Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 34 (15.10.1920)
- Date
- 1920-10-15
- Page
- Seite 392 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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ab, vor den Augen des Lesers die im Laufe der Jahrhunderte von Staub und Schutt verschüttete Quelle erst aufzudecken, was oft mit einem erstaunlichen Scharfsinn zu geschehen pflegte. So kommt es, daß die Noten oft den Text überwuchern, daß die Gedanken, die bei diesem geistreichen Manne oft die Erzeuger neuer anderer Gedanken wurden, schließlich ganze „Kolonien" neben ihrem Mutterlande, dem Texte, bilden mußten und sehr oft auch dort anzutrefsen sind, wo man sie am wenigsten sucht. Um das Gesagte nur an einem Beispiele zu illustrieren! In der erwähnten Einleitung zum genannten Buche werden in einem Abschnitte sämtliche Talmudstellen aufgeführt und beleuchtet, wo mnemotechnische Hilfsmittel zur Einprägung der Hälachoth (D’flD’D) Vorkommen, und in einem der nächsten Kapitel wird ein äußerst wichtiges und sehr schwieriges Responsum eines Gaon über die Entwicklung der mündlichen Ueberlieferung abgedruckt und kommentiert. Dies gilt auch für alle seine späteren Werke. Hier sind auch schon die charakteristischen Eigentümlichkeiten Albecks zu erkennen, die er später bis zur Virtuosität steigerte. Er war kein Philologe. Auch das Hebräische, das er wie nur wenige zu meistern verstand und in einem mustergültigen Stile schrieb, hat er nicht sprachwissenschaftlich getrieben. Und doch war ec imstande, die schwierigsten aramäischen Ausdrücke in den gaonäischen Responsen zu erklären, mit Hilfe inhaltlich verwandter Wörter, die er aus den entlegensten Stellen der Literatur hervorholte und zum Vergleiche heranzog. Schreiber dieser Zeilen konnte oft von ihm ohne sprachwissenschaftliche Vergleiche nur aus der einen Sprache selbst abgeleitete hebräische und aramäische Etymologien hören, die er aber dann von Zunftphilologen in entlegenen und Albeck auch unzugänglichen Zeitschriften bestätigt fand. So war es Albeck nicht möglich, bei der Fülle seines Wissens sich selbst Schranken aufzuerlegen, und er kam auch kurz nach Erscheinen seiner ersten Schrift zur Einsicht, daß er nicht aus jenem Teige sei, aus dem man Popularschriftsteller knetet. Er wandte sich nunmehr seiner eigentlichen Lebensaufgabe zu: Bausteine für Kommentatoren, Historiker usw. zu liefern. Er gab das wichtige Halacha-Werk „Eben Haefer" des R. Elieser den Natan aus Mainz, kurz „Raban" genannt, heraus und versah es mit einemg!lV'22rrgenannten Kommentare und einergroßen Einleitung über das Leben der meisten Tossafisten, der Zeitgenossen des „Raban". In seinem Kommentare begnügte sich Albeck nicht mit dem bloßen Quellennachweise, sondern er suchte die Entwicklung der späteren Halacha zu verfolgen, wobei er auch einem Eingehen auf die Primärquellen, wie Mischna, Sifra, Sifre, Mechilta usw., nicht aus dem Wege ging. Dadurch kehrte Albeck zu jenem Punkte zurück, von dem er eigentlich ausging: zum Studium unserer ältesten hebräischen Quellen. Schon in seiner Jugend, in einem Alter, das Westeuropäern unglaubhaft erscheinen mag, in seinem sechzehnten Lebensjahre, studierte er den Sifre und schrieb zu ihm einen Kommentar, den er „Newe Schalom" betitelte. Es war dies sein erstes und leider auch letztes Werk, das er in ruhigen, sorgenlosen Verhältnissen abzufasien vermochte. Er war damals bereits verheiratet, und es wurde ihm, wie früher üblich war, von seinem Schwiegervater der gänzliche Lebensunterhalt gewährt. So konnte er sich alle alten Drucke und Kommentare zum Sifre anschafsen, und auch eine Abschrift des handschriftlichen Kommentars des R. Hillel, eines Tossafisten, ließ er durch Vermittlung des Rabbinowitz, des bekannten Verfassers der „Variaelectiones" zum Talmud, für sich anfertigen. Trotzdem beabsichtigte er nie — in weiser Selbsterkenntnis und in Erwägung der frühen Abfassungszeit — diesen seinen Kommentar der Oeffentlichkeit zu übergeben. Ebensowenig seinen späteren schon unter vielen materiellen Sorgen und größtenteils in Nachtarbeit angefertigten Kommentar zum - „Sefer Hachastdim" des R. Jehuda Hachafid. Diese sollten nach seinem Wunsche nie das Licht der Welt erblicken. Mit der Edition des „Raban" trat ein Stillstand in Albecks Schaffen ein. Unglückliche materielle Verhältnisse und andere Umstände haben diesem sonst so regsamen Geiste die Freude am Schaffen verleidet, und es bedurfte erst eines äußeren Anlasses, um ihn wieder anzuspornen und für die Wisiensckiaft zu gewinnen. Dieser fand sich in seiner Entdeckung über den „Sefer Haeschkol", der von Dr. Auerbach herausgegeben wurde. Albeck fand nämlich, daß diese Ausgabe nicht das Original, sondern eine spätere Bearbeitung darstelle, und er hielt es sür seine Pflicht, die Gelehrtenwelt, die dieses Werk sehr oft benutzte, auf diese Tatsache aufmerksam zu machen. Dabei aber nahm er sich, bei seiner temperamentvollen Natur, kein Blatt vor den Mund und sprach von Fälschungen usw. in ganz unerfahrener und undiplomatischer Weise. Dieser Umstand trug dazu bei, daß das rein literarische Problem in ein persönliches und in eine Familienangelegenheit verwandelt wurde, wodurch Albeck äußerlich auch den kürzeren zog. Das letzte Wort konnte er nicht behalten, da die Zeitungen, in denen er angegriffen wurde, sich seinen Entgegnungen völlig verschlossen und es ihm widerstrebte, den Streit auch auf solche Zeitungen und Zeitschriften auszudehnen,, die neutral waren und über die Sache nichts veröffentlichten. Er entschloß sich daher seinerseits den Kamps — den er nur in einer Broschüre: ->212 ^>12V8N »Die Wahrheit über die Eschkol-Ausgäbe" usw. ausfocht—abzubrechen und sich aus das Literarische zu beschränken. Er begann mit einer Neuausgabe des aus zwei Handschriften und hütete sich, in seinen Noten auch nur mit einem Worte der früheren Ausgabe und dessen Herausgebers Erwähnung zu tun. Doch das fruchtete nichts. Er blieb zeitlebens in dieser Hinsicht verfolgt, und die vollständige Neuausgabe des „Eschkol", die er in rastloser Arbeit fertigstellte, wurde hintertrieben. Er zog sich erbittert und voller Abscheu zurück und lebte fortan seinen Studien. Mehrere Werke, deren Plan er schon früher entworfen hatte, konnte er vollenden, darunter ein ausgezeichnetes Werk über die Gaonim, in dem auch die Art der Benutzung des Talmud jeruschalmi von denselben eine eingehende Behandlung erfährt. Veröffentlicht hat er aber seitdem nichts. Nur einen Aufsatz für die Festschrift zum 70. Geburtstage seines Freundes Israel Le> y in Breslau, an dessen Seite er auch die ewige Ruhe fand, steuerte er bei. Darin wird nachgewiesen, daß für viele Sammlungen der Responsen der Gaonim sowie für manche gelegentliche Anführungen aus denselben das „Sefer Haitim" als Quelle anzusehen ist. Erft kurz vor Ausbruch des Krieges trat Albeck mit der Ankündigung einer größeren Arbeit in der Oeffentlichkeit auf. Es erging nämlich an ihn die ehrenvolle Einladung einer Petersburger Gesellschaft, einen wissenschaftlichen Kommentar zum Talmud zu schreiben, nebst einer vollständigen Quellenangabe und einem Variantenapparate. Albeck stimmte freudig zu und gab auch bald darauf ein Probeheft heraus. Inzwischen brach der Krieg aus, und unter so vielem Wertvollen hat er auch diesen Plan zerstört und vernichtet. Als Frucht davon sind nur ein Kommentar zu Berachot und Vorarbeiten zu Sabbat, die Albeck hinterließ, zu betrachten. An dieser Arbeit hing er auch bis zu seinem letzten Atemzuge mit ganzer Seele, und auch der Abschied von diesem für ihn so kummervollen und schmerzensreichen Leben würde ihm nicht schwer fallen, wenn er nicht vom Bewußtsein gequält worden wäre, daß er noch so manches der Welt geben könnte. Denn wie einst R. Elieser könnte er von sich sagen, daß mit ihm eine Thora zu Grabe getragen wurde.