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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-15 · Heft 34 (15.10.1920) · p. Seite 386

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 34 (15.10.1920)
Date
1920-10-15
Page
Seite 386 (sequence 2)
Language
German
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lungen, Chronologie, Bibliographie zu der großen eigenen Behandlung der jüdischen Geschichte und Literatur und zur Umarbeitung und Verbesserung des glänzenden Graetzschen Geschichtswerkes. Darin sah Brann seine wichtigste Lebensausgabe: er wollte der große Fortsetzer seines genialen Vorgängers sein. Dies war der einzige Stolz des höchst bescheidenen und grundgütigen Mannes. So hat er sechs Bände von Graetz' „Geschichte der Juden" neu herausgegeben mit zahllosen „stillschweigenden und ausdrücklichen Berichtigungen und Bemerkungen", in denen der Kenner eine hervorragende wissenschaftliche Leistung erblickt. Denn es ist klar, daß Graetz bei dem fast gänzlichen Mangel an wertvollen Vorarbeiten und ganz besonders an exakten Teilforschungen oft in kühnem Gedankenflug bei mehr oder weniger bedeutsamen Einzelheiten sehlgegriffen, daß seine Darstellung zuweilen selbst an wesentlichen Punkten Lücken aufweist' und die historische Genauigkeit unter fehlerhafter Fixierung von Jahreszahlen und falschen Bücherzitaten leidet. Da ist Brann in die Bresche getreten und hat wichtige KärnerarT ott geleistet. Aber er war selbst ein großer Baumeister. Ans seine voru'mliche ..l^escküsbte der Jud^n und ihre Literatur", auf seine nun leider unvollendet gebliebene „Geschichte der Juden in Schlehen", für doren Vollendung sich im Nachlaß noch Material aenua finden dürfte, auf seine Studien zur Geschichte de^ ^berfchleßfchen Juden, auf feine „Festschrift" zur Feier des ^ai^h-nsgen Bestehens des Breslauer tbeoloaischen Seminars, aist d-e Mp pr bald nach feiner llebernahme des Lebrstnbls im Verein mit David Kanstnann neu begründet und sväter allein geleitet bat — auch darin ein großer Fortftcher des Lebenswerkes seiner Meister Frankel und Graetz — habe ich in meinem Festa^tikel' rur Foier ie^n^s Dozentoniubiläums in dieser Zeitschrift hinaewiesen (80. Jahrgang Nr. 44. 8. November 1916). Es gab aber in den letzten drei Jahrzehnten kaum eine Jubel- oder Gedenkschrift für einen iüdiseben Gelehrten, nt der Brann nicht feinen wistenschaftlichen Beitraa aeliefert hätte. Er aehörte zu den Mitarbeitern an der in Amerika erschienenen „Jewish Enchclovedia" und gab zusammen mit A. Freimann im Auftr>we der .,Gesellschaft zur Förderuna der Wissenschaft des Judentums", deren Vorstandsmitalled er war. den ersten Teil der aroßangelegten „Oarmnnia judaiea" heraus. Von seiner vorzüglichen Kenntnis der Chronologie und Genealogie zeugt eine stattliche Zahl von Abhandlungen. Die Bewältigung dieser großen wissenschaftlichen Leistung war nur möglich durch eine schier unermeßliche Beherrschung des gesamten alten und neuen jüdischen Schrifttums. Dazu kam sein unvergleichliches bibliographisches Wissen, welches sich auf die kleinsten Details erstreckte, so daß man sicher sein konnte, von ihm zuverlässiges Material für wissenschaftliche Arbeiten zu erhalten. Man mn/ß ihn. wie ich. Jahre hindurch in der umfangreichen Bibliothek des Breslauer Seminars mir ihren 27 000 Bänden gesehen haben: in ihr war er zu Hause wie ein gewöhnlicher Sterblicher in seiner kleinen Privatbücherei. Fabelhaft war sein Gedächtnis. Brauns ganze große geistige Art sammelte sich wie in einem Brennpunkt in seinen Vorlesungen, wo der angehende Theologe oft in einer einzigen Stunde erkannte, daß er vor einem Gelehrten von allerschwerstem Kaliber saß. Hier in den Vorlesungen zeigte sich Brann aber auch als Beherrscher anderer großer Gebiete der jüdischen Theologie: besonders als Bibelexeget, der vorzüglich Bescheid wußte in den Erklärungen der großen jüdischen Kommentatoren des Mittelalters sowie in den Hypothesen und Resultaten der modernen christlichen Theologie. Und wenn er „Pädagogik" las oder seine präzisen Fragen stellte, da sah man den tüchtigen praktischen Erzieher, der sich auf seine Angewandte Psychologie sehr wohl verstand und ein feiner Menschenkenner war. Damit sind wir zur Beurteilung seiner allgemein-menschlichen Persönlichkeit gelangt. Nicht eine verschlossene Natur, in die man erst nach langem Bemühen Einblick gewinnt, nicht ein Schwarzseher und galliger Pessimist war dieser Mann, sondern mit seinem heiteren Temperament sah er offen und hell in die Welt. Wiewohl Idealist durch und durch, stellte er sich stets auf. den harten Boden der realen Tatsachen; deshalb wog sein Rat sehr schwer. Er gehörte nicht zu den kalten, bohrenden Verstandesmenschen, sondern war ein Charakter von reicher Gemütsart: mild gegen die anderen, unerbittlich streng in den Anforderungen an sich selbst. Alle diese Eigenschaften zeigt sein Stil, der die wunderbare Klarheit und Bestimmtheit mit der Wärme des Gefühls verbindet. Eine wahrhaft jüdische Persönlichkeit, die ihren Glauben liebte, an die Zukunft des jüdischen Lebensgedankens glaubte und dankbar die Vorsehung pries, daß sie ihn für würdig befunden, an dieser Zukunft mitzuarbeiten. Brann war ein Feind -der Phrase und geizte nicht nach dem Beifall der großen Menge, sondern ging ruhig und zielbewußt seinen Weg, freute sich, wenn es ihm gelungen war, in einer versteckten Ecke, in einem vergessenen Winkel der jüdischen Geschichte ein Licht anzuzünden. Mit einem Worte: ein liebenswerter, bedeutender Mensch, der eine große Nachsicht mit den Schwächen feiner Mitmenschen sein eigen nannte, gerecht und treu. Daher ist es natürlich, daß er keine persönlichen Feinde hatte, wie er infolge der Genauigkeit seiner Forschungen keinen wissenschaftlichen Angriffen ausgesetzt war. Ebenso begreiflich aber auch, daß er viele echte Freunde zählte, nicht bloß im alltäglichen Verkehr der Menschen, sondern vor allem auf den Höhen geistigen Schaffens, wo der blasse Neid nur zu oft nistet. Rührend war sein Verhältnis zu seinem treuesten Vertrauten, dem früh vollendeten David Kaufmann, dem er in seinem „Gedenkbuche" (zusammen mit F. Rosenthal) und in den drei Bünden „Gesammelte Schriften" ein schönes Denkmal edler Menschlichkeit setzte. Ausgebreitete Beziehungen verbanden ihn mit der jüdisch-wissenschaftlichen Welt «der Gegenwart, wie er überhaupt ein feines Gefühl für die leisesten Regungen des jüdischen Zeitgeistes besaß. Mit liebevollem Verständnis gab er sich den mannigfachen Aufgaben der jüdischen Allgemeinheit hin, die seinen Charakter und seine Leistungen sehr wohl zu würdigen verstand. Diese Gesamtpersonlichkeü Brauns zog ihre besten Kräfte aus dem echt jüdischen Familienleben, das in seinem Hause heimisch war, aus dem tiefen Verstehen, das seine treue Lebensgefährtin seiner wissenschaftlichen Arbeit entgegenbrachte, auch wenn das Leben nicht immer hold lachte, und aus dem Stolz, mit dem seine Kinder zu ihm emporblickten. Mit dem Schmerz der Familie vereinigt sich jetzt der Schmerz der großen Glaubensgemeinde, die mit Markus Brann einen ihrer besteini Söhne verloren hat und die ihm in dem Buche ihrer Geschichte einen Ehrenplatz einräumen und ein dauerndes, dankbares Andenken bewahren wird. ' Dr. A. L ö w enstamrn (Spandau). Wochrnlchau. Berlin, 12. Oktober. ie schmachvolle Einrichtung des „Numerus clausus“ an den Universitäten, d. h. die Begrenzung der Zahl der als Hörer zugelassenen jüdischen Studenten, war in früheren Zeiten eine Spezialität des zaristischen Rußlands. Nun feiert sie in jenem Lande, das innerhalb weniger Monate zum Jnj begriff der rückständigsten reaktionären Niedertracht geworden ist, ihre Auferstehung. Dem Horthy-Ungarn blieb es vor-

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