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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-15 · Heft 34 (15.10.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 34 (15.10.1920)
Date
1920-10-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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84. Jahrgang. Nr. 34 Bettln, 15. Oktober 1920 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzehn täglich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 AI. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippion Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion and Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten, vetlag von Rudolf Mosse, Berlin. ♦ Markus Braun. Von Dr. A. Löwenstarnm (Spandau). — HßLTLIlztL. Wochenschau. — Ein ventschnatronaler Führer gegen den Antisemitismus. Von Sanitätsrat Dr. Sch er bet (Lissa i. P.>.— Professor Dr. Rein und H. St. Chamberlain. Von Dr. M. Spanier (Magdeburg. — Schalom Albeck s. A. Don Ch. — L. Zunz als Politiker und Polemiker. Von Dr. S. Ä s ch n e r. — Feuilleto n: Die Geschichte der armen Esther. Von Walter Wolfs. [l. gottf.j. — Lirerarische M i t t e i l u n g >e n . Der Gemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Breslau, Hamburg, Bamberg, Ulm. Cannstadt, Den Haag. — Von Nah und Fern. | Markus Lrann. | Bukkoth, die liebliche „Zeit unserer Freude", hat sich diesmal für uns in Trauer verwandelt. Am Abend des 26. September, als „das Fest der Einsammlung" Israel grüßte, ist Pros. Dr. Markus Braun zu seinen Vätern eingesammelt worden. Durch den Heimgang dieses trefflichen Mannes hat die Wissenschaft des Judentums wieder einen empfindlichen Verlust erlitten, der sich schmerzlich anreiht an die Lücken, die der Tod in den Kreisen der jüdischen Gelehrten während der letzten vier Jahre gerissen hat. Außer Hermann Cohen und Moritz Güdemann sind nun drei Breslauer geistige Kapazitäten dem Schicksal alles Irdischen erlegen. Im September 1917 hat Israel Lewy, der große Halachist, der souveräne Beherrscher des weiten Meeres des Talmuds, im gleichen Monat des vergangenen Jahres hat Jakob Guttmann, der hervorragende Kenner der mittelalterlichen jüdischen und christlichen Religionsphilosophie, das Zeitliche gesegnet. Jetzt ist, wieder im September. Markus Brann gefolgt, der ausgezeichnete jüdische Historiker, der große Schüler und Nachfolger von Heinrich Graetz. Mit dankbarer Freude haben wir und viele große jüdische Vereinigungen, denen Braun einen wesentlichen Teil seiner Arbeitskraft gewidmet hat, ihm im vorigen Jahre (am 9. Juli) zu seinem 70. Geburtstage unsere Glückwünsche dargebracht und hatten die starke Hoffnung, den rastlos Schaffenden noch manches große Werk vollenden zu sehen. Bescheiden wies.er alle Lobeshhmnen ab und hatte nur die eine Bitte an die Vorsehung, daß es ihm, wie er es damals in der „Monatsschrift" aussprach, wenigstens im Punkte der Arbeitsfähigkeit gelänge, dem unerreichten Vorbilde Zacharias Frankels ähnlich zu werden. Nun ist seiner Hand für immer die Feder entfallen, die — das ist unsere bestimmte Erwartung — sicher noch mehrere drucksertige Arbeiten hinterlassen hat. Wie Graetz stammte auch Braun aus der Provinz Posen. In Rawitsch war er geboren. Sein Vater, dem er mit der größten Verehrung' anhing 4ind dem er zur ersten Wiederkehr seines Sterbetages eine besondere Abhandlung als Zeichen wahrhaft kindlicher Pietät widmete, bekleidete 60 Jahre das Rabbinat, zuletzt mehrere Jahrzehnte in Schneidemühl, und hatte sich besonders als tüchtiger Talmudist bewährt. Durch ihn hatte der Sohn eine tiefe Einführung in das jüdische Schrifttum erhalten, mit ihm konnte dieser seine weitreichenden wissenschaftlichen Pläne erörtern. Seine Studienzeit verlebte Markus Braun in Breslau. Hervorragende Historiker waren an der Universität seine Lehrer, und man braucht nur die Namen eines Frankel und Graetz zu nennen, um zu wissen, wem er seine jüdisch-theologische Ausbildung verdankte. Er selbst hat mit starkem Verantwortungsgefühl und mit der ihm ganz besonders eigenen Ausdauer und Beharrlichkeit an sich gearbeitet. Als er sich aber nach vollendetem Studium nach einer geeigneten, seinen wissenschaftlichen Fähigkeiten zusagenden Lebenstätigkeit umsah, war ihm das Glück nicht günstig. Er mußte sich ganze 16 Jahre mit Aemtern begnügen, die seinem reichen Können und seinem vorwärts drängenden Geiste nicht das innere Behagen gewährten. Zuerst war er unter Joel zweiter Rabbiner in Breslau, dann Waisenhausdirektor in Berlin, schließlich Rabbiner in Pleß (Oberschlesien). Da brachte das Jahr 1891 die Entscheidung. Er befand sich plötzlich, wie er mir einmal schrieb, in einem „embarras de richesse". „In wenigen Wochen, dicht hintereinander, hatte ich dann zu wählen zwischen Cincinnati, Prag, Carolinenthal und Breslau." Er wählte Breslau. In seiner rührenden Bescheidenheit hat er es als „eine unverdiente Gnade der Vorsehung" bezeichnet, dviß er das weithin sichtbare Lehramt des unsterblichen Graetz zu bekleiden berufen war. Wir aber wissen, daß er vermöge seiner hervorragenden Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur wie der gesamten Theologie und auf Grund der Beherrschung der exakt wissenschaftlichen Methoden ein würdiger Nachfolger seines großen Lehrers gewesen ist, daß er die Fähigkeit besessen, die berühmten Traditionen des Breslauer Seminars nicht bloß zu wahren, sondern auch zu befestigen und zu vertiefen. Hier hatte er endlich den Boden gesunden, aus dem sich sein Wesen und seine geistige Regsamkeit zur reifen Frucht gestalten konnte. Mt klarem Blick hat er schon in ganz jungen Jahren seine Aufgabe erkannt und zielbewußt zu Ende geführt. Als 2ljähriger Student, vor genau einem halben Jahrhundert, war er in der von Frankel begründeten „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" mit einer Abhandlung über Agrippa II. in die Arbeit für die jüdische Geschichte eingetreten und hatte seitdem das ganze Gebiet dieser Wissenschaft in Gesamtdarstellungen, Teilforschungen und in allen ihren Hilfswissenschaften mit einer Genauigkeit, Allseitigkeit und durchdringenden Schärfe behandelt, die ihm einen Ehrenplatz unter den jüdischen Historikern sichern. Kein Stein schien ihm geringfügig für den monumentalen Bau, den einst ein späteres Genie für die Gesamtgeschichte und Wissenschaft des Judentums ausführen wird. Es gibt kaum einen Zweig dieses Faches, den er nicht durch neue Ausschlüsse erhellt hat. Sein wissenschaftlicher Weg führte über Biographien, Briefsamm»

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