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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-01 · Heft 33 (1.10.1920) · p. Seite 382

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 33 (1.10.1920)
Date
1920-10-01
Page
Seite 382 (sequence 10)
Language
German
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I •I Man muß sagen, daß der Verfasser trotz der erwähnten geringfügigen Mängel seine Ausgabe, die er sich in der vorliegenden Arbeit gestellt, vortrefflich gelost hat. Er hat dqs ganze vorhandene Material zusammengestellt, das kaum noch eine nennenswerte Vermehrung zuzulassen feint. Die populäre Anlage.des Buches, seine zweckentsprechende Anordnung und seine hübsche Ausstattung erhöhen dessen Wert und lassen es als eine höchst willkommene Gabe erscheinen, die jedem jüdischen Leser dringend empfohlen werden kann. Wir wünschen dem Buche die weiteste Verbreitung. Lmillk ßanla. m 29. September 1912 schied Emilie Kaula, eine der hervorragendsten Gesangsmeisterinnen des neunzehnten Jahrhunderts, die auf das Münchener Musiklssben Jahrzehnte hindurch den weitesttragenden Einfluß ausgeübt hat, fast achtzigjährig von dieser Erde. Das Lebensbild dieser Glaubensschwester, über die bisher nur sehr wenig bekannt war, dem geschätzten Leserkreise dieses Blattes nahe zu bringen, soll die Aufgabe dieser kleinen Skizze sein. Emilie Kaula wurde am 9. Juli 1833 als die Tochter des Karlsruher Hofgcrichtsadvokaten Veit Ettlinger und seiner Gattin Sarah Sophie .Kaula aus Augsburg geboren. Inmitten einer za-hlveichen Geschwisterschar wuchs sie im Sonnenschein zärtlichster Elternliebe und Fürsorge heran und genoß eine vorzügliche Erziehung. Frühzeitig zeigte sich bei ihr ausgesprochene musikalische Begabung und namentlich eine auffallend schöne Stimme. Der Gedanke an eine künstlerische Ausbildung lag in jener Zeit den höheren jüdischen bürgerlichen Familienkreisen noch fast gänzlich fern. Der Eäcilien-Berein ihrer Vaterstadt, in dein Hündelsche rind Mendelssvhnsche Oratorien und Schumaniische Chorkompositionen aufgeführt wurden, gab dem jungen Mädchen häufig Gelegenheit zum Solosingen und in Schumanns „Paradies und Peri" hatte sie einen großen Erfolg. Der Dirigent des Vereins war auch Emiliens Gesanglehrer, verstand jedoch wenig von Stimmbildung und nur die glücklichen Anlagen seiner Schülerin bewahrten diese vor Gefährdung ihrer Stimmmittel. Ein Solo aus Mozarts „Jdomenev", das Emilie singen sollte, gab ihrer Mutter Beraulassllng, diese dem «Hernals berühmten, in- Karlsruhe lebenden Tenor Haiziuger zuznführen, der mit lebhaftem Interesse die Partie mit der jungen Kunstnovize studierte. Schon früher hatte Liszt sie in Karlsruhe gehört; bei einem ihm zrr Ehren veranstalteten Konzert, in dem sie nritwirkte, wurde ihr die Auszeichnung zuteil, dem berühmten Gast einen Lorbeerkranz überreichen zu dürfen, wofür sie Liszt mit schnreichelhaften Worten auf die Stirn küßte. Von außerordentlicher Bedeutung für Emiliens musikalische Ausbildung war ein längerer Aufenthalt in Paris, im Hause ihres dort verheirateten älteren Bruders. Sie blieb von 1858 bis 1861 dort und kam namentlich durch ihren Vetter, den Komponisten Friedrich Gernsheim, der seinen Studien eine Reihe von Jahren in der französischen Metropole oblag, mit vielen musikalischen Größen in Berührung, u. a. auch mit dem berühmten Gesangsmeister Julius Stockhausen.. Dieser hatte in Paris einen vorzugsweise aus Deutschen bestehenden kleinen Gesangverein gegründet, den er leitete; Emilie sang in diesen: Chor und Stockhausen erklärte,.er höre stets sofort ihre schöne Stimme heraus. Durch diesen Verein lernte sie auch Frau Viardvt-Garcia kennen, die ihre Stimme sehr schön fand und sie einlud, bei ihr zu singen und ihren Unterrichtsstunden zuhörend beizuwohnen. Fraglos haben diese beiden Gesangsgrößeu bedeutenden Einfluß auf Emilie gehabt. Bei Gernsheim traf sie u. a. auch Saint-Saöns, Eolonne, die Millanollo und viele andere Musiker und Sänger von Ruf. Unter den deutschen Musikern, die ihr schon damals > näher traten, war vor allem der spätere Hoskapellmeister in Karlsruhe und Generalmusikdirektor Hermann Levi und dessen Bruder, der unter.dem Namen Lindecke i« Paris wirkte. In , den Pariser Aufenthalt Emiliens fiel auch die berüchtigte erste Tannhäuser-Aufführung, der auch Emilie mit' ihrem Bruder beiwohnte. Heimgekehrt vermählte sich Emilie noch in demselben Jahre >861 mit einem Verwandten ihrer Mutter, dem damaligen Bankdirektor Hermann Kaula aus Harburg. Kurze Zeit darauf übersiedelten jedoch die' Gatten nach München, der Vaterstadt Kaulas, wo dieser ein- Bankgeschäft gründete. Die junge Frau setzte hier eifrig ihre musikalischen Studien fort, nahm noch längere Zeit Gesangunterricht, gründete ein Gesangsquartett und in ihrem Hause fanden oft musikalische Aufführungen statt, die sich später zu einem -glänzenden musikalischen Salon erweitern sollten. Im Jahre 1872 kam Hermann Levi von Karlsruhe nach München und durch ihn wurde sie mit Brahms bekannt, dem sie mit ihren Ouartettmitgliedern seine „Liebeswalzer" vorsang, die dieser und Levi begleiteten. Nachdem 1876 Emiliens Gatte nach längerer Krankheit gestorben war, begann sie ihre Kunst als Berirf auszuüben. Ihr Gesangsquartett entfaltete sich zu einem Gesangverein, für den sie junge Dirigenten von musikalischer Bedeutung zu gewinnen wußte, u. a. auch Joseph Rubinstein. Emilie Kaula gebührt das Verdienst, in einer Zeit in München für Brahms eingetreten zu sein, als dieser noch unbeachtet war; viele seiner Kompositionen erfuhren in ihrem Hause ihre erste Aufführung, ebenso später die Blumenmädchenszene aus dem „Pavsifal" wie die ersten Kompositionen des jungen Richard Strauß. Als Hermann Levi die glänzenden gesangspädagogischen Erfolge seiner Freundin wahrgenommen hatte, empfahl er sie warm jungen Gesangstudiereuden. Ihre erste Schülerin war die spätere Konzertsängerin Pia von Sicherer, zahllose andere folgten, die überall in deutschen Landen ans der Bühne und im Kvnzertsaal den Ruhm der Kaulaschen Gesangschule verkündeten. In den achtziger Jahren veranstaltete Frau Kaula mit ihrem Schülerkreise und ihrem Gesangverein auch, einige Opernaufführungen; später fanden -nur öffentliche und private Konzerte statt und schließlich löste sie ihren Gesangverein auf. Bis kurz vor ihrem Tode bildete ihr Salon nicht nur den Mittelpunkt der Musikalischen Welt Münchens — -die Komponisten Ludwig Dhuille, Max v. Schillings u. a. m. verkehrten oft und gern in ihrem Hause —, auch viele Persönlichkeiten, die in den literarischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Kreisen Münchens Ruf und Ansehen ge'nossen, scharten sich um die hochgebildete, geist-, gemüt- und taktvolle Frau, von der sie reiche Anregungen empfingen und -die es in einzigeigenartiger Weise verstand, ihr Heim zu einer Stätte edelster Geselligkeit zu gestalten. Bis in die späteste Zeit konnte Frau Kaula ihren Schülern alles selbst Vorsingen, was ja bei jedem Gesangunterricht besonders wichtig ist. Als Gefanglehrerin war sie überhaupt nicht hoch genug zu schätzen; niemals hat sie Talentlosigkeit beschönigt. Mar Zeuger, der Komponist des „Kain", sagte von ihr kurz vor seinem Tode „sie ist die gewissenhafteste Lehrerin, die ich kenne, sie hat noch nie eine Stimme verdorben und hat noch nie versprochen, was sie nicht gehalten". Niemals hat sie wenig begabten Schülern trügerische Hoffnungen auf dereinstige reiche künstlerische Erfolge vorgespiegelt. So ist es ihr -natürlich nicht erspart geblieben, auch vielfach Undank zu ernten, jedoch bei weitem mehr Dank und Anhänglichkeit ist ihr zuteil geworden. Sie war ihrem großen Schülerkreise nicht nur die ernste, strenge, rastlose Lehrerin, sondern auch eine wahrhaft mütterliche Freundin uno Beraterin, und wo sie nicht selbst mit Geldmitteln Helsen konnte, suchte sie ihre einflußreichen Verbindungen für die ihrer musikalischen Erziehung anvertrauten jungen Talente f ' im i ■ —i—i——

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