Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 33 (1.10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 383 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nutzbar zu machen. Bis zum letzten Hauche ging ihr die Kunst über alles. > Sie hatte die Freude, ihre musikalische Begabung auf ihre beiden Kinder vererbt zu sehen. Ihr Sohn Friedrich Kaula, Direktor der München-Dachauer Papierfabrik, ist ein bekannter Mäzen der Münchener Gesellschaft. Ihre Tochter Magdalene, die Gattin des bedeutenden Literarhistorikers der Münchener Universität Professor Franz Munker, hatte sich schon als junges Mädchen als Pianistin Ruf erworben und die pianistische Begleitung bei den Gesangstunden wie bei den öffentlichen Aufführungen der Kaulaschen Schülerinnen übernommen. Nach dem Tode ihrer Mutter ihat sie deren verwaister Schülerinnenschar die liebevollste mütterliche Fürsorge angedeihen lassen. In ihrem letzten Lebensjahrzehnt hatte Frau Kaula noch die Genugtuung, daß ihre verwitwete Schwester, Frau Helene Wertheimer, die ihr an Geist und Güte, Bildung und echter Weiblichkeit ebenbürtig war, von Wien nach München übersiedelte und in ihrem Hause eine neue Heimat fand. Geistig und körperlich frisch und rege bis zu ihrem Ende hat sich Frau Kaula in allen Schichten einer ungewöhnlichen Verehrung erfreuen dürfen und ihr Heimgang bedeutete nicht nur für das musikalische München einen schmerzlichen Verlust. Ihr segensreiches Wirken als Gesangs- Pädagogin wie ihre edle Persönlichkeit leben im Andenken aller derer, die sie gekannt «und geschätzt, nnvergessen fort. Ihrer Schwester Anna Ettlinger in Karlsruhe danken wir wertvolle Nekrologe auf Hermann Levi und den der Familie ebenfalls eng befreundeten Felix Mottl. Sie genießt in ihrer Vaterstadt hohes Ansehen durch ihre literarischen Vortrüge wie als Schriftstellerin, und ihre Uebersetzungen aus dem Englischen und Polnischen gelten als vorbildlich. Breslau. R e g in a Reißer. Sukkoch. Von S. Afchner U eber uns wölbt sich die Hütte. Von rankendem Grün umlanbt. Lachender' Früchte Füllhorn Quillt über unserm Haupt. Wir sind so tief geborgen, So frei von Angst und Harm, So fern von Lebens Sorgen, So sicher in Gottes Arm. Am Tag versehrt nicht die Sonne Und nicht der Frost bei Nacht. Wir fühlen nur Lieb und Wonne, Von blühendem Glück überdacht. Kommt mit in unsre Hütten, Die ihr nach Frieden sucht. Er wohnt in unsrer Mitten Unterm lachenden Prangen der Frucht. Gott hat ja auf Adlersslügeln Uns sicher gebracht bis hierher, Ueber Wüste, Wald, Höhe und Hügel Und über Abgrund und Meer. Nun liegt das in fernem Grunde Wie wesenloser Schein. Nun kommt tiefster Feierstunde Atem zu uns herein. Der ewigen Wandrung Verhängnis Fällt ab von uns wie ein Kleid. All unsre Not und Bedrängnis Segnet die Gnade der Zeit. Lum Feste der Hütten. urch unwegsames Wüstenland und glühend heißen Wüstensand sind unsere Väter einst geschritten. Vor ihnen ging einher die Not, Und hinter ihnen schlich der Tod; doch sie vertrauten fromm und stritten. .In Hütten ohne Wehr und Schutz, dort wohnten sie und boten Trutz der Wüste heimlichen Gefahren; Denn über ihnen hielt die Wacht in Glut und Brand und Wetternacht Der Herr und seine Himmelsscharen. Am Ende ihrer Leidensbahn erschauten sie ihr Kanaan. — Nun ruhten aus die Wandermüden. Sie bauten fromm ein Heiligtum zu ihres Gottes Ehr' und Ruhm und fanden ihren Heimatfrieden. — Mein Volk, laß sinken nicht den Mut, umweht dich wieder Wüstenglut wie einst in längst vergangnen Zeiten, Bau' dir die schlichte Hütte auf und blick' zum Sternenzelt hinauf; dort thront dein Gott, für dich zu streiten. Er führt auch dich die rechte Bahn zu deines Friedens Kanaan, bleibt dir zu eig'ner Kraft Vertrauen. Mag rings dann Dämmerung um dich sein, du wirst zuletzt im Frührotschein auch deinen Friedenstempel schauen. Ge l sen k i r chen. <2. N a tz. Die Gelchichte der srmen Llther. Von Walter Wolfs. (»achdrukk verboten, chtundvierzig Stunden hatte die Gemeinde in den Kellern zugebracht — alle die bangen, langen Stunden zwischen dem Abmarsch der Russen und dem Einzug der Deutschen. Zwar — viel zu leiden hatten sie nicht gehabt in den letzten Jahren. Daß ein Pogrom vorgekommen war, desseil konnten sie sich kaum noch erinnern. Nun ja, ein paar betrunkene Soldaten prügelten wohl einmal einen Juden windelweich, der nachher wieder anfstand — wenn er das noch konnte — und, das Käppchen in der Hand, demütig um Entschuldigung für die Prügel zu bitten hatte — aber wer beachtet Kleinigkeiten, an die man seit langem gewöhnt war! Sie hatten sich immer gut zu stellen gewußt mit dem jeweiligen Vertreter des Gubernators, und die Rubel, die in gewissen, ziemlich regelmäßigen Zeitabständen in die Hände des Rabbiners und einiger anderer angesehener Mitglieder der Gemeinde gelegt wurden — ein jeder gab, was er konnte, der einen Rubel und jener einen Gulden und ein dritter gar nur zwei Kopeken — die fanden schon ihren Weg in verschwiegene Taschen. Und die Gemeinde stand sich gut dabei. Aber schließlich: Polen ist groß und der Gubernator ist weit. . . und der Zar noch viel, viel weiter. Vieles geschieht und möglich ist alles — die Erfahrung hatte die Gemeinde schon des öfteren machen müssen. Und nun gar im Kriege... Das Gerücht war gekommen, die Russen hätten eine große Schlacht verloren. Ihre Verluste wuchsen von Stunde zu Stunde um Tausende, dann um Zehntausende — jeder, der die Kunde murmelnd und tuschelnd weitergab, fügte neue vier- oder fünfstellige Zahlen hinzu. Man hatte Schreckliches von den Russen und ihren Kosaken gehört, wenn die einmal znrückgehen mußten — Schreckliches auch von den Deutschen.