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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-29 · Heft 35 (29.10.1920) · p. Seite 398

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 35 (29.10.1920)
Date
1920-10-29
Page
Seite 398 (sequence 2)
Language
German
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disfidentischer, also religionsloser. Standpunkt die Anhänger der religionslosen Schule veranlaßt, ihn als Oberschulrat vorzuschlagen. Und von hier aus ist die Stellung der übrigen Kreise zu beleuchten und zu verstehen, die bei dieser Frage interessiert sind. 2, Die Berliner Bürgerschaft lehnt — bis auf die beiden sozialistischen Parteien — den Dr. Löwenstein als Oberschulrat mit größter Entschiedenheit ab. Zunächst, wie bereits oben bemerkt, aus politischen Gründen. Es ist nun interessant zu bemerken, wie die einzelnen politischen Parteien ihren Widerstand noch außerdem begründen. Die Demokraten bemängeln seine geringen praktischen Erfahrungen, die Deutsche Volkspartei und das Zentrum fürchten das Ende der Bekenntnisse, d. h. bei ihnen das der christlichen Schule, und die Deutschnationalen wollen selbstverständlich „ihre Kinder nicht einem Juden anvertrauen". Sie sind aber, wie wir nach unserer genauen Kenntnis der Verhältnisse leider seststellen müssen, die einzigen, die offen diesen Grund ihres Widerstandes angeben, denn die anderen Parteien lassen sich — trotz all ihrer lebhaften Versicherungen — im Grunde ihres Herzens bei ihrer Ablehnung auch nur von diesem Antisemitismus leiten, wenn sie auch öffentlich die gleichfalls von uns als triftig anzu erkenn enden Gründe: Mangel praktischer Erfahrung bei dem Kandidaten und die Ausschaltung jedes Religionsunterrichtes, die er ans sein Programm setzt, nennen. Die Demokraten unterscheiden sich hierbei nur dadurch von den Rechtsparteien, daß sie ihre christlichen demokratischen Gegenkandidaten Vorschlägen, während die letzteren wohlweislich ihre reaktionären Wünsche verschweigen. So ist die politische Frage — wie leider fast alle öffentlichen Fragen der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart —• bestimmt, als Rassen- oder Jndenfrage zu enden. 3. Das bedauerlichste aber ist. daß auch die Berliner Lehrerschaft, die bisher zum größten Teile frei von Antisemitismus war — wenn es auch seit kurzer Zeit einen wenig zahlreichen Deutschnationalen Lehrerbund gibt —, in der vom dem großen politisch und religiös neutralen Berliner Lehrerverein einberusenen Versammlung im Lehrervereinshause zur Erörterung der Oberschulratsfrage, bei der Debatte und durch antisemitische Zwischenrufe, nun Teil ihren bisherigen rein sachlichen Standpunkt verlassen hat. Der Berliner Lehrerverein war bisher sozusagen die Rathausuhr, nach welcher sich die deutsche Lehrerschaft in ihrer großen Mehrrahl gerichtet hat, und es ist leider zu befürchten, daß die Wirkung der unschönen Radauszenen in jener Versammlung aus die Berufsgenossen da draußen eine sehr unerwünschte sein werde, Dr, Löwenstein war ln korrekter Form zu einer Entwicklung seines Programms für jene Versammlung eingeladen. Das beweist die Objektivität des Berliner Lehrervereins, der streng nach dein Grundsätze: auäiatur et altera pars handelte. Weil aber der Vorstand nicht vermuten konnte, daß in einer Versammlung, die doch harlptsächlich für Berufsgenossen vorgesehen war, die also lediglich sachliche Verhandlungen erwarten ließ, mich Radauantisemiten erscheinen würden, die lediglich ihr Mütchen an dem Juden kühlen wollten, gab er keine Teilnehmerkarten aus. und so kam es zu Radau- und Tumultszenen, wie sie hier in einer Versammlung von Fachmännern noch nicht erlebt worden sind. Man muß dem Leiter der Versammlung strengste Objektivität und größtmögliche Energie nachrühmen, aber leider fand er bei einem Teile seiner eigenen Berufsgenossen, die unter der Suggestion der 9-adanantisemiten standen, nicht die nötige Unterstützung. Die Empörung der verständigeren Elemente der Lehrerschaft war selbstverständlich ob dieses Ausganges sehr groß. Eine Lehrerin, Fräulein Schneider, rief aus: „Und so etwas läßt inan ans die Jugend los!" Man vermutete, daß dieser Ausruf gegen Dr. Löwenstein gerichtet war. Doch die wackere Dame meldete sich auf Anfrage selbst? und, erklärtes daß sich ihre Empörung gegen einen neben ihr stehenden Berliner Lehrer richtete, der eine ganz pöbelhafte, antisemitische Beschimpfung Löwensteins dem Gehege feiner Lippen hatte entschlüpfen 'lassen!-Also auch hier die rein sachliche. Politische Angelegenheit zu einer häßlichen antisemitischen Raffenfrage erniedrigt!- III. Während wir also — und mit uns jeder unbefangene und verständige Glaubensgenosse — es mit aller Entschiedenheit ablehnen müssen, die Angelegenheit, die doch nur rein sachlicher und Politischer Natur ist, zu einer Sache des Judentums zu machen, haben es doch, wie die obige Zeitungsmeldnng besagt, Juden als solche fertig gebracht, Stellung dazu zu nehmen. Dieser Beschluß ist taktlos, unverständig und weder mit der Ehre unseres Glaubens »och mit der Ehre eines anfrechten Mannes vereinbar!- Der Beschluß dieser am 18. September abgehalteiv'n jüdischen Protestversammlung lautet: „Die jüdischen Religionsbereme von Friedenau, Steglitz, Lichterfelde, Zehlendorf, Lankwitz, Südende und Dahlem protestieren gegen die Wahl des Dr. Löwenstein zum Obersta-dtschulrat von Berlin aus religiösen Gründen. Mit unseren christlichen Mitbürgern stehen wir aus dem Standpunkte, daß die Religion der Sckiule erhalten bleiben wird, und wünschen, daß auch der jüdische Religionsunterricht zu seinem Rechte komme." Zunächst werden durch diesen Beschluß die Gegner zu der Frage veranlaßt: ..Weshalb protestiert nicht die übrige jüdische Bevölkerung Groß-Berlins gegen Dr. Löwensteins Wahl?" Sie ist also mit seiner Wahl einverstanden, weil er einer der Ihrigen ist. Da sieht man wieder das Judentum einträchtig mit den Umsturzparteien Hand in Hand arbeiten! Denn die wenigen Protestler der südwestkichen Vororte repräsentieren doch nicht das Groß-Berliner Judentum! Daß solche Bemerkungen von gegnerischer Seite nicht ausbleiben würden, konnten die Protestler bei einiger Ueberlegung voraussehen. Hätten sie aber auch Protest erhoben, wenn ein christlicher Unabhängiger, ein Vertreter der weltlichen, religionslosen Schule in Vorschlag gebracht worden wäre? Und wo blieben -diese Protestler, als in der Reichsschnlkonferenz. in den Parlamenten, in den Erlassen der höchsten Unterrichtsbehörden, in den- Fachvereinen, in Berliner -Stadtparlamenten und in verschiedenen Elternbeiräten die Zulassung weltlicher, religionsloser Schulen gefordert und ausgesprochen wurde? Die Rechtsparteien und das Zentrum erhoben damals energische Proteste; das Judentum als solches hat taktvoll geschwiegen und niemand hat daraus sein Einverständnis mit der Errichtung weltlicher Schulen gefolgert; d e n n d a s I u d e n t u m i st e b e n n u r ein Bekenntnis zur Religion, ohne jegliche politische oder sonstige Machtgelüste, es bedarf also keines besonderen Beschlusses und keiner ausdrücklichen Versicherung über seinen Inhalt. Wenn aber zufällig ein Mann von jüdischer Abstammung zum Oberstadtschulrat von Berlin- -gewählt werden soll, der für die religionslose Schule eintvitt, ein Mann, der nicht als Jude, sondern als hervorragendes Parteimitglied mit -diesem' Amte betraut werden soll, dann meinen die Protestler, von diesem Manne, der sein Judentum vielleicht längst als Ballast über Bordgeworfen hat, öffentlich abrücken zu müssen! -— Tun sie dabei etwas anderes als unsere Gegner, welche die rein politische und sachliche Frage zu einer religiösen und Rassensrage gemacht haben? — — Ei n solches Verhalten muß alsomitRech t -als taktlos bezeichnet werden!

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