Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 34 (15.10.1920)
- Date
- 1920-10-15
- Page
- Seite 394 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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394 Den hatte Maische Finkelkraut samt dem hölzernen Hause, das nur aus dem Erdgeschoß bestand, von seinen Eltern — sie ruhen nun schon lange am guten Ort — Gott soll ihnen lassen ihre Ruh'! — geerbt und mehr schlecht als recht weiter- ^oführt. Denn die Kundschaft war gering und einen Laden im Innern der Stadt hätte er nicht zu bezahlen vermocht; dazu hätte auch ein Unternehmungsgeist gehört, der ihm nicht gegeben war. Es reichte nur immer gerade zum Nötigsten. Am meisten verdiente er noch auf den: Markt, der alle Vormittage abgehalten wurde. Und wahrend er da hinter dem Brettertisch stand und nicht müde wurde, der Menge von Käufern, Gaffern und Bummlern sein: „Was koift der Herr?" je nachdem auf Jiddisch, Polnisch, Russisch und nun auch auf Hochdeutsch zuzurufen, saß hinter der Theke im Laden die Esther, sein einziges Kind Augen hatte sie wie ihre Mutter selig, aber auch deren blasses Gesicht und das gleiche schwache Herz, an dem die Mutter, kaum 24 Jahre alt, gestorben war, als Esther, die Tochter, eben 7 Jahre zählte. An Moische Finkelkrauts Haus, in dem Esther geboren und groß geworden war, vorbei führte die Gasse — Lange Straße hieß sie ja mm --- zu den drei Windmühlen, die, grau und schmutzig vom Atter und von so vieler Jahreszeiten Wechsel, zwischen den dazu gehörigen niedrigen Anwesen standen wie Glucken inmitten einer sich ängstlich um die Mutter sammelnden Küchleinschar. Sonst lagen nur Scheunen und Schuppen regellos hier und da in den Feldern. In denen waren jetzt deutsche Soldaten mit verschnürten Röcken, hohen, sporenklirrenden Stiefeln und schief aufs Ohr gesetzten Mützen samt ihren Pferden untergebracht. Wie im allgemeinen alle ihres Stammes, so hatte auch Esther kein ausgeprägtes Empfinden für die Natur und ihre Schönheit, für Spaziergehen und Jm-freien-Felde-sitzen. Wenn sie auf die Gasse gehen mußte, um dies und das zu kaufen, dann tat sie es eilig, ins Umschlagetuch gewickelt; oder sie setzte sich, ein frühernstes Kind, im Sommer zu den Frauen vor die Ladentüren. Rur zu den Windmühlen, wo entfernte Verwandte von ihr uwhnten, war sie gern gegangen, und immer hatte es sich wie Beklemmung um ihr Herz gelegt, wenn sie von dieser flachen, ganz allmählich ansteigenden Kuppe, die nur wenige Bieter höher war als das übrige Land, die unendliche Weite ringsum betrachtete. Im Sommer wogteit Wiesen, Aecker und Weiden leise im Winde oder verbrannten still und unbeweglich unter der Sonne Glut. Im Winter funkelte das weite Land von Millionen Edelsteinen in der Sonne; zur Stunde der Dämmerung aber bekam die eintönig weiße Flüche bläuliche Schatten, und der tief hera'bhängende, bleigraue Himmel verschwamm in naher Ferne schon mit der Erde. Besonders an dieser blauen Stunde hatte sie wie eine wehmütige Freude. Aber sie sah das gleichsam unbewußt und gab sich selbst keine Rechenschaft darüber. Nun konnte sie nicht mehr zu den Windmühlen gehen. Tenn die Soldaten, deren Behausungen und Ställe zwischen ihres Vaters Laden und dem Hügel lagen, waren wild und roh. Riesige Gäule hatten sie, viel größere, gewaltigere als die Pferdchen hierzulande; die ließen sie frei herumlaufen oder nahmen sie an eine lange Leine und jagten sie im Kreise herum, oder sie setzten sich auf ihren Rücken und rissen den Pferden den Kopf zurück, daß sie hinten ausschlugen oder um sich bissen. Es war schrecklich anzusehen. Esther hätte Angst, wenn die Soldaten vorbeiritten, und drückte sich in den hintersten Winkel ihres Ladens. Am Abend kamen die Soldaten oft genug einzeln, paarweise oder in Gruppen in Moische Finkelkrauts Kramladen und kauften allerlei. Sie hatten grobe, schmutzige Hände, richtige Bauernfäuste und griffen nach Esther oder sagten ihr Sachen, die sie nicht verstand, aber sehr wohl begriff. Ihrem fünfzehnjährigen Empfinden ekelte vor den täppischen Zudringlichkeiten; aber sie mußte weiter lächeln und freundlich sein, wie sie es gewöhnt war, wenn die polnischen Bauern kamen, die auch nicht fein in Form und Sitte waren. Sie dachte heute noch mit Schrecken daran, wie sie einmal trotz der Einquartierung zu den Mühlen hatte gehen wollen und ein Soldat ihr den Weg vertrat, ein paar Worte sagte, die ihrer eigenen Sprache ähnlich klangen, mit polnischen Brocken vermischt. Und als sie ausweichen wollte, hatte er sie einfach zu packen gekriegt, ihr die Arme festgehalten, ihr den Kopf nach hinten gebogen — schon sah sie das rote Ge- - sicht iriit dem struppigen Schnauz'bart dicht vor sich und wußte: jetzt, jetzt wird der große, wilde Goj — der Goj! —- deinen Mund beschmutzen da hörte sie mit einem Male einen Ruf, scharf wie ein Peitschenhieb— der Riese ließ sie los, fuhr herum — und schon jagte sie dem väterlichen Laden wieder zu. Und von dem, der sie gerettet hatte, war ihr nur im Gedächtnis geblieben, daß er auch ein Soldat war, aber eine andere Uniform als den Schnürrock trug, daß ein dichter, blonder Bart die Hälfte seines Gesichtes verdeckte, und daß er die große, runde Brille der deutschen Soldaten trug. Immer und immer wieder fuhr sie zu Hause über die beinahe beschmutzten Lippen, als müsse sie die Schmach abwaschen. Esther schämte sich. * Wochen waren vergangen. Da sah sie zufällig einen Soldaten die Gasse herunterkommen. Sie erkannte ihn gleich wieder: Es war ihr Retter. Sie trat vor den Laden, wollte ihm danken — er aber sah sie stehen —- und ging in gleichmäßigem Schritte gleichgültig an ihr vorüber.' Da begriff sie, daß er sich ihrer gar nicht erinnerte. Er hatte den Vorfall, der für sie ein noch nach Wochen nachwirkendes Erlebnis bedeutete, wohl längst vergessen. Ebenso gleichgültig kam er nach einer Weile wieder zurück. (Fortsetzung - folgt.) Literarische Mitteilungen. — M e n s ch h ei t s w e r t e und Völkerbund. Fünf Preisende iten von Neinhold Schmidt, Felix Halle, August Messer, L. Barthel und Emil Cohn. Herausgegeben von der Moritz-Mannheimer-Stistung der Großloge für Deutschland. Preis 18,— Mark. Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., Gotha. Unbeirrt von. der mißleiteten Taigesmeinung hat die Grohloge für Deutschland des U. O. B. B. während der Kriegsjahre ihre Pflicht gegenüber dem Vaterland darin erblickt, immer wieder ihre Stimme für die Einheit der menschlichen Gesellschaft zu erheben. Aus den von ihr seit 1914 veranstalteten Preisausschreiben ist eine Reihe in ihrem Wert erst allmählich erkannter Arbeiten aus der Feder vortrefflicher Menschen hervorgegangen, wie „Menschenliebe, Gerechtigkeit und Duldsamkeit als Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft". „Friedenspflichten des einzelnen" und „Friedenspslichten der Nationen". Das Thema des vorliegenden Preisausschreibens, das im Sommer 1918 gestellt wurde, lautete: „Welche Werte der Welt lassen eine gemeinschaftliche Verwaltung durch die Gesamtheit der Völker zu und ist diese gemeinsame Verwaltung geeignet, die Zwecke von Menschenliebe, Gerechtigkeit und Duldsamkeit durchzusühren?" Zwischen Niederschrift und Herausgabe der fünf Abhandlungen liegen die Revolution und Versailles. Die gestellte Frage aber und ihre verschiedenen Lösungen sind so belangreiche weisen so stark in die Zukunft, greisen :n die gerade jetzt besonders lebhafte internationale Debatte so glücklich ein, daß die Veröffentlichung der Antworten heute fast noch gebotener erscheint als vor zwei Jahren. Die Ausführungen, der einzelnen Verfasser, die ganz unabhängig voneinander zu der Frage Stellung genommen haben, geben interessante Variationen des