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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-15 · Heft 34 (15.10.1920) · p. Seite 388

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 34 (15.10.1920)
Date
1920-10-15
Page
Seite 388 (sequence 4)
Language
German
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I bewußtloZ liegen blieb und in die chirurgische Klinik gebracht werden mußte. Die beiden Täter entkamen. # Judenpogrome in Budapest. Wien, 8. Oktober. .Heute r eingetroffene Reisende aus Budapest berichten von einem großen Pogrom, der sich in der ungarischen Hauptstadt abgespielt haben soll. Der Pogrom ging von einer Versammlung des von Stefan Friedrich gegründeten Vereins „Das erhöhte Ungarn" aus. Die Versammlung war verboten, wurde aber dennoch abgehalten. Nach der Versammlung zogen die Anhänger Friedrichs durch die. Leopoldstadt und überfielen zahlreiche Passanten. Es sollen mehr als 100 Personen schwer verletzt worden sein. Vorgestern abend kam es im „Eafe-Klub" neuerdings zu antisemitischen Ausschreitungen. In den Abendstunden drangen etwa 30 Personen in das genannte Eafo ein und mißhandelten die anwesenden Juden und zerschlugen das Kaffeehaus. Es gelang der Polizei, die Täter festzunehmen. Die Schlägereien wurden von denselben Leuten veranstaltet, die an dem vor zwei Monaten in demselben Cafe verübten Mord beteiligt waren, waren. * Die ungarischen Juden und der Zionismus. In seinem Neujahrsgruß an die Judeuschaft besprach der Präsident der Pest er Israelitischen Religionsgemeinschaft, Hofrat Franz Szekely, unter anderem auch das Verhältnis der ungarischen Judenschast zum Zionismus, Yen er als die große und schöne Idee eines großen Dichters bezeichnete. „Diese große und bedeutungsvolle Bewegung hat vom ersten Talge an. zweierlei Anhänger gehabt, um mich eines trivialen Ausdruckes zu bedienen, unterstützende und aktive Mitglieder. Unterstützende Mitglieder waren die englischen, au'.erikauisehen, französischen und italienischen Juden, mit einem Worte jene, die nicht daran dachten., aus ihr englisches oder .amerikanisches Vaterland Verzicht zu leisten. Die aber mit -warmem Herzen und voller Opferwilligkeik an die Seite ihrer leidenden Glaubensgenossen traten, uni ihnen ein besseres Vaterland zu verschaffen und gleichzeitig die Mauern Zions aufbauen zu helfen. Die aktiven Mitglieder waren jene unglücklichen Juden, die ihr eigenes Land nicht j als Menschen anerkennen wollte, die sich nach einem neuen Vaterl-ande sehnten und sich mit fieberhafter Freude dem Rufe des Zionismus und dem Heiligen Lande, der Urheimat Israels, zuwendeten. Es wäre unrichtig und unschicklich, das gigantische Werk jener begeisterten Babr.l-reeber, die auf dem vom Barbarismus durch Jahrtausende verhec-U:: l. Den eine neue jüdische Kultur schaffen wollen, nt) ovo mit Gieichgl: ligkeir und Unglauben zu betrachten. Es ist unser heilige Pflicht, dieses Unternehmen so bange 'warnten- Herzens und mit unseren Vesten Wünschen zu begleiten, bis auch wir in die Lage versetzt fein werden, -daran, nach dem Beispiele unserer Glaubensgenossen anderer Rationalität aktiven, helfenden und unkersrützmdeu Anteil zu nehmen. Wir müssen also zuwarten, und mir Dünkt diese Zwischenzeit als die geeignetste, Einkehr zu halten und unter uns den inneren Frieden, die volle Einheitlichkeit, herzustellen." * Die Lage der Juden in Polen. Aus Warschau wird geschrieben: Im Präsidium des Ministerrates in Warschau fand unter Vorsitz des Ministerpräsidentenstellvertreters Daszhnski eine Konferenz der Vertreter aller jüdischen Parteien statt, die sich mit den jüdisch-polnischen Beziehungen befaßte. Die Konferenz war eine Fortsetzung der Verhandlungen, die im Juni und Juli zwischen den Vertretern der Regierung und den jüdischen Parteien unter Teilnahme von Sejm- Abgeordneten begonnen wurden. Daszhnski bemerkte, daß der Leitgedanke der Regierung die Herbeiführung des Verständnisses auf beiden Seiten für die Notwendigkeit eines friedlichen Zusammenlebens fei, das sich auf bürgerliche Gleichberechtigung stützen soll. Schritte, um diesen Zweck zu erreichen, werden von der Regierung unternommen werden. Von seiten der jüdischen Vertreter wurde ein-. stimmig darüber Klage geführt, daß trotz des unzweifelhaft loyalen Verhaltens der Juden im Kriege gegen sie der ungeheure Vorwurf eines den Staatsinteressen feindlichen Verhaltens, beinahe eines Hochverrates, erho'ben worden fei-, der die traurigsten Folgen hatte. Nachdem Vizepräsident Daszhnski mitgeteilt hatte, daß für die nächste Zeit weitere Verhandlungen in dieser Folge in Aussicht genommen seien, wurde die Versammlung geschlossen. , * Wie aus Paris mitgeteilt wird, ist Millerand, der neue Präsident der französischen Republik, häufig der Gegenstand antisemitischer Angriffe. So nennt ihn zum Beispiel die „Libre Parole" stets „Millerand-Cahen". Tatsächlich ist die Mutter des neuen Präsidenten eine Jüdin, namens Melanie Cahen, und stammt aus einer alten jetzt ausgestorbenen Pariser jüdischen Familie. Millerand hat in seiner aufreibenden Zeit, da er noch als Jurist und Journalist tätig war, oft ehrenvolle j Aemter außerhalb Paris abgelehnt, um sich nicht von seiner Mutter zu trennen, der er mit kindlicher Liebe und Verehrung zugetan ist. Niemals hat Millerand seine Abstammung verleugnet, sondern unseren Glaubensgenossen stets warme Sympathie entgegengebracht.! *! i Aus Paris wird uns unter dem 30. Septorrcher geschrieben: j Präsident Wilson gegen die Judenverfolgungen in Polen. j Herr Morris Rothenberg, Präsident des provisorischeil! Komitees des Jüdischon Kongresses von Amerika, hat vom Komitee der I jüdischen Delegationen authentische Dokumente über die schreckliche Krisis erhalten, die über die Juden in Polen gekommen ist, und folgeudes Telegramm nach Amerika geschickt: „Ich habe aus sicheren Quellen in Schrecken fetzende Nachrichten über die Art, in der die Juden von den Polen behandelt werden, erhalten. Tie Soldaten plündern, rauben die Inden aus und schneiden ihnen die Bärte ab. Es ist für die Juden unmöglich, sich in den Straßen oder in den Eisenbahnzügen zu zeigen. Viele unschuldige Juden sindunter dem Vorwände, Bolschewismus betrieben zu haben, erschossen worden. Juden haben sich für die polnische Armee -anwerben lassen, um das Vaterland zu verteidigen, aber die militärischen Behörden haben sie erniedrigt und ihnen die verächtlichsten Arbeiten auserlegt. Bei der Ankunft -des Feindes sind die Juden in Massen aus Städten und Dörfern heraus ge trieben worden, während die christliche Bevölkerung bleiben durfte. Taufende und aber Tausende jüdischer Soldaten sind im Konzentrationslager von Jablona -eingepfercht worden, wo man sie wie Verbrecher behandelt hat. Die jüdischen Deputierten haben wiederholt beider Regierung Einspruch erhoben. Man hat versprochen, die Lage der Juden zu bessern,. -aber bis jetzt ist noch keine einzige M a ß r e g -e l g e - troffen worden unddie SiNation wird nur immer e r n st e r. (Das Konzentrationslager in Jablona ist inzwischen aufgelöst worden. Die Red.) Infolge dieser Depesche hat Rabbiner Stephan Wise, Ritter der Ehrenlegion, an den Präsidenten Wilson einen Brief geschickt, in welchem er die schreckliche Lage der Juden in Polen darstellte. Hier folgt die Antwort, die Mr. Wise mn 10. September vorn Präsidenten der großen Republik jenseits des Ozeans erhalten hat: „Mein lieber Rabbiner Wise! Ter Bericht, den Sie mir über die Leideri und Qualen, die Ihre Brüder gegenwärtig in ganz Osteuropa zu ertragen haben, einsandt-en, hat mich tief bewogt. Jeder Amerikaner, welcher Rasse oder Religion er auch immer angehören möge, kann nur die tiefste Sympathie für die Juden Osteuropas empfinden, die nicht nur fortdauernd die Last des Krieges zu tragen haben, sondern auch Qualen -erleiden müsferr, die ein Resultat der ungerechten und dunkl-en Handlungsrveise der Regierung und der Bevölkerung sind. Ich hoffe, daß itne Nationen, mit denen unser eigenes Land politische Beziehungen unterhält, alles tun werden, was in ihren Kräften steht, um nicht nur jene Ausnahmegesetze gegen die Juden abzuschafsen, entsprechend den Verordnungen der Paragraphen bezüglich -der Rechte der nationalen Minoritäten, sondern daß sie endlich auch, all den Ungerechtigkeiten und G r e u e 11 a t e n, die an den Juden begangen werden, ein Ende machen. Wir wissen in unserem Lande, wo die Juden mit Recht absolute Gleichheit genießen, mit welcher Treue und Ergebenheit sie die Bestrebungen und Ideale unserer Nation stützen und fördern. Ich werde mich sehr freuen, von Ihnen zu erfahren, ob eine Besserung in der Lage der Juden Osteuropas ein-

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