Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 33 (1.10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 384 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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So fürchtete rnan, wie das Geschick sich auch wenden mochte, für Gut und Leben. Deshalb blieb man in den Kellern, deren Luken dicht verhängt wurden. . Und man blieb in den Kellern, als am anderen Morgen alles, was russisch war, Behörden, Beamte, Mil-itär, Kosaken fort war; fort in viel zu 'großer Eile, als daß Erhebliches mitgenommen worden wäre. Die Gemeinde war bisher noch mit jeder Behörde gut ailsgekommen. Sie würde auch mit dem neuen Herrn fertig werden, wenn der nur mit sich reden ließ. War man gestern noch gllt Russisch gewesen — morgen schon würde man gut Delltsch sein das verstand sich von selbst. Nicht deswegen hatten sie Angst; nur vor einer wilden Soldateska, vor Brand llnd Mord, vor tausend und aber tausend Möglichkeiten. Kallm grallte der zweite Tag, klang Musik in der Ferne, kam näher, wurde erst getragen und dann übertön't vom Gleichklang vieler tausend Tritte: die deutschen Truppen zogen in die Stadt! Endlose Kolonnen. Und zum anderen Tore wieder Hinalls. So ging es den ganzen Tag. Als nichts geschah, wagten sich die Einwohner alls ihren Kellern, einer nach dem anderen. Zuerst standen sie stumm da und sahen nur die unendlichen Reihen grauer Krieger vorbeimarschieren, die zahllos waren wie Sand am Meer. Da verlangte ein Soldat im Weiterschreiten nach Butter. Das wirkte wie ein Signal: Mit einem Male waren Lebensmittel, Ansichtskarten, Streichhölzer, Zigaretten, allerlei Tand da und fanden reißenden Absatz. Und was das Unerhörteste war: jeder Preis wurde gezahlt. In barem Gelde bezahlt. Das war man schon gar nicht mehr gewöhnt. Zwar hatte man solche Münzen am Morgen noch nicht gekannt und das Umrechnen machte erhebliche Schwierigkeiten; am Mittag aber schon gab es einen festen Umrechnungskurs. Und wenn es vielleicht auch nicht der amtliche war — die Verkäufer jedenfalls kamen nicht zu kurz dabei! Das Geschäft blühte. Und damit war das gute Einvernehmen zwischen Siegern und Besiegten hergestellt. Allmählich griffen die Deutschen immer tiefer in das Leben der Zivilisten ein. Die schüttelten wohl heirnlich die Köpfe über all die blauen, gelben, grünen und roten Anschläge, mit denen bald jede Mauerecke bedacht war und die in ihrem dreisprachigen Text Anordnungen trafen, deren Warum und Wozu niemand begriff; aber — man fügte sich. Die Straßen sollten sauber gehalten und jeden Morgen gefegt sein? Gut, man wird sie fegen. Der Herr Kommandant — leben soll er und gesund sein hundert Jahr — wird nicht allezeit streng sein. Später wird man schon einmal einen Tag nicht zu fegen brauchen — und dann auch einmal zwei Tage nicht — und schließlich wird alles werden wie vorher. So war es ja jedesmal gewesen, wenn der Zar oder der Gubernator einen neuen Herrn geschickt hatte. Aus die Kommandantur sollte jeder kommen und sich einschreiben lassen in ein großes Buch? Gut. Und sie kamen in endlosen Prozessionen und warteten geduldig und ließen sich fragen und standen Rede — nicht immer sehr deutlich, und niemals kurz, und ein klares „Ja" oder „Nein" brachten sie selten heraus; aber — sie fügten sich. Und ihre Meinung von der Sache verdichtete sich höchstens im innersten Herzen zu dem Gedanken: Umstände macht sich der Herr Kommandant! Wer schließlich, zu was soll er nicht lassen schreiben ins große Buch, wenrsis ihm beliebt zu machen Umstände? Ist er doch der Herr Kommandant und kann tun, was er will . . . Und der Badezwang wurde eingeführt. Einmal in jedem Monat. Da war zum ersten Male so etwas wie ein passiver Widerstand zu spüren. Nicht wegen des Badens, obwohl es allen überflüssig und vielen seltsam dünkte. Aber: Eine Mark! Einen halben Rübbell! Fünfzig Koppekes! Und sozusagen für nichts und wieder nichts! (Fortsetzung folgt.) ' Lprechlssl. Arrßrmf anläßlich des zehnjährigen Bestehens der I ü d i sch e n Blindena n st a l t (Berh Jwrim). Wir hätten das zehnjährige Bestehen unserer von William Neumann begründeten. Jüdischen Blindenanstalt als Fest begehen sollen! Wir hätten uns freuen sollen, zehn Jahre nach der Grundlegung des Gebäudes ein festgefügtes, schön und stark gebautes Werk geschaffen zu haben, dessen Notwendigkeit erkannt war, dessen Nutzen sich bereits erwiesen hatte und das eine.segensreiche Zukunft versprach! In der Tat! Unerwartet rasch füllte sich unser Halls, dessen Wände bald zu eng wurden, mit blinden Insassen jeglichen Alters und jeglichen Bildungsgrades. Allen bot es ein würdiges Heim, in dem sie sicher wohnen und einer sorgenfreien Zuklinft entgegensetzen durften. Auch das Interesse der Glaubensgenossenschaft im allgemeinen hatte sich unserer Anstalt in immer steigendem Maße zugewandt. Viele, welche die Bedürsnisfrage anfangs verneint hatten, lernten sie bald bejahen, fast jeder aber, der von der Existenz und dem Gedeihen des Instituts erfahren, hatte nach besten Kräften sein Schärflein dem Hause gespendet. Allch den Bedürftigen unter den jüdischen Kriegsblinden., die an Zahl gering gebliaben sind, hatte die er sonderliche Hilfe gebracht werden können. Nlln ist aber mit dem Ende des ersten Dezenniums statt der Festesfreude die schwere Sorge gekommen, denn eine Katastrophe muß eintreten, wenn nicht bald und stark geholfen wird. Unser Jnstitilt lebt trotz seiner gemeinnützigen Wohltätigkeit ohne behördlichen Zuschuß, lediglich von den freiwilligen Beiträgen hochherziger Glaubensgenossen. Durch die schwere Not der Zeit lasten enorme Aufgaben auf uns. Der einzelne Insasse kostet uns etwa das Sechsfache der Friedenszeit. Hingegen sind die Einnahmen nicht vermehrt worden. Zwar haben unsere Mitglieder in dankenswerter Weise Zumeist nicht ihre Hand der Blindenanstalt entzogen, aber nur ganz wenige haben den Beitrag vermehrt, und neue Mitglieder sind kaum eingetreten. So halten nicht mehr wie früher Ausgaben und Einnahmen das Gleichgewicht. Wir haben unsere Ersparnisse und Reserven in Anspruch nehmen müssen, die ganz anderen Zwecken dienen sollten. Sind auch diese -aufgebraucht, so muß unsere Anstalt unfehlbar zugrunde gehen. Sie kann nur bestehen, wenn es gelingt, eine Vervielfachung der Einnahmen zu erlangen. Dieser Bericht sei daher ein eindringlicher Ruf an die Herzen unserer Gönner und Mitglieder, die unserer Anstalt die Treue bewahrt haben, aber auch aller derer, die ein warmes Mitgefühl für die Sache der Blinden haben: Helft unserem Werke, helft eurem Werke, helft den Unglücklichsten der Unglücklichen, auf daß sie ihr Heim nicht verlassen müssen, in dem sie Ruhe und Sorgenfreiheit und ein Gemeinwesen, ja Arbeit und Verdienst gefunden haben, in dem die Kinder belehrt und gebildet und Erwachsene beruflich ausgebildet werden! Helft und vermehrt eure Beiträge, und vor allem werbet uns neue Mitglieder! Nur ein kleiner Teil unserer deutschen Glaubensgenossen hat die Mitgliedschaft in unserer Mitte angetreten. Unter der großen Zahl derer, die nicht dabei sind, werden sich noch viele bereit finden zur Linderung eines Unglückes, das in dieser mitleidslosen Zeit doch noch die Herzen bewegt und die Hilfsbereitschaft erweckt. Unser Bureau, Rosenstraße 2—4, übernimmt gern jede Arbeit auf dem Gebiete der Werbung und wir bitten Anfragen und Beiträge dorthin zu senden. Der Vorstand des Vereins Jüdische Blindenanstalt für Deutschland E. V. Geheimrat Prof. Dr. R o s i n , z. Z. Vorsitzender. Mchereinlauk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet ha keinem Falle statt. Cha-im Nachmann Bjalik. Gedichte, aus dem Hebräischen übertragen von Louis Weinberg. Welt-Verlag, Berlin, 1920. Preis geheftet 6,50 Mark, gebunden 9 Mark. Pudlieation No. 7. The Doctrine ok Mertis in Old Rabbinical Literature by A. Marmorstein, Ph. D. London 1920. „Sabbatweihe " 150 Betrachtungen in Gebetsorm über sämtliche Thoraabschnitte und über besondere Sabbate und Festtage von Lion Wolfs. Verlag von Gustav Engel, Leipzig. 1920.