Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 34 (15.10.1920)
- Date
- 1920-10-15
- Page
- Seite 396 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229476--75988-3288533- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
396 Lesers. Ter Verfasser versucht da nämlich den Nachweis zu führen, daß die Engländer die Zionisten betrügen wollen, oder besser^ sie schonbetrogen hätten, und daß die zionistischen Führer mit offer-en Augen ihnen in die Falle gegangen wären . . . Juden werden in Palästina . systematisch von jedem Amte ferngeh alten. Tie Polizisten im jüdischen Stadtviertel von Jaffa Ulliren zwar Inden, ständen aber unter Führung von Arabern. Auch dürften sie das jüdische Abzeichen, den Magen- Tavid. nicht tragen. Alle speziellen Jndensteuern werden zwar nach wie vor entrichtet, werden jedoch --- wie früher im zariswen Rußland -- für allgenieine Zwecke verwendet. Ferner weiß es die Okkupationsbehörde Planvoll zu verhindern, daß größere Unternehmungen, im Falle sie ihren Besitzer wechseln, in jüdische Hände gelangten. Eine genaue Schilderung des von den englischen Militärbehörden inszenierten dreitägigen Judenkrawalts in Jerusalem vom 4. bis 6. April dieses Jahres vervollständigt das Bild vom enalisckeii Judenhaß. Tas den Zionisten zugesagte Palästina ist bereits wesentlich verkleinert worden und bildet nur noch einen Zipfel des einstigen Landes Israel. Nach Norden reicht es nicht mehr 'bis zu den drei Jordansquellen am ßermon, sondern nur noch bis zum Tiberiassee, nach Osten wird es vom Jordan begrenzt. Alles übrige ist den Franzosen oder dem famosen König voll Hedschas zugefallen. ''Als Gegenstück zum gegenwärtigen Verhalten der Engländer teilt der Verfasser ein- Rundschreiben des französischen Kommissars Pichenau vom 2. April 1917 mit, das folgenden Wortlaut hatte: „Beim Betreten Palästinas loerdet ihr auf zahlreiche jüdische Ansiedelungen stoßen. Ihnen muß sofort umfassender Schutz gewährt werden, indem ihnen völlige lokale Selbstverwaltung und starke Teilnahme an der allgemeinen Landesverwaltung gewährt werden. Es ist euch wohl bekannt, daß eine gute Behandlung dieser Kolonisten den besten Eindruck auf ihre Glaubensgenossen nicht nur in den Verbündeten Ländern, sondern auch in denen der Feinde macken wird. Es liegt daher in unserem Interesse, allen Inden die starke Ueberzengnng, beizubringen, daß die Bundesgenossen mit dem Laude, in welchem die Väter der heutigen Juden Jahrtausende gelebt haben und lmchwelchem dereinst vielleicht ihre Kinder zurückkehren werden, die besten Absichiten haben." Hier also ist der Ursprung der nachmaligen Balfours-chen Teklarativn zu suchen. Tie Entente hat es eben weit besser als die Zentralmächte verstanden, in der Welt Sympathien zu erwerben. Nun aber ist das Ziel erreicht, und Herr Everlin ist der Ansicht, die Engländer denken daran, von den Zionisten allmählich wieder abzurücken . . . Tas einzige Gegenmittel gegen diese Gefahr sieht der Verfasser im internationalen Sozialismus und irn russischen Bolschewismus. Beide werden zugleich mit dem Kapitalismus auch dem englischen Imperium beit Hals brechen. Und dann . . . o dann wird nicksts mehr im Wege stehen, den Inden Palästina zum dauernden Wohnsitz zu überweisen. Hierauf verliert sich der Verfasser ins Uferlose, wohin wir ihm nicht weiter folgen wollen. A. T u r o f f. * -- C h a i m 91 n tf) m fl n Bialik: Gedichte. Ans dem Hebräischen übertragen von Louis Weinberg. Berlin, Welt-Berlag. Es ist schwer, Lieder in einer anderen Sprache klingend zu machen, und doch ist dies Weinberg mit seiner Uebersetzung der Bialikschen Gedichte gelungen. Jauchzendes, jubelndes Leben, Liebesleid, Liebessreude und tiefste Traurigkeit wehen uns aus ihnen entgegen, Volkstum, aus dessen Urkraft ein Tichter spricht! Wie verwehen vor diesen Liedern die Worte von der Müdigkeit des Judentums: nein, voll Jugend ist es auch heute noch nach vielen tausend Jahren! Bialik ist zweifellos einer der größten Dichter der Gegenwart überhaupt, nicht nur einer der größten jüdischen. Was uns bei ihm so ganz besonders auffällt, ist sein tiefes Na tu verleben. Ob es der Frühling, ob es des Sommers Gluthitze oder der Winter ist, er versteht es, sie alle plastisch vor unseren Augen zu formen und sie uns lebendig zu machen. — Zu den schönsten Tönen aber erhebt sich sein Lied, wenn er vom Schicksal des jüdischen Volkes spricht, wenn er vom Unglück des Galuth redet. Des Wanderns tausend Jahr, ein Galuth — ach, so schwer. Hat irrgeführt das Herz, beraubt der Wehr. Es küßt die Peitsche. — Fühlt es nicht der Schande Pein? Oh, kann's nur unter Geißelhieben schrein? Aber nicht in Verzweiflung klingt das Lied aus, nein, in der Bejahung der Volkskraft, wenn es heißt: „Und wenn das Schofar bläst, das Wunder sich erhebt, Wird dann der Tote wach? — Der Tote lebt!" Müssen wir nicht bei jedem Buche, das von den Ostjuden zu uns herüberkommt, eigentlich immer wieder empfinden, daß sie die Reicheren sind, und nicht wir Westjuden, die wir uns auf unsere Kultur doch — ach — so viel einbilden? Nur vom. Osten her kann die Erneuerung des Judentums -ausgehen; das spricht zu uns aus den Gedichten Bialiks. Dr. Willy E o h n. ★ -- Z u f a l l o d e r Schickung? Erzählungen von H. Eiustädter. Verlag von Sänger u. Friedberg, Frankfurt a. M. 1920. (Preis gebunden 8 Mark.) Trotz des Titels „Zufall oder Schickung?" will der Verfasser die jungen Leser davon überzeugen, daß die in seinem Buche erzählten Geschehnisse nicht auf Zufall beruhen, sondern daß Gottes gütige Vorsehung in das Menschenschicksal eingreift und den nach altheiligen Ueberlieferungen Lebenden aus allem Ungemach errettet und einem glücklichen Ziele zuführt. Gleichzeitig läßt der Verfasser die jüdische Jugend einen Blick tun in die Seligkeit und Trautheit frommen israelitischen Familienlebens, das, wie aus allen Schilderungen hervorgeht, reichen Ersatz bietet für die nichtigen und flitterhasten Freuden einer anders gearteten Welt. Legt der Verfasser Wert darauf, die in streng konservativem Milieu sich bewegenden Erzählungen, über die die Werturteile je nach dem religiösen oder literarischen Standpunkt auseinandergehen werden, einem größeren, des Hebräischen weniger kundigen Leserkreis fruchtbringend zu machen, dann wird er bei einer Neuauflage gewiß öfters vorkommende Ausdrücke wie „Esches chajil", „Serniraus", „Jaum kippur kotaun", „Schowowim tat", „Scheni wochamischi scheni", „Plündertanis" (?) durch kurze Erläuterungen dem Verständnis nahezubringen suchen. — Die vierte Erzählung kann ohne Schaden für das Büch fortbleiben oder durch eine geeignetere ersetzt werden. Tr. David Hart m a n n. * — Jahr b u ch für jüdische Ge s ch i d] t c u n d Literatur 1 9 2 0. Berlin 1920, M. Poppelauer. 8°. 145 -j- 28 Seiten. Unter der Not und Teuerung dev Zeit hat noch mehv als die allgemeine Wissenschaft die jüdische zu leiden, und dennoch bemüht sie sich, der ihr gestellten Aufgabe nach Möglichkeit gerecht zu werden. Davon legt neben anderen Neuerscheinungen auch das neue Jahrbuch Zeugnis ab, das zur üblichen Zeit, wenn auch in geringerem Umfang und in bescheidener Ausstattung, erscheint. Der Rückblick von Landau und die literarische Rundschau von Bernfeld mußten diesmal möglichst knapp gehalten werden, erfüllen aber auch in dieser kurzen Ausführung ihren Zweck. An wissenschaftlichen Beiträgen sind nur zu nennen: eine sehr instruktive Abhaudlung von Gunkel über die Entstehung der Psalmen, ein vor mehreren Jahren gehaltener Vortrag von Salseld, der Bilder aus der Geschichte der deutschen Juden bringt, und eine Betrachtung über jüdische Kultur von Cäsar Seligmann. Die Belletristik ist mit einem kurzen Schauspiel „Kaddisch" von Meisels vertreten. Tas Wichtigste bieten wie immer die Mitteilungen über die Tätigkeit der einzelnen Literaturvereine. Sie zeigen, daß trotz aller Schwierigkeiten der feste Wille zur Arbeit vorhanden ist, und an einzelnen kleineren Plätzen regen sich sogar Ansätze zu neuem Leben. Doch darf uns dies nicht darüber hinwegtäuschen, daß in der Zukunft, in der die Teuerung der Verkehrsmittel wie auch von Licht und Kohle noch fühlbarer sein wird, die Tätigkeit der Literaturvereine noch mehr gefährdet ist. Aber wenn sie nur festen Willen haben, werden sie diese bittere Uebergangszeit überstehen, auch wenn sie ihre Tätigkeit auf die eifrige Benutzung der auch an kleinen Orten recht umfangreichen Bibliotheken beschränken. Insterburg. Rabbiner Dr. N e u f e l d. * Wir werden um den Abdruck folgender Notiz gebeten: In Hermann Cohens „Religion der Vernunft, aus den Quellen des Judentums", ist folgende Umstellung notwendig. Das Motto muß heißen: Heil euch, Israel, vor wem reiniget ihr euch und wer reinigt euch: es ist euer Vater im Himmel. Demgemäß ist auch, S. 263 zu berichtigen. Die Schicksale des posthum erschienenen Werkes machten einen solchen Fehler möglich.