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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-15 · Heft 34 (15.10.1920) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 34 (15.10.1920)
Date
1920-10-15
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Jeremias 31, Itz—:16 erinnert, nach welchem eine Stammutter ihre Stimme mit bitterlichem Weinen klagend erhebt, weil ihre Söhne das Heimatland verlassen mußten. Damals war das ganze Deutschland diese Mutter, die aber der Herr getröstet habe mit den Worten: „Es gibt einen Lohn für deine- Leistung, und es gibt eine Hoffnung für deine Zukunft; zurückkehren werden die Söhne w die Heimat." Und heute? Heute erwacht der Schmerz der Mütter und Väter, die den Verlust eines Sohnes zu 'beklagen haben, 'und er verdoppelt sich, der -ihr Wesen und Wirken in schlichter Weise schilderte, wurden noch Aber auch heute tröstet sie der Herr mit den Worten: „Es gibt einer» Lohn für. deine Leistung und eine Hoffnung für deine Zukunft." Nicht umsonst sind eure Söhne in den Tod gegangen, sondern für eine große heilige Idee, für die Idee der Gemeinschaft, die der Grundstern jern wird, auf welchem erne neue Zeit eine neue Gemeinschaft und eine neue Zukunft bauen wird. Das alte Deutschland ist trotz ausharrenoer Tapferkeit seiner Söhne zusammengebrochen, nachdem oas-Gefühl der Gemeinschaft zusammengebrochen war, aber die Idee wird es wieder ausricht-en, wenn wir Ueberlebende ungebrochen mit unserer Arbeit da wieder anknüpfen, wo das Leben unserer Helden abgerissen wurde, und die Fahne erheben, die ihren Händen entsunken, ore Fahne des Glaubens an die Joee der Gemeinschaft, welche die auw-auenoe straft sein wirü im Varerlanoe und in der Menschheit. Zn diesem Glauben weihen wir die Gedenktafeln an den Pforten unseres Heiligtums und übergeben sie ihrer.Bestimmung. Sie sollen erstens den spateren Gefchrechrern, die hiev Erbauung suchen werden, landen, daß 31 Söhne unferer Gemeinde getreu brs! in oen Tod ihre Pflicht im Dienste des Vaterlandes erfüllt haben; sie sollen ferner Zeugnis ab legen gegen die Verlästerer und Verleumder unserer Gtaubensgem-ernbe, die zu behaupten wagen, daß wir Jfraeliten unsere Pflicht gegen das Vaterland nicht voll und ganz erfaur hatten, und sie sollen endlich dre Lebenden der Zukunft mahnen und ermuntern, das flüchtige Dasein ernzusetzen für die ewig unvergänglichen Guter der Menschheit. In üiejem Glauben grüßen wlr die Geister der Heldensohne unserer Gemeinde, die als solche zuructgetehrt sind in unsere Mitte, mit Trauer und Wehmut, aber auch nr.lt Dankbarkeit utinio Ehr furchst Auf «den Tafeln unseres Herzens weroen ihre Namen tief emgegraben fortleben, auf den Gedenktafeln unferes Gotteshauses mögen ihre Namen .leuchten und glänzen zur Ehre und Lehre, zum Segen für und für! St. Ulm, 8. Oktober. Hier verschied vor kurzem Frau Berta Hell mann, eine Frau, deren Lebenslauf sich in den einen Satz zusammenfassen läßt: Sie schritt durch das Leven, überall Wohltaten spendend. Frau Berta Hellmann geb. Ehrenbacher kam aus dem Lande der gigantesten Ideen, wo sie am 19. Mai 1861 zu San Francisco .geboren wurde. Mit acht Jahren wurde sie nach Nürnberg gebracht, und mit 19 Jahren verheiratete sie sich mit dem Bankier Hellmann nach Mm a. d>. D. Bald wurde sie da der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens und verwendete von Anfang an ihren Einfluß im Dienste der öffentlichen Wohlfahrt. Mit viel Smn für Musik und Literatur hat sie die ersten I Künstler nach Ulmgebracht und die Einnahmen «der Vorstellungen I den Bedürftigen zugeführt. Die durch Frau Hellmann veranlaßten Kurse über Kunstgeschichte, fremde Sprachen, Volkswirtschaftslehre, Malerei usw. wuroen sehc zahlreich besucht, namentlich seitens der weiblichen Jugend. Wo sie eingrisf, da war nicht der Name allein, der die Ehrenstelle ausfüllte, da war auch die volle Kraft ihrer unentwegt jugendlichen. Pevsönkichkeit, die die Arbeit auisführte. Dabei spendete auf diskreteste Art die eine Hand, ohne daß es die andere wußte, und beide Hände schufen. Die Mitglieder des Vereins für we-Mirche Angestellte verehrten in ihr voll Dankbarkeit eine treue Gonnerin. Schon 1883 wirkte Frau Berka Hellmann in der Krippe und im Verern für verwahrloste Kinder, später in der Suppenspeisung und anderen volkstümlichen Wohlfahrtseinrichtungen Ulms. Seit zehn Jahren war sie erste Vorsitzende des Vereins Frauenbiloung — Frauenstudium .in Ulm, dem sie so recht ihr ureigenes mdiviouelles Gepräge gab. Durch, einen durch sie gegründeten Sti- Penoienfonds können jährlich sechs junge Studierende, gleichviel sür .welchen Berus, unterstützt werden. Wie weit sich die Tätigkeit dieser Frau ausbreitete, zeigt am besten die große Zahl der Vereinigungen, in denen sie leitend wirkte. Als der Krieg ausbrach, hat Frau Hellmann auch ihrerseits die ihr zu Gebote stehenden Kräfte mobilisiert. Am 3. August 1914 .hat sie die Bahnhofspflege mit 170 Damen und Herren begonnen. Auf der bedeutenden Durchgangs- ' .^ ~ ' stativu Ulm wurde unseren tupfe:m Kriegern unendlich viel Gutes geboten und den Verwundetet! und Kranken manche Erleichterung oerschasst. Die Hochachtung und Wertschätzung, die diese Frau sich hier erworben hat und die so zu einem Kiddusch Hchchem wurde, kam auch bei «der Beerdigung zum Ausdruck. Wenn auch >in aller Stille, so haben es sich -ihre Freunde und Freundinnen, ihre Mitarbeiter und Verehrer nicht nehmen lassen, ihr den letzten Gruß zu zollen. Nach der Ansprache von Rabbiner Dr. St c aß b u r g e r , indem wir fragen: Wofür haben sie ihre blühende Jugend geopfert? Kränze niedergelegt mit rührenden Worten im Aufträge des Vereins ,.Fraueubitduug — Frauenstudium" und.der „Bähnhofspflege". Trotzdem ihr Wirkenimmer au? interkonfessionellem Boden sich bewegte, betvnte sie stets ihre ZugDhörWeit zu unserer Gemeinschaft und hat so den Namen «ihrer Gemeinschaft zu Ehren gebracht. Ehre fei auch ihrem Andenken! <r/D Cannstatt, 8. Oktober. Eine wehmutsvolle, ernste und erhebende Feier fand kürzlich in der Kapelle des Israelitischen Friedhofes aus der Staigstatt. Sie galt der Einweihung der aus dein Ertrag freiwilliger Spenden errichteten Gedenktafel für die im Weltkriege -gefallenen Söhne der Israelitischen Kirchen gemeinde Cannstatt. An Stelle des früheren hölzernen- Altars der Friedhofskapelle ist ein solcher aus Stein erstellt worden, dessen Vorderseite die Inschrift tragt: „Ach, wie sind sie gefallen, -die Helden! 2. Sam. 1. In treuer Pfiichterfüllun-g starbenfür ihr deutsches Vaterland 1914—1918." Dann i'olgen die Flamen der Gefallenen. T-ie Idee des in einfachen, aber edlen Formen gehaltenen Denkmals stammt von Kirchenvorsteher Ri a h er, entworfen wurde es von Architekt W. Strauß und ausgeführt von der Firma W. Wacker lt it d Söhn e in Untertürkheim. Bei der Feier waren anwesend die Angehörigen der Gefallenen, Mitglieder der Gemeinde, Vertreter der Reichswehr, der Stadtverwaltung und der höheren Schulen Cannstatts. Die Rede des Herrn Lehrer Adler war umrahmt von Gesängen des Synagogenchors: „lieber den Sternen, da wohnet Gottes Frieden" und „Mag auch die Liebe weinen". Ter Redner fand treffliche Worte des Dankes für die auf dem Felde der Ehre Gefallenen. Diese Tafel soll ein sichtbares Zeichen ehrenden und dankbaren Gedenkens von ewiger Dauer sein. An. Stelle des am Erscheinen verhinderten Oberbürgermeisters sprach Stadtrat Kaut er er im Namen der Stadtgemeinde Worte herzlichsten Dankes dafür, daß auch die Israelitische. Kirchengemeinde ihr vollgerüttelt Maß beigetragen habe zu den vielen Opfern des unseligen Weltkrieges, und daß -auch die israelityche Jugend, flammend vor Begeisterung, hinausgezogen sei zum Schutz von Elternhaus, Gemeinde und Vaterland. Im Namen der Reichswehr rief ein Ossizier den tapferen, gefallenen Kameraden -ein letztes Lebewohl nach mit dem Wunsche, die auf der Ehrentafel Verzeichn-eten mögen für die Heranwachsende Jugend ein aufmunterndes Beispiel und Vorbild werden. Mit einem Gebet an dem Grabe eines Gefallenen schloß die weihevolle Stunde. Holland. S£2 den Haag, im Oktober. Bei keiner früheren Tagung haben die Aufgaben und die Stellung des Jüdischen Nationalfonds einen derart breiten Raum eingenommen wie bei den Verhandlungen m London. Der Jahreskonferenz gingen zunächst mehrere Direkt o r i u in s s i tz u n g e n voraus, die sich mit einer Reihe aktueller Fragen befaßten und sie einer glücklichen Lösung zusührten. Diesen Sitzungen wohnte als Vertreter der Zionistischen Kommission in Pawftma Herr Ingenieur U f ■]; i f ch t i n bei. Hervorzuheben -ist de c Abschluß von Bodenkäufen zwecks Arrondierung jüdischer Siedlungen, wodurch sich der Grundbesitz des Jüdischen Nationalsonds um 5200 Dunam vermehrt hat. Ferner ist aus dem Arbeiterheimstättensonds für die Errichtung von Arbeiterf a m i l i e n h ä u s e r n in einer Je me n i t e n k o l o n i e ein Betrag von 8000 Pfund bewilligt worden. Gleichwie bei den früheren größeren Tagungen wurde auf Einladung der National Commission for England vor der Jahreskonferenz eine Versammlung der Vertrauensmänner und Freunde des Jüdischen Nationalfonos, die als Delegierte gekommen waren, in der Memorial Hall abgehalten. In den von der Jahreskonferenz eingesetzten Palästinakommissionen (Kolonisation und Finanzen) waren die Verhandlungen über die Rolle des Jüdischen Nationalsonds besonders interessant. In der Palastinakommissivn standen sich zwei Richtungen schroff gegenüber. Eine vornehmlich von den Arbeiterparteiien vertretene Richtung forderte die NatiouaMerung des gesäurten von Juden

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