Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 34 (15.10.1920)
- Date
- 1920-10-15
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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389 getreten ist. Die Rogierung 'dieses Landes wünscht wärmstens und aufrichtig, daß die Juidenv-erfolgungen für immer in allen Ländern aufhören mögen. Herzlichst und aufrichiti-g Ihr ' Woodro w Wilso n." Den „Emigrationsuiwb Reifenachmchten" (Zürich) Nr. 3 entnehmen wir folgenden Artikel: Wege der jüdischen Auswanderung. Die jüdische Emigration bietet einstweilen das folgende Bild dar: Ein immer breiter werdender Wanderstrom fließt aus Polen und den angrenzenden Randstaaten nach Amerika. Als Sammelbecken dient Warschau, als Hafen — Danzig. Die Organisierung der Wanderbewegung liegt in den Händen der „Hojas" (Hachnasoth Orchim Immigrant Aid Society), die in großzügiger Weise für die Beschaffung der nötigen Papiere und für die Versorgung der Emigranten bis zur Ab reife sorgt. Ein zweiter, «numerisch bedeutend schwächerer Strom nimmt feine Richtung nach Süden, mit dem Reiseziele Palästina. Da sind einmal die sogenannten „Chaluzim", d. h. für die Besiedelung Palästinas bis. zu einem gewissen Grade vorbereitete Pioniere, dann eine Anzahl von Emigranten, die sich dorthin auf eigenes Risiko begeben. Der Sammelpunkt is>ü-r diese Wanderer ist Wien-, wo eiuige zionistische Jnstitu'kionen sich ihrer «aunehmen uin'd sie über Triest bm Bestmrmun'gOorte Zufuhren. Die OvganisatiE ist hier, den Berichten nach zu urteilen, noch nicht ganz auf der Höhe, offenbar weil sie etwas spät in Angriff genommen wurde. Die Verhältnisse bessern sich aber täglich. Außer diesen zwei Hauptströmungen ergießt sich ein breiter, unregelmäßiger Strom von jüdischen Flüchtlingen in der allgemeinen Richtung Ost—West über Zentrail!- und- Westeuropa. Als Ziel wird von diesen Emigranten bald Amerika, bald Palästina angegeben, je nach den Verhältnissen. Die meisten gehen nach Paris und verlassen den Kontinent durch einige französische Häfen: Havre, Cherbourg, Boulogne-s.-M. Dieser Zw«ei,g der Wanderevflut ist am wenigsten organisiert, drängt aufs Geratewohl vorwärts, bleibt oft stecken, verliert einen großen Teil des Reisegeldes schon unterwegs, oft schon bis zur schweizerischen Grenze. Die meisten stammen aus Galizien und den Ländern der früheren Donaumonarchie, letzthin sehr viele aus Ungarn. ' Es weist sich jetzt schon heraus und wird sich mit dem unvermeidlichen Anwachsen der jüdischen Emigration immer mehr zeigen, daß Danzig, trotz der an und für sich -ausgezeichneten Arbeit der „Hojas" nicht in der Lage ist, die gesamte jüdische Emigration nach dem Uebersoe zu bewältigen. Der Abfluß nach der Westrichtung wird denn auch von Tag zu Tag immer größer. Es sollte unbedingt dafür gesorgt werden, daß auch die allzu großen klaffenden Lücken Men—Basel und Bafel—Paris besser «ausgeibaut werden. Besonders für die erste Etappe erweist sich ein Auskunftsbureau an der Schweizer Grenze, in Buchs, als dringend notwendig. Es wäre auch noch zu untersuchen, ob es nicht im Interesse der Wanderer wäre, wenn man sie, statt den ganzen Kontinent, mit seinen zum Teil sehr hohen Valuten (Schweiz), durchqueren zu lassen, von Wiien oder einem anderen g«eei/gnetonöstlichen Zentrum -aus direkt nach «einem italienischen Hafen, etwa nach Triest, leitet, wo ber>ei«ts sehr beachtenswerte Anfänge für ein Emigrationswerk besteh,en. Eine ganz bedeut«ende Zeit- und Geldersparnis wäre auf diese Weise zu erzielen. * Hölkerbund und Prophetenreligion. Ueber dieses aktuelle Thema sprach Professor Dr. Ludwig Stein am 14. Oktober im Verein für jüdische Geschichte und Literatur und führte etwa folgendes aus: Nicht nur Bücher, auch Vorträge haben ihre Schicksale. Zwischen meinem Versprechen, diesen Vortrag zu halten, und« der «heutigen Einlösung meines Versprechens liegen jene zwei Sitzungen des Völkerbundes, an denen ich teilnehmen durfte: die erste Sitzung in Rom (Mai/Junt d. I.), die zweite der WeMouserenz in Brüssel (September/Okto'ber d. I.), auf welcher 39 Staaten vertreten wären, die 75 Prozent des ganzen Menschengeschlechts, nämlich 1200 Millionen Menschen, repräsentierten. Das war ein wirklicher Weltkongreß pnd nicht ein Li!liput«aner-W«eltkon,gr.eh wie im Jahre 1648, als Europa zum ersten Male den Versuch machte, einen Friedenskongreß zu veranstalten. Der Ausdruck „Völkerbund" stammt von Kant, die Idee von Jesajas. Eine regelrechte Entwicklungslinie der Völkerbundsidee zieht sich von Jesajas und Secharja über den Zyniker Antisthenes, der sich zuerst einen Kosmopoliten nannte (vor ihm vielleicht schon Demokrit), und den Begründer der stoischen Philosophie, Zeno von Attium, der den „Weltstaat" forderte, dem keine anderen Staaten gegenüberstehen, weil alle Grenzen der Völker in einer Verbrüderung aller Menschen sich aufheben. Durch die Prophetenreligion auf der einen, durch den Stoizisnms auf der anderen Seite ergießt sich die Völkerbundsidee in das Christentum, das den Nationalstaat überwindet und den Universalstaat fordert. Römisches Reich und römische Kirche sind gleicherweise Fortsetzungen der Völkerbundsidee, dort als civitas terrena (Machtstaat), hier als eivitas dei (Gottesstaat), Beide Auswirkungen der Völkerbundsidee widersprechen der Prophetenreligion, die das fommenbc Gottesreich aus Erden weder aus einen Cäsar noch auf einen Papst konzentrieren möchte, sondern auf Liebe, Gerechtigkeit, Gettüsi:'". Abraham wird der Segen erteilt: „Und es werden durch dich gesegn:'^ werden alle Völker «der Erde." Jesajas kündet.- „Nicht mehr erhebet Volk gegen Volk das Schwert, und sie lernen nicht mehr den Krieg." Secharja prophezeit: „Gott verkündet den Frieden den Völkern . . . bis ans Ende der Erde." Das nenne ich de:: Völkerbund der Prophetenreligion, der allem, was Menschenantlitz :: egt, weil es nach 'Gottes Ebenbilde .geschaffen ist, Ebenbürtigkeit zubilligt und Gerechtigkeit widerfahren läßt. Der heutige Völkerbund ist nur noch ein Machtinstrument. Menschenwerk, kein Gottesdienst. Immerhin hat die jesajanischc Idee des Völkerbundes in den letzten sechs Jahren mehr Fortschritte gemacht als in den sechs Jahrtausenden der beglaubigten Geschichtet Die Hölle des Weltkrieges hat uns mit einem einzigen Ruck der Völkerbundsidee nähe rgdbr allst als Jahrtausende der Geschichte. Gewiß sind die zehn Gebote Moses immer noch wirksamer als die vierzehn Punkte Wilsons. Aber es scheint, daß die Zuchtrute und Gottesgeißel des Weltkrieges unvermeidlich waren, uni dem Menschengeschlecht das jesajanische Ideal eines kommenden Gottesreichs auf Erden mit -ehernen Lettern einzmueißeln. Der Weg zum Paradiese führt nun einmal durch die Hölle. Die «infernalischen Qualen, der gegenwärtigen Menschheitskatastrophe stellen vielleicht das harte Lehrgeld dar, das die Menschheit zahlen mußte, um für die ewigen Ideale der Prophetenreligion heranzureifen. Die messianische Idee des Völkerbundes hätte vielleicht noch Jahrzehntausende zu ihrer Verwirklichung gebraucht/wenn sie der Weltkrieg nicht als den tiefsten Sinn der Geschichte blitzartig enthüllt hätte. Wilson glaubte zu schieben, aber er wird vom Gott der Geschichte dorthin gesteuert, wo er ihn zur Verwirklichung des Gottesreills auf Erden braucht. Wir geben den Kampf für dieses Gottesreich nicht auf, weil er 3000 Jahre dauert. Religionsstifter, Apostel, Propheten nehmen die Wirklichkeit in der Form von Ahnungen, Deutungen, Visionen bei instruktiv wichtiger Witterung de? Kommenden voraus. Ihre Sicherheit der Voraussage ist tief im Unterbewußtsein verankert. Die Ahnungen der Propheten, die ein „drittes Reich" künden, täuschen ebensowenig wie die Träume der Poeten, die das „goldene Zeitalter" verherrlichen. Propheten und Poeten dichten, Staatsmänner machen Geschichte. Aber die Staatsmänner stehen selbst nur im Dienste einer göttlichen Idee, die sie durchführen, ohne ihren Zusammenhang zu ahnen. Der Prozeß der Geschichte hat in den letzten sechs Jahren, die uns ibcr Völkerbundsidee als Erlösung «aus dieser Wirrnis «der Balkanisierung Europas nähergebracht haben, jenen Teil «des j«esajanisch-m«:spanischen Ideals verwirklicht, den die Verkünder eines „tausendjährigen Reichs" auf Erden in die Menschheit hineingeheimnist, htzMnorakelt haben. Und ist auch der heutige Völkerbund, wie er in Rom und Brüssel zusammentrat und demnächst in Genf seinen Zierlichen Einzug halten wird, nur ein bescheidener Anfang, fa bedeutet er doch das Morgenrot jenes Zeitalters, das Jesajas prophetisch geschaut hat.