Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 34 (15.10.1920)
- Date
- 1920-10-15
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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erworbenen und.zu erwerbeude-n Bodens un-t-or absoluter Ausschaltung jeden privcrtell jüdischen Grunderwerbes. Die zweite Richtung erklärte sich im Prinzip gleichfalls für die Ueberführung des. gesamter: von Juden zu erwerbenden Bodens in das Gemeineigentum des jüdischen Volkes. Sie vertraten aber den Standpunkt, däß mit Rücklicht darauf, daß der Jüdische Natio-nalfonds nicht imstande.sein würde, schon in den nächsten Jahren die erforderlichen großen Kapitalien für den Erwerb des gesamten von Juden zu besiedelnden Landes aufzubringen, so müsse im Interesse der raschen Sicherung einer jüdischen Majorität in Palästina dem Privatkapital die Möglichkeit zu Bodenkäufen gewährt werden. Demgegenüber argumentierte die radikale Richtung wie folgt: Alle Erfahrungen der bisherigen Kolonisation haben gezeigt, daß Kolonisten, die sowohl den Boden wie die übrigen zur Ansiedlung nötigen Vermögensteile zu Eigentum haben, nicht selbst arbeiten wollen oder können. Sie beschäftigen Lohnarbeiter, und da jüdische landwirtschaftliche Lohnarbeiter nicht vorhanden sind — landwirtschaftliche Lohnarbeiter sind auch bei anderen vorgeschrittenen Völkern immer weniger Zu haben —, |o kommt die aus Lohnarbeit ausgebaute Kolonisation letzten Endes auf eine Kolonisierung von A r a b e r n u n d nicht von Juden hinaus. Also das heißt, einer kleinen Anzahl jüdischer Kolonisten steht eine erdrückende Anzahl arabischer Lohnarbeiter und damit eine wachsende Majorität von Arabern gegenüber. Wenn das jüdische Volk sich über diese Konsequenzen vollständig klar sein rvürde, werde es die erforderlichen großen Mittel für den Erwerb des gesamten Bodens dem Jüdischen Natwnalfonds zusühren. Einen weiteren Punkt der Diskussion bildete die Frage, ob der Jüdische Nationalfonds sich auf den Erwerb des landwirtschaftlichen Bodens beschranken oder auch die Ueberführung des städtischen Bodens m das Eigentum der Gemeinschast ermöglichen soll. Es wurde daraus hiiigewiesen, daß die bisherige Methode, Tel Awiw usw., es den N-euantommenden immer mehr erschwere, zu einer eigenen Hermjlatte auf jüdischem Boden zu gelangen. Wenn der stets größer werdenden, Bodenspekulation in den Städten wirksam entgegengearbeitet werden soll, jo könnte dies nur auf dem Wege des Erwerbes des städtischen Bodens durch den Jüdischen Nationalfonds und seiner Vergebung im Erbbaurecht geschehen. Bei diesem erhalten die Siedler das volle Eigentum an dem von ihnen erbauten vause, während sie für den Boden eine gerechte Pacht zu zahlen haben. Diese Auseinandersetzung, die viele Sitzungen der Palastinawmmission in Anspruch nahm, fand ihre Fortsetzung und einen Höhepunkt im Plenum der Jahrestonferenz. Die Debatte dauerte einen ganzen Tag und gestaltete sich geradezu leidenschaftlich bei der namentlichen Abstimmung über den radikalen Minoritatsantrag, der niit 135 gegen 77 Stimmen abgelehnt wurde. Hingegen sind die Anträge der Palästinakommission zur Bodenpolitik einstimmig annoniilien worden. Von Mah unv Lern. Das Jüdische Arbeitsamt schreibt uns: Um eine engere Fühlungnahme aller Stellen und Organisationen, die in der ostü'lbischen Flüchtlingsfürsorge, Arbeitsbeschaffung, Emigration usw. mti'g sind, herbeizu führen, wird die regelmäßige Herausgabe eines „Korrespondenzblattes" geplant. Es sollen Situatio-nsberichte aus allen Landest eilen, besonders den Grenzbezirken im Osten und .Westen, Arbeitsmöglichkettenim. In- und Auslände, Berichte über jüdische Genossenschaften, Mitteilungen neuer Verfügungen, Ersah rungen im Verkehrmit Behörden und Konsulaten, Statistik und anderes gebracht werden. Alle jüdischen Organisationen und Vereine, die Informationen zur Verfügung stellen können oder das „Korrespondenzblatt" beziehen wollen, werden um umgehende Adressenangabe gebeten an das Jüdische Arbeitsamt, Berli-n N 24, Monbijouplatz 1. — Der Verband Berlin der „Genossenschaft freiwilliger Krauten Pfleger", der während des Krieges 4315 für den Heimat-- und Etappendienst des Roten Kreuzes bestimmte Krankenpfleger urnfaßt hat, veröffentlicht in feinen Oktober-Mitteilungen. (2. Jahrgang, Nr. 1) eine Statistik nach „konsefsionellen" Gesichtspunkten Danach waren von den Krankenpslogern 33 71 evangelifch, 328 tatholisch, 440 jüdisch und 176 religionslos oder unbekannt. —- Der bedeutende Rechtsphilosoph. Dr. Fritz B e r o> l z h e im e r ist im Alter von 51 Jahren gestorben. — Max B r u ch, der- Komponist des Kol-Nidre, ist im Alter von 82 Jahren verschieden. Er war Ehrensenato.r der Akademie der Künste, Ehrendoktor 'der Universitäten Cambridge und Breslau. — Nach langem schweren Leiden ist am 13. b. M. Justizrat Isidor Chohke, früher Rechtsanwalt und Notar zu Magdeburg, im- Alter - von 64 Jahren verschieden. — Man schreibt uns. aus Breslau: Nach längerem Leiden verstarb jüngst im 64. Lebensjahre der hiesige Rechtsanwalt und Notar: . Justizrat Dr. Georg Kemp euer. Der Dahi-ngeschiedene. entstammte einer angesehenen Breslauer Familie und zählte selber mit den scharfsinnigsten Juristen seiner Vaterstadt. Politisch w-av er ein treuer Anhänger 'der Demoikrati-schen Partei, für die er auch öffentlich in Versammlungen und Vereinen warm em-trat. Als Vorsitzender des- Untevstützungsvereins der Kempener wirkte er -ebenfalls ersprießlich. — Herr Rabbiner Dr. Ro sen w asser in Labischin ist - vom Bunde gesetzestreu-er jüdischer Gemeinden Deutschlands nach Halberstadt berufen worden. Bei seinem Abschied von der Gemeinde Labischin hat er dem Gemeindevorstand 500 Mark überreicht als Grundstock einer Nertamid-Stiffung. Die Stiftung soll seinen Namen dauernd in 'der 'Gemeinde erhalten, und deren Zinsen zur Unterhaltung des Nertamid verwendet werden. — Die Hauptversammlung!des Deutschen Mon-i-ftenib-undes, die am 6. September ln Weimar tagte, streifte in ihrer Stellungnahme zur P-olttik auch die Judenfrage. Als ein''Rückfall in die traurigste Ku-lturibarbarei wurde der Antisemikismius bekämpft und die Beseitigung aller R-asses,ragen gefordert. Aus Lehe (Ostsr-iesland) wird geschrieben,: Ter „Resümierte Bund" hielt hiev seine diesjährige Tagung unter großer Beteiligung aus ganz Deutschland ab. Der Tagung ging ein Ferienkursus voran, in dessen Verlaus Lizentiat Neuster aus Siegen die Frage der Stellung des „Reformierten' Bundes" zum Alten Testament und zum Judentum behandelte. Der Referent forderte unter allgemeiner Zustimmung -der Versammlung die Ablehnung der vera-llgememernden Rassenhetze. Die einzig mögliche Stellungnahme des reformierten Chr-rsten zum Ju'd-entum sei durch die Stellung Christi jedem Christen ver-gezelchnet. — Eine Gedenktafel für die im- Weltwiege Gefallenen -aus der -Synagoge ngom>eun de Hamborn a. Rh-, wurde mit entsprechender Feier in der dortigen Synagoge enthüllt. — Aus Stuttgart wird uns geschrieben: StabtravvmevProfessorDr. Ro jenzweig wirb im tommendenWmterhatchahr 1020/21 an der hiejigen Volkshochschule eine Vortrags-- reihe über jüdische Ethik Hallen. Unseres Wrssens ist esder erste Fall, daß solche Vorträge an einer deutschen Volkshochschule elngerlchtet lv-er-oen-; diej-e .Eanführung ist um so bemerrenswerrer, -citö Stuttgart seit der Revolutwn einen Alittelpunbt für die antisemitische Hetze bildere. — In -Amsterdam verschieb vor einigen W-uchen -oer wohlbetannte hollanbhche Nta-ler Ebuarb Frankjur t. 3m Veiie,in zahlreicher namhafter Maler und Künstler wurde der Verblichene aus dem jüblschen Friedhof -in Amsterdam zur letzten Stiche bestattet. — Ans Sarajewo w-:vb uns .geichrvebe-n: AulapUch des offlzlellen Besuches des pr'mzregenten Alexander von Jugoslawien vn Sarajewo wurde den Overrabbinern der fephardrschen und der aschkenasrschen Kultusgemeinde, den Herren Dr. L-evi und Dr. Weszel, der Sv.Ea.v-a-Or0en verstehen, welcher denselben oenn ts-alaoiner vom Präsidenten der Landesreglerung für Bosnien uno der Herzegown-na angeheftet wurde. Die große Judenfreundtichteit des Prinzregenten ist zur Genüge betann-r. — Wie uns nntgeteilt wird, hat der Lberravbmer von Frantreich Israel Lev i einen ^I^^merzlich,en Verlust erlitten. Einen Tag nach dem Verjöhnungsfest verichied seine Gattin nach einer Krankheit, an der sie schon mehrere Ntonate gelitten hatte. Ntadame Israel Lev i, die sich allgemeiner BeliebchM und Achtung zu erfreuen hatte, -war eine Tochter des verstorbenen Rabbiners Zadoc Kah n, des Vorgängers ihres Gatten. — Aus New-Gort wird gemeldet: Im Testament Jarob Schiffs werden 1850 000 Dollar für wohltätige Zwecke ausgesetzt, darunter 300 000 Dollar zur Erforschung der Taubheit und 250 000 Dollar (nach dem heutigfLN Stand der Mark etwa 16 Millionen Mark D. Red.) für das Jüdische Waisenhaus in Frankfurt a. M., das schon wiederholt von Schiff bedacht worden ist. Infolge des erst letzten Donnerstag beendeten Streikes im Zeitungsgewerbe kann diese Nummer vor Dienstag, dem 19. v. M., nicht zur Ausgabe gelangen. Die Nummer 35 der „Allg. Ztg. des Judentums" erscheint am Freitag, den 29. Oktober._ Verantwortlicher Redakteur: AlbertKatzin Berlin-Pankow, Florastratze SS. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Zunge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Mofse.