Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 34 (15.10.1920)
- Date
- 1920-10-15
- Page
- Seite 391 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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391 Rein zählt zurzeit zu Len einflußreichsten Vertretern der Herbartschen Philosophie. Der Philosoph Herbart (geb. 1776 in Oldenburg, gest. 1841 in Göttingen) ist der einzige Denker, der das ganze Gewicht seiner theoretischen und moralischen Lehren auf die Pädagogik einwirken ließ und sie zu einem wissenschaftlichen System ausbaute. Der Zweck der Erziehung, den er aus dem Wesendes Menschen ableitete, ist nach ihm Charakterstärke der Sittlichkeit. Mache, sagt Herbart, daß der Zögling sich selbst finde, als wählend das Gute, als verwerfend das Böse; dies oder nichts ist Charakterbildung. Wer denkt da nicht an das Bichlwort: Siehe, ich lege dir heute vor: das Leben und das Gute, den Tod und das Böse (Deut. 30. 10), und aweiner anderen Stelle: Wähle das Leben! Der Wille zum Guten macht das Wesen des Menschen ans; so soll der Zögling aus bie Stufe reiner Humanitä t g ehoben werden. Während nun Hevbart das edle Menschentum als BilduNgsideal aufstellt, vertreten seine Schüler unter der Führung Z i l l e r s einen engherzig konfessionellen Standpunkt, der darin gipfelt, daß die sittlichen Ideen „lohne die Plötze liche Offenbarung des Christentums in ihrer Reinheit und Vollständigkeit den Menschen gar nicht bewußt geworden wären". Rein wandelt in den Bahnen der Hevbart-Zillerschen Pädagogik. Nach unserer Ueberzeugung würde die Rückkehr zu Herbart einen Fortschritt be-' deuten. Es ist tief bedauerlich, daß das Judentum durch die Zillersche Richtung keine vorurteilslose Würdigung erfährt. Um so bedauerlicher, als ein großer Teil der deutschen Lehrerschaft in Zillers Auffassung befangen ist. Der Grundsatz: Nulla salus extra ecclesiam (fein Heil außer der christlichen Kirche) widerspricht der Idee reiner Humanität, wie sie Herbart betont. Reins Gesinnung zeigt sich in seiner Stellungnahme zu Chamberlain. Diesen geborenen Engländer und zur getretenen Schriftsteller bezeichnet Rein als „getreuen Ekkart unseres Volkes" und knüpft daran die Mahnung: „Sein (Chamberlains) Beispiel sollte unter uns Deutschen reiche Nachahmung finden" (siehe „Vierteljahrsschrift für philosophische Pädagogik", 3. Jahrg. 1919/20. Heft 1, S. 52). Der Himmel möge uns davor bewahren! Vergegenwärtigen wir uns Chamberlains sinn- und wertlosen, öden, dogmatischen Nationalismus, wie ihn Bruno Bauch, Professor an der Universität Jena, in derselben Zeitschrift Heft 4 Jhrg. H 1918/19 S. 257, geißelt, so müssen wir zu der Ueberzeugung kommen, daß diese Godankenrichtung mit dem Begriff der Charakterbildung, den Herbart „auf die Schulfahne schrieb" (Rein) und dessen Ethik, die die Grundlage des freien Menschentums bildet, in krassem Widerspruch steht. Es müßte Rein klar sein, daß das nationalistische Treiben, das Chamberlain repräsentiert, nie und nimmer den Aufstieg des zu Boden gestreckten deutschen Vaterlandes fördern kann, sondern tiefer in den Abgrund führt. Vereint mit diesem nationalistischen Treibern ist der wüste Antisemitismus *). Professor Baentsch in Jena bespricht Chamberlains Werk „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" in der Schrift: „H. St. Chamberlains Vorstellungen über die Religion der Semiten" (Langensalza 1905) und führt u. a. aus, daß sich bei Chamberlain Aeuherungen finden, „die auf jeder antisemitischen Radauversammlung Furore machen würden". Es gehört ein Wagemut dazu, Chamberlain als getreuen Ekkart unseres Volkes der Nachahmung würdig zu empfehlen. Wie weit ab hat sich Rein von Herbarts Ethik entfernt! Schließlich sei daran erinnert, daß der unvergeßliche Professor Lazarus, Anhänger und Fortbildner der Herbartschen Philosophie, bei Enthüllung des Herbart-Denkmals in Oldenburg 1876 die Weiherede gehalten hat. Schalom fllbrth l. fl. D' Scdalom Albeck!>eb. 15. Sch'bat 5618 (1S57) in Marschau, gest. 3 August 1920in Breslau deutschen Nation überle jüdische Wissenschaft hat einen großen Verlust zu beklagen: Rabbi Schalom Albeck verschied am 3. August, nach langem, schwerem Leiden im 63. Lebensjahre in Breslau und wurde daselbst am 5. August zu Grabe getragen. Er war einer jener Gelehrten, den viele kennen, aber nur wenige lesen. Er hat auch für das große Publikum nicht schreiben wollen, nicht schreiben können. An einem Versuche dazu hat es zwar auch bei ihm nicht gefehlt. In seiner ersten Schrift in welcher er in alphabetischer Reihenfolge das Lebensbild unserer Tannaiten und Amoräer quellenmäßig zu zeichnen begann, befleißigte er sich einer populären Darstellung und eines leicht verständlichen klafsischen Stiles. In einer großangelegten Einleitung suchte er auch den Nachweis zu erbringen, daß die alten Quellen ohne Kenntnis der Lebensweise und des Lebenslaufes der Gelehrten nicht erschlossen werden können, und er hoffte so einen größeren Leserkreis für seine Schrift zu gewinnen. Vergebens! Die Gunst des großen Publikums blieb ihm von Anfang an versagt. DaS war natürlich und konnte auch nicht anders kommen. Denn nicht Geschichte im landläufigen Sinne hat Albeck geschrieben. Er gab sich nicht den Anschein des Historikers, dem die intimsten Geheimnisse der von ihm beschriebenen Persönlichkeiten — fast möchte man „Opfer" sagen — nicht verborgen blieben und der ihren Lebenslauf mit allem Drum und Dran lückenlos zu orakeln vermag. Vielmehr suchte Albeck seinen Leser selbst an die Quelle zu führen, ja er mühte sich *) Rein müßte wissen, daß der Antisemitismus, Glaubens- und Raffenhaß, nie als Frucht einer harmonischen Bildung gelten darf, wie sie Herbart anstrebt.