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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-10-01 · Heft 33 (1.10.1920) · p. Seite 381

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 33 (1.10.1920)
Date
1920-10-01
Page
Seite 381 (sequence 9)
Language
German
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381 knüpfenden Sagen und Legenden im jüdischen Volksmunde werden. Verschiedene ' Ursachen haben mich von der Vollendung meiner zu weit angelegten Arbeit abgehalten. Doch habe ich einige Kapitel davon in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht, andere, noch unvollendete, ruhen in meinem Pulte, darunter das „Der hohe Rabbi Löw und sein Golem" überschviebene. — Seitdem haben sich mehrere Forscher mil der Frage dieses Problems beschäftigt, aber sie alle haben das Problem nicht gelöst, sondern nur noch mehr verwickelt, da ihnen die meisten Sagen, die sich an die Gestalt des Golem knüpfen, verschlossen geblieben und andere wohlbekannte von ihnen übersehen worden sind. Da ist nun ganz unerwartet vor kurzem ein jüdischer Gelehrter, C H a i m Bloch, mit einer anderthalbhundert Seiten starken Legendensammlung über den Prager Golem') hervorgetreten, die uns zum erstenmal Aufschluß über viele diesbezügliche Fragen gibt und die uns zu einer tieferen Erschließung dieses rätselhaften Problems mehr als all die bisherigen Versuche zu führen imstande ist. Wohl ist die Frage nach dem Wesen dieser Wundergestalt wie nach dem allgemeinem Motiv dieser Schöpfung und der sich an sie knüpfenden Sagen bedauerlicherweise noch immer nicht beantwortet. — es war dies auch nicht die Ausgabe des Verfassers und der Zweck seiner Untersuchung —, aber durch die zahlreichen von ihm gesammelten und übersichtlich geordneten und dargestellten Golem-Sagen gibt er uns zahlreiche Anhaltspunkte an die Hand, durch die wir unsere Untersuchungen aus diesem Gebiete beweiskräftiger zu gestalten und auf denen wir unsere Schlüsse zur Lösung dieser bedeutungsvollen Frage viel leichter, als es bisher der Fall war, auszustellen vermögen. Chaim Bloch, der sich bereits durch Veröffentlichung seiner chassidischen Geschichte in der jüdischen Literatur bestens eingeführt hat, hat uns hier in 27 Erzählungen, die er aus einem alten hebräischen Werke, in dem sie so lange unnütz geschlummert, ans Tageslicht gezogen, ein treffliches und vollendetes Bild des sagenumwobenen hohen Rabbi Löw und des von ihm geschaffenen Golem entworfen und uns zugleich den tieferen Sinn der Sagen erschlossen, die sich an diese Scheingestalt knüpfen, sowie der vielen Wundertaten, die der hohe Rabbi Löw mit dieser vollbrachte. Mit besonderer Anmut und vielem Liebreiz schildern sie die Geburt Rabbi Löws (in der ersten Sedernacht des Jahres 1513) und dessen Jugendjahre, seine Verlobung mit der Tochter des frommen und reichen Primas R. Samuel Schmecke Reich in Worms, sein Wirken . und sein Schaffen, berichten sie von seinen Disputen mit der Prager Geistlichkeit (unter Kardinal Johann Sylvester) zur Abwehr verschiedener Angriffe, sowie von seinen, sonstigen Leistungen und wunderbaren Errettungen der Prager Judenheit aus vielfachen Nöten und Gefahren, denen sie infolge von Anschuldigungen von Zeit zu Zeit ausgesetzt war und die für das ganze jüdische Volk verhängnisvolle Folgen hätten zeitigen können. Letzteres war auch'der Zweck der Golm-Erschaffung seitens Rabbi Löws, im Gegensätze zu den christlichen Meistern der mittelalterlichen Mystik, die sich ihrer Zaubergeschöpfe, der von ihnen künstlich erzeugten Scheinwesen, nur zu selbstsüchtigen Zwecken, zur Erlangung und Errichtung persönlicher Vorteile zu bedienen gedachten. Immer, in allen Sagen, wird hier der Golem zum Schutz verfolgter Juden benutzt, in solchen Fällen, wo rein menschliche Kraft und Weisheit nichts mehr auszurichten vermag. Die Erzählungen und Legenden des Blochschen Buches sind schon an sich von großem Interesse. Es herrscht in diesen Schöpfungen ein so eigener lieblicher Reiz, eine so kindlich- ') Der Prager Golem von seiner „Geburt" bis zu seinem „Tode". Nach einer alten Handschrift bearbeitet von Chaim Bloch. Mit einer Einleitung von Hans Ludwig Held. Wien 1919. 152 Seiten. naive und doch so mächtig anziehende Gläubigkeit, daß sie, so verwerflich sie auch der Vernunft in logischer und religiöser Rücksicht erscheinen, dennoch wogen ihres ethischen und ästhetischen Wertes das Vergnügen der Gebildeten aller, folgenden Geschlechter bleiben werden. Aber sie werden auch den Fachgelehrten eine gewichtige Quelle für ihre kulturhistorischen und religionsgeschichtlichen Forschungen bilden, und die Literatur zur Lösung des Golem-Problems wird durch sie eine wesentliche und unschätzbare Bereicherung gewonnen haben. Als wertvolle Ergänzung zu seinem Buche gibt uns Bloch in einem wissenschaftlichen Vor- und Nachwort einen Ueberblick über die Golem-Legende in all ihren alten und neuen, manchmal sich auch widersprechenden Fassungen bis aus Gustav Meyrink und seinen letzten Roman „Der Golem", der freilich den Ursprung dieser Sage und ihre tiefere Bedeutung nicht anzugeben weiß. Zu den Nachbemerkungen, dem zweiten Teile des Buches, wäre wohl einiges zu bemerken. In dein Verzeichnisse der verschiedenen Golem-Schöpsungen in alter und neuer Zeit (S. 124) vermissen wir die Anführung dieser Sage bei R. E l i a Wilna (dem Wilnaer Gaon, gestorben 1797), die sich bei den meisten seiner Biographen findet (s. Alijoth Elijahu von Josua Heschel Lewin, Wilna 1856, und Jewish Encyclopedia IV. S. 37), wenngleich diese auch nur eine durch die Namensgleichheit mit Elia von Chelm (um 1500) entstandene Abart von der Sage dieses letzteren zu sein scheint (vgl. meinen Aufsatz über diesen in der „Freien jüdischen Lehrerstimme", Nr. 7/8, S. 85). — In dem herrlichen Sagenkranz, den der Verfasser um die Gestalt des Rabbi Löw windet, fehlt die Sage, die an sein Wirken in Posen sich knüpft und die uns von seinem Kampfe mit dem Todesengel in der dortigen Synagoge erzählt, dessen Händen er die Liste der von ihm zu Tode geweihten vornehmen und angesehenen Männer der Posener Gemeinde, darunter er selber sich befand, zu entwinden sich bemühte. Es gelang ihm dies jedoch nur zum Teil. Denn ein Rest des Verzeichnisses war in der Hand des Todesengels zurückgeblieben, auf dem sich offenbar noch ein Name befunden hotte. Es war der Name Rabbi Löws. Während er so viele Namen den Händen des Todesengels entrissen hatte, mußte er seinen eigenen Namen zurücklassen und war außerstande, sein eigenes Leben zu retten. Rabbi Löw erkrankte gleich darauf und starb in wenigen Tagen (s. Ph. Bloch, „Die Sagen i des Posener Getto" in der Zeitschrift der historischen Geselli schüft für die Provinz Posen VI, S. 462 f.). Diese Sage ist! schon deshalb bemerkenswert, weil diese den Rabbi Löw im Jahre 1597 in Posen sterben läßt, während er unseres Wissens in Posen nur kurze Zeit gewirkt hat und tatsächlich erst viele Jahre später, im Jahre 1609 (am 18. Elul), und zwar in Prag, aus dem Leben geschieden ist. Seine Frau Perl ist einige Monate n a ch ihm (nicht vor ihm, wie Bloch anführt), am 12. Jjar 1610, gestorben (s. Hagoren, Bd. 2, S. 101, und Eisenstadt, Daath Kedoschim 77). Außer unserem Rabbi Löw gab es noch einen hohen Rabbi Löw, von dem der Verfasser, wre es scheint, überhaupt keine Kenntnis hatte. Dieser war der Landesrabbiner von Krakau, R. Arje L o e b, der Vater des unter dem Namen Secharja Klausner, der wegen seines hohen Wuchses allgemein der h o h e Rabbi Löb genannt wurde (s. Waldem, Schem-Ha-Gedolim I und Buber, Ansche Scheu:, S. 192). Dieser ist auch sehr oft mit unserem Liwa b. Bezalel verwechselt worden. — Ferner wäre zu bemerken, daß der von Bloch (S. 131) zitierte Posener Rabbiner R. Nastali Kohen, ein Enkel des Rabbi Löw, nicht im Jahre 1718, wie er angibt, sondern 1719 gestorben ist, und zwar am 24. Kislew (15. Januar), an demselben Tage, an welchem einmal die unglückselige Feuersbrunst in Frankfurt sein Lebensglück zertrümmert hatte (vgl. seine Grabinschrift im „Hagoren", Bd. 1, S. 101, und Brann in Gvaetz' Jubelschvist, S. 233).

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