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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-15 · Heft 34 (15.10.1920) · p. Seite 390

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 34 (15.10.1920)
Date
1920-10-15
Page
Seite 390 (sequence 6)
Language
German
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390 Lin deuttchnationaler Führer gegen den putLkmitismus. Von Sanitätsrat Dr. Scherbe! (Lisfa i. P.). dam Röder ist ein Führer der Deutfchnation al e n V o l k s p ar t ei. Er rühmt sich dessen, daß er ill den Wahlaufruf dieser Partei eigenmächtig das Bekenntnis zur Monarchie hineingeschrieben habe, das darin fehlte. Er ist aber nicht nur überzeugter Monarchist, sondern auch überzeugter Christ. Ihm ist die christliche Religion nicht eine Religion unter vielen, sondern d i e Religion. Er will die positive religiöse Gestaltung der deutschen Kulturpolitik, eine Politik des Rechts, der Gerechtigkeit und der Liebe in der inneren wie in der äußeren Politik. Er ist ein Mann voll Freimut, der gegen den Militarismus, den ostelbischen Leutnantsgeist, den westelbischen Großkapitalismus und Industrialismus eifert. In -»einem neuesten Buche*) zeigt er sich aber auch sonst als ein Mann, der seine eigenen Wege geht und vor allem scharf von dem Antisemitismus abrückt, den gewisse andere deutschnationale Führer so kurzsichtig in einem Augenblicke schüren, in dem Deutschland mehr wie ie die innere Geschlossenheit und die Zusammenfassung aller erhaltenden Volkskräfte zu seinem nationalen und wirtschaftlichen Wiederaufbau gebraucht. Adam Röder ist frei von der Verallgemeinerungssucht, die man sonst so vielfach findet, wenn es sich um Juden und Judentum handelt. Wie er Friedrich Julius Stahl — „von Geburt Jude, liorribile dictu" — als einen der feinsten und tiefsten staatsmännischen Köpfe und als den Begründer des wahren Konservatismus feiert, so sagt er von Karl Marx: „Es geht nicht an, den Forscher mit dem Schlagwort „Judentum" abzutun. Seine praktische Arbeit auf Sichtung des ganzen industriekapitalistischen Materials muß hoch bewertet werden. Marx lieferte die erste brauchbare Monographie des Kapitalismus. Der vornehme Jude der Vergangenheit und der Gegenwart hat ein starkes soziales Empfinden — geboren aus dem Gefühl des gesellschaftlich nicht für voll Genommenen —, das so stark werden kann, daß es das rationelle Denken überwuchert und auf falsche Bahnen führt. Marx untersuchte die kapitalistische Betriebsweise in England und kam zu der Meinung, daß ihre innere Organisation autonom zur Auspowerung der Massen führen müsse. Das war ein falscher Schluß. Die Tatsachen haben gezeigt, daß rücksichtsloser industrialistischer Kapitalismus n i ch t Verarmung, wohl aber ein Heer unselbständiger Arbeiter schafft. Wird dieses Heer zu groß, dann wird es, auch bei bester Bezahlung, eine stete Revolutionsgefahr, weil der Mensch nicht dazu da ist, Sklave, Leibeigener, gutsuntertäniger Landarbeiter oder Fabrikler zu werden. Es ist das führende Leitmotiv aller Sozialpolitik geworden, daß die bürgerliche und wirtschaftliche Individualität der Volksgenossen hergestellt werden muß. Man mag über diese Schlüsse verschiedener Meinung sein. Ob das viele Nachdenken die Arbeiter glücklicher und zufriedener, die Welt besser gemacht hat? Im „Julius Cäsar" von Shakespeare spricht Cäsar bekanntlich: „Der Cafsius hat einen hohlen Blick, E r d e n k t z u v i e l!" Und Cäsar hält den mageren Eassius für gefährlich, für staatsgefährlich. — Die Vornehmheit der Denk- und Schreibweise Adam Röders zeigt sich auch dort, wo er von der angeblichen Aus- ») „Der deutsche Konservatismus und die Revolution". Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., Gotha, 1920. beutung des deutschen Volkes während des Krieges durch die Juden spricht. Nach ihm kann nur Unkenntnis oder bewußte lügnerische Agitationsmethode von einer besonderen Schuld der Juden sprechen. Der Wuchergeist, die Profitgier, die Ausbeutungssucht hatten alle deutschen Industriellen und Kaufleute, auch die christlichen, mit einer Stärke überfallen, die man für unmöglich hielt. Unbefangene Betrachtung, so urteilt -Adam Röder, wird den Antisemitismus der jetzigen Zeit abweisen müssen. Angesichts der sittlichen Vevwahrlosuyg großer und größter Kreise des deutschen Volkes ist es unzulässig-, für die Juden ein Sonderkonto der Bewucherung zu eröffnen. Dem ganzen deutschen Volke tut Einkehr mot. Einen Sündenbock herauszustellen, ist bequem, aber unzulässig. Kein ehrlicher Politiker kann sich an einem solchen Geschäfte beteiligen. Und ebenso unehrlich ist es, wenn das heidnisch-pautheistische Alldeutschtum den Antisemitismus propagiert, weil Jesus kein Semit gewesen sein kann. Der Bolschewismus, für den man ja auch fälschlicherweise die Juden und das Judentum verantwortlich macht, hat, nach Adam Röder, in Frankreich, dem Lande der klassischen Revolution, deshalb eine so vollkommene Niederlage bei den Wahlen erlitten, weil Frankreich ein Bauernland ist, ein Land des besitzenden Mittelstandes, weil es nicht industrialisiert ist und keine Millionen eigentumsloser Industriearbeiter, keine proletarischen und sozialistischen Arbeiterheere hat. In Deutschland und auch anderswo gibt es jetzt viele, die sagen, es wäre besser, daß der Bolschewismus ganz Europa überflute, nur so könne man aus der allgemeinen trostlosen Misere wieder herauskommen. Wieder andere erhoffen alles von dem „starken Mann". Aber der „starke Mann" ist nach Adam Röder nur ein Phantom. Er kann nur dann eine Wirklichkeit sein, wenn er ein treues, gewaltiges, diszipliuiertes Heer hinter sich hat. Ein solches existiert nicht. Nicht den „starken Man n" brauchen wir, sondern viele st a r k e Männer, die von einem einheitlichen Impuls geleitet werden und an Stelle der Gewalt die Idee des Rechts und der Gerechtigkeit setzen. Aber jetzt ist die Masse, das Volk der „starke Mann" und leider vielfach vom Irrwahn geblendet, betört, wie einst Simson von Debiläh, durch Unverstand und Unglück seiner Riesenkvaft beraubt und, wie Simson, zu allem fähig, wenn es zur Verzweiflung getrieben wird. „Und Simson sprach (so heißt es im 16. Kapitel des Buches „Richter"); Sterbe, meine Seele, samt den Philistern! Und er beugte die Säulen mit Kraft, und das Haus stürzte ein auf die Fürsten und alles Volk, das darin war." — Adam Röder erwähnt in seinem Buche die Warnung des evangelischen Erzbischofs von Upsala, Södderblom, vor einer Ueberspannnng des Nationalismus, der sich zu einer Gefahr für die Religion auswachse. Aber nicht weniger als der Nationalismus sind Antisemitismus, Bolschewismus und alle andern „Ueberspanntheiten" Gefahren für die Menschheit, deren Friede und Glück nur erblühen kann in, Fleiß und Arbeit, auf dem geraden Wege einer gesunden Entwicklung, die frei ist von dem Unkraut der Vorurteile des „Rassen- und Masfenhasies und anderer Teufelswerke". Krokellor Sr. Sem und h. St. Chambrrlsiri. Von Dr. M. Spanier (Magdeburg), rofessor Rein hat an der Universität Jena den Lehrstuhl für Philosophie und Pädagogik inne, ist Vorsitzender des Vereins für wissenschaftliche Pädagogik und Herausgeber der „Vierteljahrsschrift für philosophische Pädagogik".

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