Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 34 (15.10.1920)
- Date
- 1920-10-15
- Page
- Seite 393 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Mögen sich Leute finden, die die Ausgabe seines reichhaltigen Nachlasses, insbesondere die Vervollständigung der erschienenen Fragmente, fördern und unterstützen, damit wenigstens ein SESeil der Geistesarbeit dieses seltenen Mannes der Nachwelt erhalten bleibe. All denen aber, die das Glück hatten, mit ihm in persönlichem Verkehr zu stehen, wird er stets als Vorbild eines Gelehrten erscheinen, der sein Leben dem Studium der Thora opferte. Bon ihm gilt daher das Wort des Kohelet: Sich ist der Schlaf des Tätigen. cd. £. Lun? als Politiker und Polemiker. Von Dr. S. Aschner. /X roste Gelehrte sind immer streitbar gewesen. Denn der Dienst an der Wahrheit erfordert wie der des Soldaten Mut. Da ist es nun hocherfreulich, bah unsere klassischen jüdischen Gelehrten uns hierin mit mannhaftem Beispiel vorangegangen, und in diesen dunklen Zeiten, wo sich wieder die Hamans besonders keck mit „großen Täuschungen" hervorwagen, tut es besonders gut, den Schatten unseres großen Zunz anszurusen. Schon 1830 trat er gegen Chiarini („Theorie du Judaisme") in die Schranken, überlegen und mit blanker Ironie, wie sie sein Streitgenosse Gabriel Rießcr so trefflich zu führen wußte, doch mit reicherem Rüstzeug der Gelehrsamkeit. Chiarini hatte in höherem Auftrag.der russischen Regierung ein Reformwerk für die Verfassung der Ostjuden ausgearbeitet, wohlgesinnt, wie es scheint, aber voller Irrtum und schädlichen Vorurteils, immer noch von Eisenmenger belehrt, wie er's in unserer Zeit zweifelsohne von Delitzsch wäre. Ausgezeichnet wird nun der gute Abbe von Zunz in seine Schranken zurückgewiesen und gegenüber dessen Reform von außen und oben die Emanzipation von innen und unten empfohlen. Besonders wacker verteidigt er den Talmud und weist dem Gegner seine dünkelhafte Ignoranz nach. Die Blutlüge, die bei Chiarini nur gelegentlich fpukt, erhob sich in ganzer furchtbarer Scheußlichkeit zehn Jahre später in Syrien und forderte ihre Opfer. Man kennt die Umtriebe des französischen „Hamcm" Ratti Menton aus Heines pittoresken Lutezia-Berichten (Nr. 6, 7, 9 11, 14, 17). Zunz redet sehr anschaulich von der hierbei von den Antisemiten in Betrieb gesetzten „Höllenmaschine" der Lüge und Verdrehung in seinem von M. Steinschneider edierten Aufsatz „Damaskus" und zeigt, wie alt und mittelalterlich diese Maschine schon ist, gegen die seit Abarbanell bis Mendelssohn, Cremieux, Weil die markantesten Männer ausgetreten, von christlicher Seite Luther und der redliche Wagenfeil (1705). Der Schluß der Broschüre nimmt einen geradezu machtvollen, hinreißenden, prophetischen Schwung und endet mit dem markigen Ruf: „Ich fordere volles Recht!" In die Zeit der Bismarckischen Aera, wo der Liberalismus im schwersten Kamps um seine Existenz stand, führen uns Zunzens Berliner Bezirksvereinsreden „Revolution" (vom 5. Juli 1865) und „Selbstregierung" (vom 4. Oktober 1864), die heute wieder recht aktuell sind, während er in der „Geistigen Gesundheit" (am 17. März 1864) sein populärphilosophisches Talent zeigt. In der „Revolution" entwickelt er das Gesetz des Umsturzes und bekennt sich tapfer zum Rxcht der Empörung wider alles Morsche und Tyrannische, gegen Junker- und Pfaffendespotismus. Denn sonst „müßten wir noch heute Hexen verbrennen". Revolution ist das Mittel zu Recht und Fortschritt, sie ist der Wellenschlag der Weltgeschichte, die Flut nach der Ebbe des Völkerlebens. Herrlich seine religiöse Zuversicht dabei: „Die großen Gedanken siegen immer." Wunderbar sein Prophetenblick, der im Jahre 1865 schon das Jahr 1918/19 erschaut: „Die Bewegung von 1789 ist noch nicht zu Ende." Eine Weltrevolution wird kommen, um den Rechtsstaat der Selbstregierung in ganz Europa einzuführen. Die Revolution wird erst nach dem Endsieg der Demokratie geschlossen sein. Zwischendurch köstliche Blüten trocknen, ironischen, handfesten Humors, der das Kernige und Männliche seiner Natur im schönen Licht zeigt, etwa wenn er über das Duellunwesen bemerkt: „Manche glauben heute noch, daß Recht und Wahrheit sich beweisen lassen, wenn man dem Gegner eine Kugel in den Leib schießt." In „Selbstregierung" geht er vom englischen Self-Government und vom deutschen Gedanken der „Selbsttätigkeit" (bei Kant. Humboldt u. a.) aus. Im Leben des einzelnen und des Staates herrscht dasselbe moralische Prinzip der Selbstbestimmung. Diese aber erfordert Wissen, Wollen und Tun. Im Staat ist daher Bevormundung, woher sie auch kommen möge, das Urübel, das die Bürger wie indische Bonzen nötigt, „nur die eigene Nase anzusehen". Das jetzige Geschlecht, das unter Bismarcks Kürassierstiefel sich, duckte, muß sich und der Zukunft, damit schließt er, Mündigkeit und Selbstregierung erobern. In den „Deutschen Briefen" 1872 eröffnet Zunz endlich noch mit köstlich frischem Humor in Schopenhauers oder Wustmanns Weise eine noch heute recht lesbare Polemik gegen den Zeitungsstil. Hier lernen wir ihn als Deutschen und als Germanisten schätzen, der die deutsche Literatur kundig überblickt und vom Geist Jakob Grimms angeweht ist. Er wehrt sich gegen Purismus und Fremdwörterei und fegt unverdrossen und herzhaft den Augiasstall der deutschen Sprache. Nicht immer können wir ihm hierbei folgen, da er manchmal die Sprache doch wohl zu schulmeisterlich abkanzelt. Wörter wie jedweder sind z. B. schon im 13. Jahrhundert gut deutsch gcwesen, was Zunz wohl nicht wußte. Das Ganze ist indessen so kenntnisreich, kernig, witzig und kurzweilig, offenbart eine so edle, liberale, weltfluge Gesinnung, daß man Zunz allein schon dieser Briese wegen liebgewinnen und nicht nur als großen jüdischen Apologeten — fallen doch auch hier scharfe Worte gegen den Antisemitismus —, sondern auch als hervorragenden deutschen Stilisten und Patrioten anerkennen muß, wenn anders unsere Germanisten überhaupt jüdische Schriftsteller nach solchen Gesichtspunkten zu beurteilen sich herabzulassen belieben würden. Dir Grlchichte der armen Ltther. (1 FE Von Walter Wolfs. (Nachdruck verboten., ud eines Tages kamen sie angefahren mit kleinen hölzernen Brettern, jedes vier Hände lang, zwei Hände hoch. Einen ganzen Wagen voll hatten sie davon. Die nagelten sie an die Häuser; vier an jede Straßnecke. Sie fingen am Rynek an — der hieß fortan „Markt"; hängten sie auf in der Prostaja Ulica, der Lubelska Ulica, der Krywaja Ulica — da wurden eine „Gericht"-, eine „von-Mackensen"-, eine „Lomazyer" Straße daraus. „Kirch"-Straße hieß fortan die Kirolowaskaja Ulica, „Fleischer"-Straße die Jadkowa Ulica, „Töpfer"- Straße die Gorczarskaja Ulica. Eine der letzten Tafeln hingen sie in der Miendzhrceca Ulica auf, da, wo die äußersten Häuser stehen, dicht am Windmühlenberge, gerade gegenüber von Moische Finkelkrauts Krambude. Nun hing die Dasel da in ihrer aufdringlichen Neuheit, und Moische Finkelkraut las und las und wurde doch nicht klug aus dieser neuen Zeit. „Lange Straße" stand darauf geschrieben. Und als er genug gelesen hatte, stieß er einen tiefen Seufzer aus. „Was kenn' mer mache? 's is Krieg!" Und mit dieser weisen Erkenntnis trat er zurück in den Laden.