulzeit; die Anhänger der sogenannten weltlichen, d. h. religionslosen Schule wollen i m R a h m e n der S ch u l o r d nt u n g statt des Bekenntnis-nnterrichts -einen Moral- und einen religionsgeschichtkichen Unterricht. Sie verbieten indes keineswegs den Bekenntnisunterricht außerhalb der Schulzeit. Sie können ihn auch nicht auf Grund der bestehenden Gesetze und der bisherigen Ergebnisse.-der Reichsschulkonferenz, welche demnächst Gesetzesform finden wird, verbieten. Daran kann selbst nicht ein etwa gar jüdischer Oberstadtschulrat etwas ändern. Wenn die Protestler das nicht wissen, dann ist ihr Verhalten also mit Recht auch als „unverständlich" zu bezeichnen. Ebensowenig ist ihr Verhalten mit der Ehre unseres Glaubens zu vereinbaren. Unsere Bibel lehrt uns: ,-Zion ist auf Wahrheit und Gerechtigkeit erbaut!", und „Wahrheit und Gerechtigkeit sind die Stützen deines Thrones!" Diese Grundsätze verleugnendie Protestler, wenn sie erklären: „Mit unseren christlichen Mitbürgern stehen wir auf dem Standpunkte, daß der Schule die Religion erhalten blebben muß". Denn sie wissen sehr gut, wie. wir nachgewiesen haben, daß der größte Teil der christlichen Protestler sich keineswegs von der Sorge rmrr den Religionsunterricht der Jugend leiten ließ, als- -er gegen Dr. Löwenstein maßlos agitierte, sondern von ganz anderen Gründen, und daß er nur mit einem gewissen Rest von Schamgefühl diese Gründe nicht öffentlich angab, wie das die Deutschnationalen taten. Wenn unsere Protestler dieser Wahrheit gegenüber Vo-gelsbraußpolitik treiben, wenn sie den Eindruck erwecken wollten, als bedarf es noch einer besonderen ausdrücklichen Erklärung, -daß das Judentum nichts mit Dr. Löwenstein gemein habenwill, der doch sicherlich sich schon lange von unserer Glmrbensgemeinsch-ast innerlich und äußerlich losgesagt hat, dann ist ein solches Verhalten auch nicht mit der Wahrheits- und Gere-chtigkeits-lehr-e unseres Glaubens vereinbar, und sie haben damit gegen dieEhre unseresGlaubens gefehlt. Es ist aber zuletzt auch nicht mit der Mannesehre und der Maunes-würde vereinbar, sich jemand anbiedern zu wollen, der von ihm nichts wissen will. In dieser Lage befinden sich unsere Protestler. Unsere Gegner erklären: wir wollen Dr. Löwenstein nicht, weil er. Jude ist. Unsere Protestler erklären trotzdem: „Mit unseren christlichen Mitbürgern usw." Die Absicht der jüdischen Protestler ist wohl, gut gemeint, das geben wir gern zu. Sie -glaubten, durch ihr Vorgehen, -das sie in streng korrekter Weise nur im Namen „der jüdischen Religionsvereine der südwestlichen Vororte" und nicht als „Juden" schlechtweg beschritten, das Odium des politischen und des religiösen Umsturzes von dem Judentum abwälzen zu können. Das war ein Versuch mit untauglichen Mitteln. Denn unsere Gegner sind durch solche Mittel, wie unseren Protestlern ja zur Genüge bekannt sein dürfte, nicht zu bekehren, selbst wenn wir die Ehre unseres Glaubens und die Ehre aufrechter Männer opfern! Mochenlchsu. Berlin, 25. Oktober 1920. /*** n der preußischen LandesversanNnlung gelangte am H 19. d. M. die „große" Anfrage der Deutschn,ationalen über die Wahl des Dr. Löwen stein zunr Staidt^ schulrat für Groß-Berlin zur Besprechung. Die Deutschnationalen schickten als Redner den Abgeordneten Dr. Ritter vor, der unter großer Aufmerksamkeit des gut besuchten Hauses u. a. folgendes ausführte: Wir können es nicht billigen, wenn einem Inden die Erziehung deutscher Kinder anvertraut wird. (Sehr wahr! rechts.) In allen Schichten des Volkes, auch in Arbeiterkreisen, vollzieht sich eine Besinnung auf die Eigenart deutschen Volkstums. Diese deutsche Eigenart ist heute .ganz besonders' in Gefahr. Mahnend hat Fichte einst den Deutschen zuge rufen: „Wenn einem Volke idie äußere Freiheit genommen ist, -dann, muß es sich auf feine inneren Werte besinnen!" Wir wehren uns dagegen, wenn man eine Million -deutscher Kinder einem Manne auMesert. der seelisch gang anders gebaut ist. (Lebl)!afte Zustimmung rechts. Lärmende Zwischenrufe 'bei den Soz. und U. Soz.) Läßt es die Regierung! auf eine Machtprobe ankommen — aber sie drückt sich ja, wie die leere Ministerbank zeigt! —, so wird sie -aus eine geschlossene Front treffen. Sie sollte nicht mit dem Feuer spielen! (Lebhafter Beifall rechts. Zuruf links: Der Jude wird verbrannt!) Abg. Brückner (Soz.): Die Fragesteller verlangen die Versagung der Bestätigung. Bisher war es ein vornehmer Grundsatz der Rechtspflege, in ein schwebendes Verfahren nicht einzugreifen. (Stürmisches Gelächter.) Auch hier handelt es sich um ein schwebendes Verfahren, in das nicht eingegriffen werden dürfte. (Erneut schallendles Gelächter.) Sie von der rechten Seite haben.jeden Fortschritt verhindert und uns i n den Zusammenbruch hinein gerissen. (Großer Lärm.) Ein Volksentscheid darüber würde sehr 'unangenehm für Sie ansfallen. (Große Unruhe. Zurufe: Befragen Sie das' Volk über Löwenstein! Machen Sie es besser!) Wir sind auf dem Wege dazu. Wir richten uns nach dem Grundsatz: Freie Bahn dem Tüchtigen! (Gelächter!) Für die Besetzung von Posten muß Lebenserfahrung und Abgeklärtheit maßgebend sein. (Gelächter. Zuruf: Wandlungsfähigkeit!) Daß Löwenstein Jude ist, sollte für idie Konservativen kein Anlaß zum Einspruch sein, denn der Jude Stahl war der Begründer der konservativen Partei. (Unruhe rechts.) Denkönnen Sie nicht von ihren Rockschöhen abschütteln. Viele ihrer Anhänger nehmen ein Schicksal mit in Kauf, wenn sie ihr verrostetes Wappenschild mit jüdischem Golde auffrifchen können. Viele ihrer Freunde bedienen sich -auch jüdischer Rechtsanwälte, -um aus dem Schlamassel herauszukommen. (Unruhe und Heiterkeit.) Vergessen Sie doch als Christen nicht, daß nuchl das Jesuskind ein Judenkindwar. (Anhaltende große Unruhe rechts.) Comem-us, Pestalozzi und Salzmann waren keine Fachleute und sind doch -hervorragende Pädagogen gewesen., wenn ich.auch Löwenstein mit ihnen nicht in einem Atem nennen will. Abg. Hehr (Zentr.): Uns . stört an Löwenstein, daß er ein jüdischer Laie ist. Dabei liegeu uns.antisemitische Regungen völlig fern, zumall ja auch ait§ angesehensten jüdischen Kreisen Einspruch gegen Löwenstein erhoben . wird. Antisemitismus ist vollkommen sinnlos, zwecklos -und unmoralisch. Die Unabhängige Sozialdemokratie stellt aber nicht nur jüdische, sondern auch fremdländische Elemente heraus und muß.dadurch.unerhört lK rausfordern. Da soll man sich über die Hakenkreugl-erei nicht beschioeren. Die Judenheit mag sich dafür bei den Unabhängigen bedanken. Die Ernennung Löwensteins ist aber einfach .ein Gipset der Herausforderung. (Widerspruch bei den U. Soz,) Glauben Sie, daß beispielsweise an die Spitze des Bildungs'wefens in einem zionistischen Staate ein Christ gestellt werden könnte? (Große Heiterkeit.) Hat der Herr, mit dem wir uns hier beschäftigen, denn nicht selbst das Gefühl, daß er an den Unrechten Platz gestellt worden ist? Obendrein ist er noch ein Laie, trotzdem gerade .auf dem Gebiete des Schulwesens die Sozialdemokratie gegen Richtfachleute so äußerst empfindlich gewesen ist. Die Unabhängigen mach>en nicht die Bahn dem Tüchten, sondern dem Unabhängigen frei. (Große Heiterkeit. — Ruse links: Hermes!) Hermes ist Minister geworden., weil er etwas von der Sache versteht. (Stürmisches Gelächter links.) Im Falle Löwenstein handelt es sich mit einen Gewaltstreich der Unabhängigen. Die Wirkung wird in Süddeutschland. Schlesien und im Rheinlande nicht ausbleiben. (Lebhafter Beifall beim Zentrum und rechts.)

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