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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-15 · Heft 34 (15.10.1920) · p. Seite 387

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 34 (15.10.1920)
Date
1920-10-15
Page
Seite 387 (sequence 3)
Language
German
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behalten, auch diese Schande der Romanows nachzuahmen. Die mitten - in den Zeiten wildesten Terrors gewählte ungarische Nationalversammlung hat ein Gesetz angenommen, wonach jeder an der Budapester Hochschule zur Einschreibung gelangende Hörer sich -einem Rechtfertigungsverfahren in der Hinsicht zu unterziehen habe, ob er von durchaus lauterem, Patriotischem Charakter, makellosem Vorleben und einwandfreier christlicher Abstammung ist. In Ausnahmefällen werden künftig auch jüdische Hörer zugelassen, aber nur in der ganz beschränkten Zahl von höchstens 5 v. H. der Gesamtsumme der Studierenden. Wie in früheren ähnlichen Fällen begeistert sich natürlich die deutsche Reaktion für die neue Leistung des „christlichen" Ungarns. Die „Kreuz-Zeitung" veröffentlicht einen ausführlichen Sonderbericht aus Ungarn, in dem die mittelalterlichantisemitische Rede eines Bischofs Ottokar Prohaska, die in der Nationalversammlung zur Begründung des Gesetzes gehalten wurde, mit sichtbarem Behagen wiedergegeben wird. Offenbar will der Budapester Berichterstatter das ungarische Vorgehen Deutschland zur Nachahmung empfehlen, und die „Kreuz-Zeitung", die sonst bemüht ist, einen gewissen Abstand von den Pogromhetzern. der „Deutschen Zeitung" zu wahren, nicht zuletzt weil ein guter Prozentsatz ihres feudalen Leserkreises den Beweis „einwandfrei christlicher Abstammung" nur schwer erbringen könnte, stellte sich vorbehaltlos in den Dienst dieser guten, christlichen Sache. Wie „christlich!" -dabei verfahren wurde, verrät -der Bu-dapester Korrespondent der „Kreuz-Zeitung" unwillkürlich selbst, indem er schreibt: „Was man bisher seit dem Beginn des neuen christlich-nationalen Regimes einfach mit roher Gewalt, d. h. durch Putsche, erreicht hat, nämlich die Säuberung der Budapester Universitäten von den jüdischen Hörern, soll nunmehr in Zukunft durch den vorerwähnten Gesetzentwurf auf gesetzlichem Wege fortgesetzt werden." Die „rohe Gewalt" soll also durch das Gesetz sanktioniert werden! Und das alles im Namen und zur Kräftigung des Christentums, das nicht nur die rohe Gewalt als unsittliche Macht bekämpft, sondern auch Feindesliebe lehrt. * Einsteins Antwort an Minister Harnisch. Aus dem Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung wird dem „Berliner Tageblatt" mitgeteilt: „Durch die Presse,. insbesondere die des Auslandes, gehen immer von neuem alarmierende Nachrichten des Inhaltes, Professor Albert Einstein -gedenke in nächster Zeit Berlin mtb Deutschland zu verlassen imto einem Ruse an eine ausländische Hochschule Folge zu 'leisten. Ihn diesen Gerüchten', die insbesondere im Auslände in tendenziöser Weise ausgeschlachtet werden, ein für allemal den Boden zu entziehen, sei hier die Antwort Albert Einsteins auf das bekannte, vor einigen Wochen an ihn gerichtete Schreiben des Minister Hämisch mitgeteilt. Einstein schreibt: „Eurer Exzellenz Schreiben erfüllt mich mit dem Gefühl aufrichtiger Dankbarkeit. Ganz unabhängig von der Frage, ob ich so viel Wohlwollen verdiene, habe ich in diesen Tagen erlebt, daß Berlin die Stätte ist, mit der ich durch menschliche und wissenschaftliche Beziehungen am meisten verwachsen bin. Einem Rufe ins Ausland würde ich nur in dem Falle Folge leisten^ .daß äußere Verhältnisse mich dazu zwingen." * Der Alldeutsche Verband hat Ende vorigen Monats in Frankfurt a. M. seinen dritten Verbandstag abgehalten. Daß die Leute, deren säbelrasselnde Politik Deutschland in das tiefste Unglück gestürzt hat, überhaupt noch wagen, sich öffentlich zu zeigen, ist ein Beweis für die unverwüstliche Dreistigkeit dieser Gesellschaft. Auch diese Tagung stand unter dem Stern aller alldeutschen Veranstaltungen: entsetzlich viel Maul und entsetzlich wenig Hirn. Das ganze Treiben kann nur als staatsgemein'gefährliche Narretei bezeichnet werden. In einem Bericht der „Deutschen Zeitung" wird die alldeutsche Tagung ausdrücklich Kriegsrat und Besehlausgabe genannt und damit die Kriegshetze unterstrichen. Offenbar will man den Franzosen Material zu noch stärkerer Hetze gegen Deutschland liefern. Der Alldeutsche Verband, der im Weltkriege Deutschland möglichst viel Feinde auf den Hals geladen hat, wußte sich auch innerpolitisch äußerst gründlich verhaßt zu machen. Um die Wette wird geschimpft auf die Polen, Juden, Katholiken, Sozialdemokraten, Demokraten und Liberalen. Nur ein kleiner Teil der Deutschnationalen findet Gnade vor den -Augen der Alldeutschen. Die Sprache der Alldeutschen ist von einer urwüchsigen Kraft, die Adolf Hoffmann neidisch machen müßte. * Der Antisemitismus in Bayern. Den „Münchener Neuesten Nachrichten" vom 7. d. M. entnehmen wir nachstehenden Bericht: . Zu den Vorgängen in der Versammlung der „Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei" am letzten Donnerstag abend im Hosbräuh-aus werden wir von einem Augenzeugen um Aufnahme folgender Darstellung ersucht: Die Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei hatte in einem Plakat öffentlich den Talmud als Quelle und Ursache „von Haß und Verachtung der Juden -gegen alles Menschliche" hingestellt. Der geistliche Führer der hiesigen Kultusgemeinde, Rabbiner Dr. Bürwald, hielt es für seine Pflicht, in öffentlicher Rede diesen Schmähungen der jüdischen Lehre entgegenzutreten. Fünf jüdische Münchener Mitbürger begleiteten ihn. Die Ausführungen des Redners, Herrn Ruetz, bewegten sich in den bekannten Gedankengängen. Schon bei Beginn dieser Rede wurden wir Juden von unserer Umgebung mit Schmähungen bedacht; Herrn Dr. Bärwald, der sich Notizen gemacht hatte, wurd-en diese unter dem Hinweis weggenommen, daß es hier verboten fei, Auszeichnungen zu machen, die doch nnr „mißbräuchlich" verwendet werden würden. Als dann die Pause kam und Dr. Bärwald nach vorn ging, wurden wir fünf Juden- (in einer Masse von vielleicht 1500 Mann!) unter Schlägen und Mißhandlungen hinausgedrängt und die Treppe hinabgestoßen. Ich betone, daß wir uns weder durch Zwischenrufe noch durch abfällige Aeußerungen irgendwie bemerkbar gemacht hatten. Die an der Münzstraße in Deckung stehenden Schutzleute zogen es vor, nnr die Erregung der sanatisierten Massen nicht zu steigern, nicht einzugreifen. Unterdessen war Herr Rabbiner Dr. Bärwald unter der schmählichen Einführung, „es hätten sich sechs Deutsche und ein — Ausländer zum Wort gemeldet", zur Aussprache zugelassen worden. Seine Ausführungen wurden niedergebrüllt, er selbst vom Referenten des Abends als „gemeiner Lügner" bezeichnet. . Der Beleidiger wird sich vor Gericht zu verantworten haben. Wie uns aus München berichtet wird, haben diese Vorgänge die dortige Kultusgemeinde veranlaßt, bei dem Staatsmmisteri-urn des Innern mit der Bitte um Schutz vorstellig zu werden. Staatssekretär Dr. Schweyer bedauerte außerordentlich, daß in unserer erregten Zeit auch dieser Zündstosf noch unter die Massen geworfen werde, und sagte zu, die Polizeibehörden mit der Weisung erhöhter Aufmerksamkeit bezüglich der Ankündigung und Ueberwachung solcher Versammlungen zu versehen und Ausschreitungen mit aller Energie entgegenzutreten. * , Eine antisemitische Heldentat. Aus München wird gemeldet: Bei einem Vorträge, den Dr. Magnus Hirschfeld (Berlin) vor kurzem in der Tonh-alle hielt, kam -es zu skandalösen Szenen, bie anscheinend von antisemitischer Seite -ausgingen. Es wurden Knallerbsen geworfen. Auch wird behauptet, -daß eine Stinkbombe -geworfen worden sei. Vor der Tonhalle wartete eine große Menschenmenge auf Hirschfeld, der aber das Gebäude durch einen Nebenausgang verließ. Es verfolgten ihn einige junge Leute und zwei d-avon schlugen ihn in -den Eschenanlagen am Maximiliansplatz nieder ittrb brachten ihm schwere Hiebwunden am Kopfe bei, so daß Hirschseld

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