Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-29 · Heft 35 (29.10.1920) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 35 (29.10.1920)
Date
1920-10-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229443-3229477--75994-3288540
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Berlin, 29. Oktober 1920 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. Abonneinents-Pre.is: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vo» orten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — .Postscheckkonto 32H. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin» Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße HK--V, ZU richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Glauben Zehre und Mannesehre (Um Löwenstein).. Von " **Uli* Hermamr Becke r (Berlin). — Woche ns ch a u. — Ein'e Gedächtnisfeier für Rudolf Mosse. — Die Generalversammlung des Hilfsvereins der Deutschen Juden.' (Bild Jakob H. Schiff). — Ein Mahnwmt an unsere-Frauen und Vlütter. Von Regina Neiße r (Breslau). — Geist und Judentum. Von Rabbiner Dr. Behrens (Göttingen). — Feuillet v n: Die Geschichte der armen Esther. Von Walter W v l f s. — L i t e r aris ch-e Mitteilung e n. ' Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Tho'rn, Posen, Breslau, Magdeburg, Bremerhaven, Duisburg. Münster, i. W.. Trier, Göteborg, Wien, Budapest. -— B v n N a h u n d F e r n. Glsubensehre und Msmiesrhre. (Am Löwenttkm.) Eine Lrage des jüdischen Taktes. Von Her m cnn Becker (Berlin). ie jüdischen Religionsveveine der südwestlichen Vororte Berlins lüden zu einer Protestversammlung gegen die Anstelümg Dr. Löwensteins znm Oberschulrat von Berlin Kn. I. So meldeten die Tageszeitungen. Unsere Leser kennen die Vorgeschichte. Die beiden sozialistischen Parteien, welche bei den letzten Stadtverordnetenwahlen die Majorität im roten Hause in Berlin erlangt haben, benutzen ihre Macht, um die für das neue Groß-Berlin vorgesehenen dreißig Stadtratsposten mit ihren Anhängern zu besetzen, ohne Rücksicht aus ihre Vorbildung, ihre praktische Berufsbetätigung und ohne Rücksichtnahme -auf die Ansprüche der anderen im Stadtparlament vertretenen politischen Parteien. Diese rücksichtslose Ausnutzung ihrer Macht hat nicht nur in der Stadtverordneteindersammlung, sondern auch in der Bürgerschaft Berlins, ja, weit darüber hinaus im ganzen Reiche dinen Sturm der Entrüstung entfacht. In Berlin selbst finden außerordentlich zahlreich besuchte Protestversammlungen, veranstaltet von den politischen Parteien, den Elternbeiräten und der Lehrerschaft, statt, die nicht gewillt sind, eiine solche Vergewaltigung der sozialistischen Parteien ruhig hinzunehmen. Schon wird mit einem Schulstreik der Eltern und der Lehrer gedroht, so daß selbst die Mehrheitssozialisten.' die bei der Nominierung des Dr. Löwenstein mit den Unabhängigen zusammengingen, einzusehen beginnen, sie könnten ihre bevorstehende RegierungSfähigkeit an der Spitze des Reiches in Gefahr bringen. So weit der politische und kommunale Streit, der das Judentum als. religiöse Gesamtheit eigentlich gar nicht interessiert. Was uns aber zwingt, zu dieser Angelegenheit Stellung zu nehmen, ist der Umstand, daß Dr. Löwenstein Jude ist oder mindestens von Juden abstammt, daß die Parteien — von den Deutschnationalen bis zu den Mehrheitssozialisten — die Frage der Befähigung und der politischen Parteistellung in den Hintergrund rücken und — zu einer „Judenfrage" machen, und endlich, daß ein Teil unserer Glaubensgenossen, wie die oben mitgeteilte Zeitungsnotiz zeigt, selbst sich gemüßigt sieht, diese Angelegenheit zu einer „Jndenfrage" zu gestalten. . Daraus ergibt sich also die Notwendigkeit, in einer jüdischen Zeitung diese Frage z» erörtern. II. Bei unserer Erörterung bedürfen folgende vier Punkte einer Klärung: 1. die Stellung der sozialistischen Parteien zu ihrem Kandidaten-, 2. die Stellung der Berliner Bürgerschaft, 3. die Stellung der Lehrerschaft, 4. die Stellung der jüdischen Bevölkerung zu dem Kandidaten. l. Me Mehrheitssozialisten sowohl als auch die Unabhängigen hoben Dr. Löwenstein auf den Schild, weil er ein reges und tätiges Mitglied der U. S. P. D. ist. Er hat Philosophie studiert, sich durch Vorträge bei den Bildnngsvevanftaltungen seiner Partei, besonders in ihren Jugendabteilungen, verdient gemacht, hat in dem Bund sozialistischer Lehrer, ja, sogar in einer Sektion des großen Berliner Lehrervereins sein Bildnngs- und Erziehungsprogramm entwickelt, das natürlich noch radikaler ist als das ohnedies schon von dem alten monarchistischen Programm weit abweichende der Reichsschnlkonserenz und der Schriften aus Lehrer- und Fachkreisen, welche aus den Ergebnissen der Konferenz entstanden find. Löwenstein und seine Partei vertreten die Forderung der sogenannten weltlichen, d. h. völlig religionslosen Schule, Erziehung der Schüler zu Kämpfern für die Verwirklichung der proletarischen Diktatur, überhaupt also nicht Menschenerziehung, sondern politische und Parteierziehnng; das ist sein Ideal und das seiner politischen Gesinnungsgenossen. Mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln setzen sichdie letzteren für ihren Kandidaten ein; in Versammlungen, Flugschriften, Parteizeitungen wird für ihn Stimmnng.gemacht; jeder Gegenkandidat — und wenn er ein noch so großes Ansehen in Fachkreisen genießt — wird grundsätzlich abgelehnt, ja, in den letzten Tagen winrden sogar Protestversammlungen anderer Parteien durch Sprengko^onnen der Unabhängigen, die selbst nicht vor Tätlichkeiten zurückschreckten, vereitelt. Und dies alles, obwohl seine Parteigenossen wissen, daß Löwenstein nicht die geringste praktische Erfahrung ans dem Gebietendes Dolksschulwesens hat und bei diesem Mangel chm die oberste Leitung des gesamten Schulwesens von- Groß-Berlin zum mindesten doch außerordentlich schwer fallen würde. Wenn die Unabhängigen, ebenso wie die Mehrheitssozialisten, an dem religiösen Bekenntnis Löwensteins oder gar an seiner jüdischen Abstammung keinen Anstoß nehmen, so stehen sie dabei ans dem Standpunkt ihres Parteiprogramms: Religion ist Privatsache. Für sie ist Ben nur die politische Befähigung entscheidend und sie nehmen ihre Führer dort, wo sie sie finden. Daß Dr. Löwenstein jüdischer Abstammung ist, darüber besteht keiin- Zweisel, nur sein religiöses Bekenntnis ist zweifelhaft. Er selbst soll sich als „Dissident" bezeichnen. Er wäre also danach ans dem Judentum aus-geschieden. Vielleicht hat gerade sein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.